UGB-Tagung 2020: erstmals online

Aufgrund der Corona-Pandemie fand die diesjährige UGB-Tagung erstmals als interaktive Online-Veranstaltung statt. Über 500 Teilnehmern folgten von Zuhause den Referenten vor dem eigenen Bildschirm. Trotz kleinerer technischer Holperer gab es zwei Tage mit annähernd echter Tagungsatmosphäre.

Mit dem ersten Vortrag führte Naturheilarzt Dr. Rainer Matejka in den aktuellen Stand der Fastenforschung ein. Studienergebnisse zeigten, dass Fasten die körpereigene Selbstreparatur aktiviere, die Stressresistenz verbessere sowie antientzündliche Effekte aufweise. Gerade im Hinblick auf Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes wirke sich die verbesserte Glucoseregulation günstig aus. Auch die Darmflora profitiere von regelmäßigen Fastenkuren.

Heilfasten gehe laut Dr. med. Verena Buchinger-Kähler, Leiterin der Fastenklinik in Bad Pyrmont, aber über Veränderungen im körperlichen Wohlbefinden hinaus. Fasten erfülle das Prinzip der Mind-Body-Medicine und bedeute auch eine Schärfung der Sinne, mehr Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper und bringe – besonders durch gemeinsames Erleben – eine spirituell-soziale Komponente mit sich.

Kommunikation und Beratung

Von ihren Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Arztpraxen berichtete Ernährungswissenschaftlerin Angela Will. Sie gab Ernährungsfachkräften hilfreiche Tipps, wie sich ein Kooperationsnetzwerk aufbauen lässt und welche Vorbereitungen bei der Arztakquise sinnvoll sind. So kämen konkrete Fall-Beispiele zusammen mit Therapieberichten bei Ärzten gut an, da sie für die Wirksamkeit der Ernährungsberatung ständen.

Anhand seiner VeChi-Diet- und VeChi Youth-Studie zeigte Prof. Dr. Markus Keller, dass ve­gan ernährte Kinder gesund heranwachsen. Wichtig sei aber eine vollwertige und abwechslungsreiche Lebensmittelauswahl, Vitamin-B12-Supplementation sowie ausreichendes Wissen der Eltern über kritische Nährstoffe zusammen mit einer guten Ernährungserziehung. Im Anschluss ergänzte UGB-Präsidentin Edith Gätjen praktische Tipps, wie die Umsetzung einer veganen Kinderernährung gelingt. Die beliebte UGB-Dozentin betonte, wie wichtig es für die Kinder sei, selbstbestimmt essen zu dürfen und eigene, positive Erfahrungen mit Gemüse und Co. zu machen.

Trinkwasser und Artenvielalt

Selbst Mineralwasser, das aus tiefen Schichten stammen muss, ist heute nicht mehr frei von anthropogenen, also vom Menschen verursachten Stoffen. Diese ernüchternde Erkenntnis brachten die Ernährungswissenschaftler Günther Wagner und Alicia Eisen vom Deutschen Institut für Sporternährung mit (Foto unten links). Dennoch schneide Mineralwasser in puncto Pestizid- oder Arzneimittelrückstände besser ab als Leitungswasser. Zudem gebe es noch immer Regionen mit alten Leitungen oder Armaturen, die das Leitungswasser mit Blei oder Nickel belasteten.

Für die drei derzeitigen Krisen im Hinblick auf Artenvielfalt, Landwirtschaft und Ernährung sensibilisierte Umweltjournalistin Tanja Busse. Derzeit finde das sechste große Massensterben der Erdgeschichte statt, was aber von der Politik weitgehend ignoriert werde. Vielmehr fördere die derzeitige Europäische Agrarpolitik den Verlust der Biodiversität. Hauptgründe seien Rodungen, die Versiegelung von Flächen und die weitere Intensivierung der Landwirtschaft. Ein Umdenken hält die engagierte Buchautorin für machbar, wenn Biodiversität, vielfältige Landwirtschaft und eine nachhaltige Ernährung künftig zusammengedacht würden, am besten mit allen Akteuren an einem Tisch. Mit biologischem Essen aus der Region könne jeder seinen Beitrag zu einer Veränderung leisten.

