Heilfasten nach Buchinger

Fasten ist eine physiologische Fähigkeit von Menschen und Tieren, die als Adaptation zu den jahreszeitbedingten Schwankungen im Nahrungsangebot gesehen werden muß. Diese Zeiten der Entspeicherung, wo Menschen und Tiere von ihren Energiereserven leben, können in der Naturheilkunde genauso wie essen, sich bewegen, schlafen, atmen, therapeutisch eingesetzt werden.

Dr. Otto Buchinger - und das ist auch charakteristisch für Naturheilverfahren - kam durch ein Selbsterlebnis zum Fasten: Damals Sanitätsoffizier der Kaiserlichen Marine, erkrankte Otto Buchinger im Kriegsjahr 1917 nach einer Mandelentzündung an schwerem akutem, dann in chronischen Zustand übergehendem Gelenkrheuma (Rheumatisches Fieber). Schwer leidend und bewegungsbehindert, entschloß sich Dr. Buchinger 1919, dem Rat eines Bekannten folgend, sich einer Fastenkur bei Dr. Riedlin in Freiburg zu unterwerfen. "Diese Kur von 19 Tagen rettete mir wahrhaftig Existenz und Leben. Ich war schwach, mager, aber ich konnte wieder alle Gelenke bewegen", schreibt Otto Buchinger in seinen Lebenserinnerungen. Er erlebte am eigenen Leibe, was Heinz Fahrner, sein Nachfolger in der Klinik Buchinger am Bodensee, zutreffend beschreibt: "Das Fasten ist der stärkste Appell an die natürlichen Selbstheilungskräfte des Menschen, sowohl leiblich wie seelisch gesehen."

Buchinger-Fasten (bzw. Heilfasten) heute

Im Laufe der Jahrzehnte entwickelten Otto Buchinger und seine NachfolgerInnen, was man heute das "Buchinger-Fasten" oder die "Buchinger-Methode" nennt, dessen Herzstück das "Heilfasten" ist. Das Buchinger-Fasten stellt ein multidisziplinäres Programm dar. In der ersten Jahrhunderthälfte, als Otto Buchinger unter einem Dach ÄrztInnen, BewegungstherapeutInnen, PhysiotherapeutInnen, KünstlerInnen und SeelsorgerInnen in einem therapeutischen Team versammelte, war dies revolutionär. Inzwischen ist ein solches multidisziplinäres Behandlungsteam im Reha-Bereich zur Regel geworden. Entsprechend der Entwicklung der Medizin und der Naturheilkunde sind PsychologInnen in das Boot gekommen. Durch Qualitätsmanagement-Programme sowie Forschungsprojekte bemühen wir uns, die wissenschaftliche Basis des Fastens als Therapie zu belegen.

Heilfasten steht für ein mehrdimensionales Fasten:

Die körperlich-medizinische Dimension des Fastens besteht aus einer Methode, die die enge Betreuung von Fastern und Fasterinnen vorsieht: Evaluation des Gesundheitszustandes und daher der Fastenindikation, Unterricht über Fastenzusätze und Aufbauzeit, Fastenrhythmen und Rituale, z. B. 2-3 Liter Wasser trinken, regelmäßige Darmreinigung, ausreichend Bewegung und Entspannung im Wechsel, genügend Stille und Zeit zur Introspektion sowie die Legeartis-Behandlung von individuellen Krankheiten. Dieses setzt sowohl Kenntnisse im Umgang mit dem Selbstheilungspotential des Menschen, aber auch fundierte schulmedizinische Kenntnisse voraus (oft müssen medikamentöse Behandlungen während des Fastens modifiziert werden). Bei kurzem Fasten und für gesunde Menschen) (Menschen, die keine Medikamente zu sich nehmen, sich in emotionalem Gleichgewicht befinden und an keinen Eßstörungen leiden) können Ärztinnen und Ärzte im Hintergrund bleiben und kurze Fastenzeiten durch Fastenleiterinnen und -leiter betreut werden.

Die sozial-mitmenschliche Dimension des Fastens ist von größter Bedeutung und oft nicht thematisiert: Fasten in der Gruppe verbindet, macht solidarisch, vermindert die Aggressivität und radiert die sozialen Unterschiede aus. In vielen religiös motivierten Fastenperioden soll die eingesparte Nahrung an die Armen verteilt werden. Während des Ramadan versammeln sich die Familien jeden Abend, und nie wird der Platz für den Hungernden am Tisch vergessen. In einer religiösen Gemeinschaft Südfrankreichs pflegt man im Fall von Streit zu fasten, bis beide Streitende eine gemeinsame Lösung gefunden haben.

