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Armut macht Kinder krank

In Deutschland leben rund 2,5 Millionen Kinder von Sozialhilfe. Sie sind in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Besonders gravierend: Armut macht Kinder krank. Das belegen verschiedene aktuelle Studien.

Kinderarmut

Armut ist bedrückend – besonders für Kinder. Und in Deutschland sind Kinder häufiger betroffen als der Rest der Bevölkerung. Das zeigt der dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Während 12 Prozent aller deutschen Haushalte als arm gelten, steht dem eine Rate von 19 Prozent für Familien mit Kindern gegenüber. Nach dem Kinder-Report 2007 des Deutschen Kinderhilfswerks sind mehr als 2,5 Millionen Kinder unter 18 Jahren auf Sozialhilfe angewiesen. Besonders gefährdet sind Kinder, deren Eltern arbeitslos sind, Ein-Eltern-Familien, kinderreiche Familien und Migranten. Welche Einschränkungen Kinder in diesen Familien erleben, beschreibt die neunjährige Nathalie anschaulich. Armut ist für sie: „Wenn man nicht genug zum Anziehen kaufen kann. Wenn man nicht genug zum Essen hat. Wenn man nichts in seiner Freizeit machen kann. Wenn man keinen Fotoapparat hat, für Erinnerungen. Wenn man etwas zur Schule mitbringen muss, ein Buch oder eine Kassette, und man das nicht hat.“

Kinderarmut: Engpässe in allen Lebenslagen

Wie Nathalies Schilderung zeigt, wirkt sich ein knappes Budget der Eltern auf viele Lebensbereiche der Kinder aus. Zu Einschnitten kommt es zum Beispiel beim Wohnen, bei Sozialkontakten oder in der Bildung. Für Kinder bedeutet das oft, dass sie in einer verkehrsreichen Gegend ohne Spielplätze leben, in beengten Verhältnissen wohnen und kein eigenes Kinderzimmer haben. Kinder aus armen Familien können seltener Freunde zu Besuch einladen, feiern ihren Geburtstag in kleinerem Rahmen und nehmen weniger an Vereinsaktivitäten teil. Armut, niedriger Bildungsstand der Eltern und Migrationshintergrund führen außerdem häufiger zu schlechten Schulnoten, Klassenwiederholungen und geringerer schulischer Qualifikation. So schaffen nach einer Untersuchung der Arbeiterwohlfahrt aus dem Jahre 2004 sozial benachteiligte Grundschulkinder seltener den Übergang auf ein Gymnasium. Selbst ein guter Bildungsstand der Eltern ist nicht unbedingt hilfreich. Für Kinder, deren Mütter mindestens einen Realschulabschuss haben, sind die Chancen, auf das Gymnasium zu wechseln, viermal geringer, wenn sie arm sind. Hingegen wechseln 47 Prozent der nicht armen Kinder auf ein Gymnasium, auch wenn ihre Mutter nur die Hauptschule besucht hat. Bei armen Kindern sind es lediglich 17 Prozent. Dieses Ungleichgewicht in der Bildung verbaut vielen Armen langfristig Zukunftschancen.