Vorteil Vollwert-Ernährung

In gewohnt heiterer Art erklärte Prof. Dr. Claus Leitzmann, was mit Lebensmitteln passiert, wenn sie verarbeitet werden und warum es deshalb wichtig sei, einen Teil der Lebensmittel in roher Form zu verzehren. Seine faktenreichen Belege für die Vorteile einer pflanzenbasierten Ernährungsweise gaben Ernährungsfachkräften gute Argumente für ihre Beratungspraxis an die Hand.

Zunehmende Wasserknappheit, Artensterben und Armutskrisen betreffen die Ernährungssituation weltweit. Dr. Karl von Koerber machte auf globale Herausforderungen im Zusammenhang mit Ernährung aufmerksam. Eine aktuelle Analyse anhand der internationalen Nachhaltigkeitsziele belege einmal mehr, dass sich mit der bevorzugten Wahl pflanzlicher, ökologisch erzeugter Lebensmittel, regional und saisonal angebaut, ein Beitrag zur Klimakrise realisieren lasse.

Mikroplastik allgegenwärtig

Jeder von uns nimmt pro Woche die Menge einer Kreditkarte an Mikroplastik auf. Dr. Mathias Boese, Experte für Lebensmittelüberwachung, machte unmissverständlich deutlich, dass Mikroplastik allgegenwärtig ist, sowohl in der Umwelt, der Luft als auch in Lebensmitteln. Obwohl Tierstudien Entzündungsprozesse durch Mikroplastik nachweisen, sei beim Menschen das gesundheitliche Risiko noch unklar. Generell wisse die Wissenschaft aber noch zu wenig für eine abschließende Bewertung. Vermutlich würde der größte Teil aber wieder ausgeschieden.

Der Leiter der UGB-Akademie Hans-Helmut Martin leitete das Thema der stillen Entzündungen – auch Silent Inflammation genannt – mit Informationen zu dem komplexen Stoffwechselgeschehen ein. Er präsentierte als eine der Ursachen die drei „zu‘s“: zu viel, zu süßes und zu fettes Essen. Durch zu wenig pflanzliche Lebensmittel in der Ernährung fehlten gleichzeitig häufig wichtige antientzündliche Nährstoffe. Der Mediziner Dr. Günther Schwarz wies darauf hin, dass für Ärzte die Anzeichen einer Silent Inflammation, wie ein gestörtes Allgemeinbefinden, schwer zuzuordnen seien. Er warnte davor, zu schnell zu psychologisieren. Die Kombination aus Bewegungsmangel, Stress und Fehlernährung befeuere das Entzündungsgeschehen und trage so auch zur Krebsentstehung bei. 90 bis 95 Prozent der krebsauslösenden Mutationen ließen sich auf Umwelt- und Lebensstilfaktoren zurückführen. Prävention müsse daher sehr viel mehr Beachtung erfahren, mahnte der Naturheilarzt. Das entsprechende Wissen dazu sei längst vorhanden.

Darmbarrieren und Depressionen

Dass auch depressive Verstimmungen und Depressionen ihren Ursprung in einer Silent Inflammation haben können, berichtete Dr. Ellwanger aus Herborn. Stress, falsche Ernährung, Alkohol oder Nikotin führten dazu, dass die Darmbarriere durchlässiger und über einströmende Bakterientoxine das Immunsystem aktiviert werde. Das führe unter anderem dazu, dass der Serotoninspiegel sinke und die Stimmung leide.

Der große Dank der Teilnehmer, die sich mit Kommentaren und Fragen im Chat aktiv an der Veranstaltung beteiligen konnten, galt besonders den Organisatorinnen der Online-Tagung Lisa Kuhl, Julia Bansner und Esther Nelle

Bild © UGB

Stichworte: Entzündung, Fasten, Mind-Body-Medicine, Kooperation, Ernährungsfachkraft, Medizin, vegane Kinderernährung, Vollwertkost, Trinkwasser, Leitungswasser, Umwelt, Nachhaltige Ernährung, Mikroplastik, Silent Inflammation, Depressionen


Stille Entzündungen – heimliche Gefahr Dieser Beitrag ist erschienen in:
UGBforum 3/2020
Stille Entzündungen – heimliche Gefahr


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