Selen: Dem Tumorkiller auf der Spur?

Selen ist Bestandteil wichtiger Enzyme, die den Körper vor aggressiven Verbindungen schützen. Das Spurenelement wirkt daher nicht nur krebsvorbeugend, sondern vermindert auch das Wachstum bereits bestehender Tumoren. In welchen Mengen und gegen welche Krebsarten Selen hilft, ist allerdings noch strittig.

Selen gegen Krebs

Die Idee, Selen könnte vor Krebserkrankungen schützen, ist nicht neu. Bereits 1969 war Wissenschaftlern eine geringere Krebssterblichkeit in Gebieten mit selenreichen Böden im Vergleich zu Gebieten mit selenarmen Böden aufgefallen. Außerdem beobachteten sie, dass die Höhe der Selenaufnahme über die Nahrung bzw. der Selenspiegel im Blut mit der Häufigkeit von Tu-morerkrankungen zusammenhängt. Davon wurde schon vor Jahren ein Bedarf für Selen abgeleitet, der deutlich über der ermittelten durchschnittlichen Zufuhr aus Lebensmitteln liegt.

Selen: Baustein wichtiger Radikalfänger

Selen kommt im menschlichen Körper in so genannten Selenoproteinen vor, deren biologische Wirkungen sehr vielfältig sind. Das Spurenelement ist somit unter anderem daran beteiligt, krebsauslösende (karzinogene) bzw. erbgutverändernde (mutagene) Substanzen zu inaktivieren, bösartige Veränderungen von Zellen zu beeinflussen und auf das Immunsystem einzuwirken. Bei künstlich erzeugten Tumoren zeigte sich Selen besonders wirksam vor der Entstehung und in den Frühstadien der krankhaft veränderten Zellen. Die Wirkung von Selen hängt dabei von seiner chemischen Form, der Dosis und dem entsprechenden Krebsauslöser ab. Sauerstoffradikale können das Erbgut schädigen und somit Mutationen auslösen. Sie sind außerdem in der Lage, chemische Karzinogene zu aktivieren. Wissenschaftler nehmen an, dass Sauerstoffradikale darüber hinaus harmlose Viren so verändern können, dass sie krankheitserregend bzw. krebsauslösend werden. Die selenabhängigen Enzyme Glutathionperoxidase und Thioredoxinreduktase wehren die schädlichen Sauerstoff-Radikale ab. Vermutlich wirken auch andere selenhaltige Proteine als Radikalfänger.

Selen blockiert krebserregende Metalle

Metalle wie Cadmium, Blei, Zink, Arsen und Chrom können ebenfalls Krebs auslösen. Einige dieser Metalle stimulieren die Bildung von Sauerstoff-Radikalen, verändern das Erbgut oder hemmen Reparaturenzyme. Außerdem können sie co-karzinogene Aktivitäten entwickeln, das heißt andere Krebsauslöser unterstützen, oder das Wachstum von Tumorzellen anregen. Hier kann Selen krebsvorbeugend wirken, indem es diese Metalle zu Metallseleniden oder Proteinkomplexen bindet und dadurch unschädlich macht.

Tierexperimente zeigten, dass Zellen, denen ausreichend Selen zur Verfügung steht, langsamer wachsen als Zellen, die nur mangelhaft mit Selen versorgt sind. Durch das langsamere Wachstum hat der Körper vermutlich mehr Zeit, die geschädigten Zellen zu reparieren. Damit verringert sich das Risiko für Mutationen. Auch in Experimenten mit menschlichen Tumorzellen fanden Krebsforscher heraus, dass Selengaben das Zellwachstum hemmen. Zusätzlich regten sie in Versuchen die Produktion des Tumor unterdrücken-den Proteins p53 an und lösten den programmierten Zelltod (Apoptose) aus.

Selen gegen Krebs: Spurenelement stört Krebswachstum

Selen beeinflusst die Tumorzellen vermutlich dadurch, dass es die Anordnung der Mikrotubuli bei der Zellteilung hemmt. Dadurch wird die Wucherung der Krebszelle verhindert. In Studien mit menschlichen Leberzellen konnte beobachtet werden, dass sich die Tumorzellen nach Selengabe teilweise zurückbildeten. Dabei kam es zur Hemmung der krebsauslösenden Substanzen. Darüber hinaus wurden Gene aktiviert, die das Wachstum und die Teilung von normalen Zellen regulieren.

Weiterhin vermuten Wissenschaftler, dass die Thioredoxinreduktase und wahrscheinlich auch andere Selenoproteine bestimmte Funktionen des Immunsystems regulieren. Einerseits regen sie die Zellvermehrung von weißen Blutkörperchen, den Lymphozyten, an und stimulieren die Ausbildung von Rezeptoren für spezielle Signalstoffe des Immunsystems (Zytokine). Andererseits verhindern selenhaltige Enzyme eine Hemmung des Tumornekrosefaktors TNF, der bei einer Reihe von Tumorzellen die Kernteilung bzw. die Zellvermehrung behindert.