Kinderarmut erhöht die Gesundheitsrisiken

Doch nicht nur in der Bildung sind arme Kinder benachteiligt. Während bei Erwachsenen eine chronisch schlechte Gesundheit das Risiko für Armut erhöht, verhält es sich bei Kindern umgekehrt. Ein Leben in Armut macht Kinder krank. Das belegen aktuelle Daten aus der bundesweiten Erhebung zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen – der so genannten KIGGS-Studie. An der von 2003 bis 2004 durchgeführten Studie nahmen rund 17.650 Jungen und Mädchen im Alter von 0 bis 17 Jahren teil. Die Forscher berücksichtigten neben dem Gesundheitszustand der Kinder auch den sozialen Status der Familien. Dieser wurde durch die Schulbildung der Eltern, deren Beruf sowie dem Nettoeinkommen bestimmt. Anhand eines Punktesystems ordneten die Experten die Kinder einem niedrigen, mittleren oder hohen Sozialstatus zu. Auch ein möglicher Migrationshintergrund wurde beachtet. Die Studie deckt etliche sozialbedingte Unterschiede auf. Einerseits weisen Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus seltener Allergien auf, nehmen weniger Arzneimittel und sind häufiger geimpft als Gleichaltrige mit hohem sozialen Status. Andererseits nutzen sozial benachteiligte Familien seltener die Früherkennungsuntersuchungen (U3 bis U9), die Kinder haben deutlich schlechtere Zähne und leben mit mehr gesundheitlichen Risikofaktoren. So können sie Stress schlechter abbauen, essen ungesünder und sind häufiger übergewichtig. Schon vor der Geburt sind sie schädlichem Nikotin stärker ausgesetzt und später greifen sie häufiger zu Suchtmitteln. Da sozial benachteiligte Kinder oft in verkehrsreicheren Wohnorten mit fehlenden Spielmöglichkeiten leben, sind sie häufiger an Verkehrsunfällen beteiligt. Außerdem machen sie in ihrer Kindheit und Jugend wesentlich mehr Erfahrungen mit Gewalt.

Kinder, die nicht regelmäßig Sport treiben, kommen extrem häufig aus Familien mit niedrigem Sozialstatus oder Migrationshintergrund. Mehr als ein Drittel der sozial benachteiligten Jungen und 40 Prozent der Mädchen im Alter von drei bis zehn Jahren betätigt sich seltener als einmal in der Woche sportlich. Fast die Hälfte der Mädchen in diesem Alter mit Migrationshintergrund treibt keinen Sport. Bei gleichaltrigen Kindern mit hohem sozialem Status liegen die Anteile mit 15 Prozent für Jungen und 12 Prozent für Mädchen deutlich niedriger. Bei Jugendlichen zeigen sich diese Unterschiede so ausgeprägt nur noch für Mädchen. Meist sind es vermutlich finanzielle Gründe, die beispielsweise eine Mitgliedschaft in einem Sportverein verhindern. Bei Migrantenkindern – insbesondere bei Mädchen – kommen noch kulturelle oder religiöse Vorbehalte hinzu.

Armut

Kinderarmut erschwert eine gesunde Ernährung

Auch in dem, was Kinder essen, zeigen sich Schichtunterschiede. Das gilt bereits für die Allerkleinsten. Mütter mit hohem Sozialstatus stillen zu 90 Prozent und zwar durchschnittlich 8,5 Monate lang. Sowohl Stillhäufigkeit als auch -dauer sind bei Müttern mit niedrigem sozialen Status geringer. Nur 67 Prozent von ihnen stillen im Durchschnitt sechs Monate. Später gibt es zu häufig fettreiche, tierische Lebensmittel und Süßigkeiten. Nach einer WHO-Studie stehen bei armen Schulkindern außerdem seltener Obst und Gemüse auf dem Speiseplan. Einige Familien interessieren sich nicht für eine gesunde Ernährung, manchmal reicht auch das Wissen darüber nicht aus. Doch oft fehlt es einfach am Geld. Denn pflanzliche Lebensmittel schlagen beim Einkauf deutlich zu Buche. Mehr als ein Drittel der Kosten für eine gesunde Kinderernährung entfallen auf Obst und Gemüse. Das zeigt eine aktuelle Erhebung des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE). Das Institut ermittelte die Preise für die von ihm empfohlene Optimierte Mischkost und verglich sie mit dem Leistungssatz von Hartz-IV-Empfängern. Für Kinder stehen täglich nur 2,57 Euro für Nahrung und Getränke zur Verfügung – für Jugendliche ab 14 Jahren mit 3,42 Euro etwas mehr. Das FKE errechnete, dass diese Beträge gerade mal den Bedarf von Dreijährigen decken. Danach weichen die realen Kosten drastisch von den Regelsätzen ab. Die Finanzlücke für Kinder von vier bis sechs Jahren beträgt rund 17 Euro (18 %) im Monat. Bei 15- bis 18-Jährigen fehlen monatlich fast 80 Euro (44 %). Das Ganze verschärft sich noch, wenn eine Ganztagsbetreuung in der Schule hinzukommt. Weil für eine warme Mahlzeit in der Regel zwischen 1,90 bis 3,50 Euro erhoben werden, verschlingt sie oft den gesamten Tagessatz. Ohne finanzielle Zuschüsse werden Kinder aus armen Familien daher vom schulischen Mittagessen ausgeschlossen. Und das bringt weitere soziale Probleme mit sich.