Die spirituelle Dimension des Fastens, auch wenn sie nicht von allen beim ersten Fasten wahrgenommen wird, ist untrennbar vom Fasten. Buchinger selbst schreibt: "Ich bilde mir zwar nicht ein, daß ich der einzige Fastenpionier im deutschen Sprachraum bin, wohl aber darf ich annehmen, daß ich wie kein zweiter den engen Zusammenhang zwischen Fasten und Spiritualität klar erkannt und folgerichtig im Auge behalten habe."

Die Indikationen zum Heilfasten mit dem multidisziplinären Buchinger-Programm können wir in drei große Gruppen einteilen (nach Statistiken der Klinik Buchinger am Bodensee):

Heilfasten - Gruppe 1:
Die Stoffwechselstörungen.

Dazu zählen Adipositas, Hyperlipidämie, Diabetes Typ II, Hyperurikämie und Bluthochdruck. Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen sind die übliche Folge dessen. Alle diese Parameter tendieren dazu, sich im Laufe des Fastens zu normalisieren, wie dies schon mehrmals dokumentiert wurde: So zählt das Fasten zur naturheilkundlichen Behandlung von Adipositas. Allerdings wirkt das Fasten bei Adipositas weniger durch die Gewichtsreduktion als solche, die es nach sich zieht, als durch die Bewußtwerdungsprozesse während eines Fastens, die Chance, andere Bewältigungsmuster von emotionalem Ungleichgewicht zu entwickeln, neue Lust an der Bewegung zu finden, ein erhöhtes Verlangen nach frischen, naturbelassenen Nahrungsmitteln, die es letzten Endes dem Menschen erlauben, weniger Fett und weniger Alkohol zu sich zu nehmen sowie sich mehr zu bewegen.

Heilfasten - Gruppe 2:
Die chronischen Erkrankungen

Die chronischen Erkrankungen, wie z. B. chronische Gelenkerkrankungen, chronische Erkrankungen des Verdauungsapparates, Migräne, Allergien, Asthma und Neurodermitis, um nur diese zu erwähnen. Dabei spielen mehrere Mechanismen zusammen: Die Nahrungsmittel-Antigenpause (auch Antigen-Karenz genannt), die Veränderung der Darmflora, die sistierende Zufuhr pro-entzündlicher Substanzen, etwa Arachidonsäure, die allgemeine Beruhigung durch den Streßabbau im Fasten und die katabolische Stoffwechsellage.

Heilfasten - Gruppe 3:
Die physischen und psychischen Erschöpfungszustände

(vorausgesetzt, daß noch Vitalreserven vorhanden sind). Das Buchinger-Fasten wird mit jeder Wiederholung vertieft. Einmal pro Jahr, unter ärztlicher Betreuung, den methodischen Hinweisen streng folgend, im Austausch mit anderen Menschen und offen für spirituelle Dimensionen des Lebens zu fasten, kann für einen Menschen wahrhaft Ganzheitsmedizin sein.

Aus der "Buchinger-Schule" entstand 1986 die "Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung", die sowohl Fortbildungen als auch wissenschaftliche Tagungen und Ausbildung von Fastenärztinnen und -ärzten anbietet und organisiert. Die Buchinger-Schule arbeitet in engem Kontakt mit spirituellen Einrichtungen, Universitäten, ganz besonders naturheilkundliche Abteilungen und gehört der "Europäischen Gesellschaft für klassische Naturheilkunde" an. Sie bemüht sich, sich mit seriös ausgebildeten Fastenleiterinnen und -leitern zu vernetzen sowie auch mit religiösen Gemeinden, die das Fasten - medizinisch richtig - praktizieren. Diese Gesellschaft ist offen für nichtärztliche Mitglieder!

Quelle: UGB-Tagung "Fasten aktuell", 6.-8.05.1999

Der Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung bildet kompetente FastenleiterInnen aus und hat ein spezielles Konzept für Fastenkurse entwickelt.
Aus- und Fortbildungen für FastenleiterInnen finden Sie hier

Wollen Sie selbst einmal Fasten? Qualifizierte Fastenleiter finden Sie im Netzwerk Gesunde Ernährung.

LITERATUR:
1. BUCHINGER SEN., OTTO: Das Heilfasten. Hippokrates-Verlag, Stuttgart
2. BUCHINGER, MARIA (Hrsg.): Heilfasten ist nicht Hungern. TRIAS, Thieme-Hippokrates-Enke-Verlag
4. LÜTZNER, HELLMUT: Wie neugeboren durch Fasten / Richtig essen nach dem Fasten. Gräfe & Unzer-Verlag, München
5. KUHN, CHRISTIAN: Heilfasten. Herder-Verlag, Freiburg
6. BRANTSCHEN, NIKLAUS: Fasten neu erleben, Herder-Verlag, Freiburg

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Dieser Beitrag ist dem UGB-Archiv entnommen.

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