Wie wirkt Selen gegen Krebs - Studien zum Teil widersprüchlich

Selen wirkt im Körper also durch verschiedene Mechanismen auf die Krebsentstehung ein. Einige biologische Effekte wurden jedoch bisher nur in Tiermodellen nachgewiesen. Es ist daher fraglich, inwieweit sie auf den Menschen übertragbar sind. Um die Wirksamkeit von Selen für die Krebsprävention beim Menschen nachzuweisen, wurden seit Anfang der 80er Jahre zahlreiche epidemiologische Beobachtungsstudien durchgeführt. So konnte zum Beispiel in US-amerikanischen Untersuchungen gezeigt werden, dass eine höhere Selenkonzentration im Blut und in den Zehennägeln mit einem geringeren Auftreten von Prostatakrebs zusammenhängt. Eine japanische Studie kam zu ähnlichen Ergebnissen: Bei einer hohen Selenkonzentration halbierte sich das Risiko für Prostatakrebs. Auch für Lungen-, Dickdarm-, Magen- und Brustkrebs fanden Wissenschaftler einen antikanzerogenen Effekt des Selens. Allerdings konnten andere Studien einen schützenden Einfluss des Spurenelements nicht bestätigten.

Eine Reihe von Interventionsstudien sollte daher klären, ob eine gezielte Gabe von Selen das Auftreten von Krebserkrankungen vermindern kann. Dazu wurde beispielsweise Bewohnern von Linxian, einer Region in China, verschiedene Mineralstoff- und Vitaminpräparate verabreicht. In der Gruppe, die über fünf Jahre täglich eine Mischung aus Selen, Beta-Carotin und Vitamin E erhielt, sank die Krebssterblichkeit um 13 Prozent. In der gleichen Studie beobachteten die Wissenschaftler zu dem, dass höhere Selenspiegel im Blut mit einem geringeren Auftreten von Speiseröhrenkrebs und bösartigen Tumoren am Magenmund (Cardia) verbunden waren, allerdings nicht mit Krebs anderer Magenregionen.

Krebshäufigkeit bei Selengaben rückläufig

Eine weitere Interventionsstudie, die "Nutritional Prevention of Cancer"-Studie, sorgte für großes Aufsehen bei der Diskussion um den Effekt von Selen auf das Krebsrisiko. An ehemaligen Hautkrebspatienten wurde untersucht, ob die Gabe von täglich 200 Mikrogramm Selen das neuerliche Auftreten von Karzinomen der Haut beeinflusst. Die Zufuhr zeigte zwar keinen Effekt auf das Hautkrebsrisiko. Die Wissenschaftler beobachteten aber, dass die Gesamtsterblichkeit, die Todesfälle durch Krebs und die Krebshäufigkeit von Lungen-, Prostata- und Dickdarmkrebs durch die Selengabe verringert werden konnte. Allerdings gibt es auch hierzu widersprüchliche Ergebnisse: Eine weitere Studie, die das Wachstum und das Wiederauftreten von Geschwüren des Dickdarms unter einer Selenbehandlung untersuchte, konnte insgesamt keinen schützenden Effekt finden. In der Quidong-Studie wiederum, einer Untersuchung zur Prävention von Lungenkrebs mit Selengaben, konnten Wissenschaftler beobachten, dass das Risiko für Lungenkrebs in der Interventionsgruppe sank.

Selen und Krebs

Da die Ergebnisse so widersprüchlich sind, empfehlen anerkannte Ernährungsinstitutionen, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) oder das Institute of Medicine der USA, bisher keine höheren Selenmengen. Den vermuteten positiven Effekten einer erhöhten Selenaufnahme stehen zudem mögliche unerwünschte Nebenwirkungen gegenüber. Langfristige Aufnahmen über der vom Institute of Medicine empfohlenen Obergrenze von 400 Mikrogramm pro Tag gelten als gesundheitlich bedenklich, da eine chronische Vergiftung nicht ausgeschlossen werden kann. Diese kann sich durch Brüchigkeit und Verlust von Haaren und Nägeln, Verdauungsstörungen, Hautauschläge, knoblauchartigen Geruch der Atemluft, Müdigkeit und Reizbarkeit äußern.

Zu viel Selen ist schädlich

Aber auch geringere Dosierungen können Nebenwirkungen verursachen. Eine zusätzliche Aufnahme von Selen kann bei Personen, die mit Jod unterversorgt sind, wie dies in der deutschen Bevölkerung häufig der Fall ist, dazu führen, dass selenhaltige Enzyme des Schilddrüsenhormon-Stoffwechsels verstärkt aktiviert werden. Als Folge würden weniger Schilddrüsenhormone gebildet und damit die bereits hohe Anzahl von Erkrankungen der Schilddrüse weiter zunehmen. Außerdem ist bisher unklar, ob die Anlage von Selenspeichern im Organismus unbedenklich ist. Diese erfolgt bereits bei einer Menge, die die Sättigung der selenabhängigen Proteine nur geringfügig übersteigt. Dabei könnte es zur Speicherung von Selenschwermetallkomplexen in inneren Organen kommen.

Die unzureichende Datenlage sowie die komplexen Wirkungsmechanismen erfordern weitere intensive Forschung. Erst dann lässt sich der Nutzen einer höheren Aufnahme von Selen eindeutig beurteilen und neue Zufuhrempfehlungen ableiten.

Quelle: Schulze, M.; Krahl, N.; Schulz, M.: UGB-Forum 4/01, S. 180-182

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