Kinderarmut und Ernährung

Mehr als nur ungesunder Lebensstil

Falsche Ernährung und wenig Bewegung führen unweigerlich zu Übergewicht. Und so zeigen die Daten der KIGGS-Studie tatsächlich, dass Kinder aus Familien mit niedrigerem Sozialstatus und aus Migrantenfamilien häufiger dick sind. Bei ihnen tritt starkes Übergewicht (Adipositas) bis zu dreimal häufiger auf. Der Schichtunterschied taucht konstant in allen Altersklassen auf. Bei Migrantenkindern im Alter von sieben bis zehn Jahren treten Gewichtsprobleme besonders deutlich hervor. Hier gibt es doppelt so viele übergewichtige Kinder wie bei Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund. Die Kieler Adipositasstudie KOPS fand heraus, dass selbst bei mehr Bewegung, weniger Fernsehkonsum und gesunder Ernährung Kinder aus sozial benachteiligten Familien häufiger übergewichtig sind als Gleichaltrige. Das heißt, eine sozial niedrige Schicht per se erhöht die Wahrscheinlichkeit für Übergewicht. Denn ein Leben in Armut und sozialer Benachteiligung bringt noch weitere Risikofaktoren mit sich. Wem aufgrund seiner (sozialen) Herkunft wenig Respekt begegnet, entwickelt geringe Selbstachtung. Wer früh erlebt, dass er seine Situation nicht ändern kann, resigniert. Vielen Kindern mit diesen Erfahrungen fehlen persönliche Stärken, die vor Übergewicht schützen.

kinderarmut und Übergewicht

Hier liegen die gesellschaftlichen Wurzeln nicht nur für Übergewicht, sondern auch für schlechte Gesundheitsaussichten. Die Kinder, die in Armut oder unter einschränkenden Lebensbedingungen aufwachsen, brauchen Hilfe von vielen Akteuren. Sinnvolle Ansätze wie Bewegungs- oder Förderangebote in Kindergärten und Schulen sind nur ein Teil davon. Auch geänderte Rahmenbedingungen in der Gesellschaft sind nötig. Die Debatten um Mindestlöhne, höhere Kinderzuschläge und Kinderbetreuung gehören ebenso dazu wie eine familienfreundliche Arbeitsmarktpolitik, kindgerechte Städtegestaltung und soziale Integration statt Ausgrenzung. Nur so erhalten benachteiligte Kinder faire Chancen.

Kinderarmut in Zahlen

Schon 2005 berichtet UNICEF – das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen – von wachsender Kinderarmut in den meisten reichen Nationen. Waren noch Anfang der neunziger Jahre Kinder und Erwachsene in Deutschland gleichermaßen von relativer Armut betroffen – das heißt, sie hatten weniger als 50 Prozent des Durchschnitteinkommens – stieg von 1990 bis 2001 die Kinderarmut um 2,7 Prozent an. Heute belegt Deutschland unter 24 Industriestaaten nur den 14. Platz hinter Tschechien, Spanien und Australien. Laut UNICEF lebt jedes zehnte Kind hierzulande in relativer Armut. Nach aktuellen Zahlen des Deutschen Kinderhilfswerks sind sogar 14 Prozent der Kinder betroffen. Jedes sechste Kind unter sieben Jahren lebt von Sozialhilfe – im Jahr 1965 war es nur jedes 75. Kind. Knapp sechs Millionen Kinder wohnen in Haushalten, in denen die Eltern über höchstens 15.300 Euro jährlich verfügen. Für Einkommen in dieser Höhe gilt in Deutschland der Steuerfreibetrag. Doch reicht dieses Geld kaum, um die Existenz einer Familie zu sichern.

Quelle: Rehrmann, N.: UGB-Forum 4/08 S. 172-175

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