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Träger Darm - was tun?

Verstopfung ist eine der häufigsten alltäglichen Beschwerden. Frauen sind mindestens doppelt so oft betroffen wie Männer. Durch eine Umstellung der Ernährung und einen veränderten Lebensstil können die Beschwerden in vielen Fällen deutlich reduziert werden.

träger Darm - Verstopfung

Eine verzögerte Entleerung des Darms wird als Darmträgheit oder Verstopfung bezeichnet, Mediziner sprechen von Obstipation. Die leichte Obstipation ist ein häufiges, schlecht objektivierbares Beschwerdebild und kann unterschiedliche Ursachen haben. Da sie verschiedene Krankheitsbilder umfassen, sind die Schwierigkeiten in der Diagnostik vielfältig. Obwohl sich in vielen Fällen keine ursächliche Grunderkrankung zeigt, gilt es zunächst, die Ursache abzuklären. Zum Beispiel können Diabetes, eine Schilddrüsenunterfunktion oder ein Tumor im Darm sowie neurologisch-psychische Erkrankungen wie Parkinson oder Depressionen verantwortlich sein. Oft sind es auch Nebenwirkungen einer Medikamenteneinnahme. Bei etwa jedem vierten Patienten ist eine Störung der komplexen Bewegungsabläufe des Darms mit der reflektorischen Entleerung die Ursache. Der häufig genannte Mangel an Bewegung als Mitverursacher einer Verstopfung lässt sich durch Studiendaten dagegen nicht belegen. Inaktivität sollte aber vermieden werden.

Was ist „normal?“

Der Transport der Nahrung im Darm erfolgt durch die rhythmische Peristaltik, die unter anderem vom Füllungsdruck des Darms abhängig ist. Ideal ist eine Transitzeit von 24-36 Stunden. Als normal gilt sowohl eine bis zu dreimal tägliche Entleerung als auch eine mindestens dreimal wöchentliche. Die Art der täglichen Ernährung bestimmt die Stuhlmenge, die bei westlicher Kost im Durchschnitt bei etwa 100 bis 500 Gramm pro Tag liegt (siehe Tab. 1). Ein Mangel an Füll- und Quellstoffen – insbesondere aus Getreide, Gemüse und Obst – führt zu einer Abnahme der Stuhlmenge, aber auch zu einer Änderung der bakteriellen Darmflora, zu veränderten Druckverhältnissen im Dünn- und Dickdarm und somit zu einer verlängerten Transportzeit. Patienten nehmen aus ihrer subjektiven Wahrnehmung heraus eine Verstopfung ganz anders wahr, als dies Ärzte tun. Betroffene verstehen unter Verstopfung verschiedene Dinge: zum Beispiel zu hart, zu selten, zu wenig oder zu schmerzhaft. So klagen sie zum Beispiel häufig über schwierigen und schmerzhaften Stuhlgang mit Ausscheidung von kleinen und harten Bröckchen, oft verbunden mit einem Gefühl der inkompletten Entleerung.

Ursachen für Obstipation

Organische Ursachen:
Darmtumuor, Diabetes mellitus, neurologische Erkrankungen (z. B. Parkinson, Multiple Sklerose), Demenz, Schilddrüsenunterfunktion, Psychische Störungen (Depression, Anorexia nervosa), Schwangerschaft, chirurgische Eingriffe, Beckenbodenveränderungen

Medikamente:
Opiate, Antidepressiva, Blutdrucksenker (Kalziumblocker, Diuretika), Eisen, Antiepileptika, Anti-Parkinson-Medikamente, Neuroleptika

Im medizinischen Sinne wird dagegen erst von einer Obstipation gesprochen, wenn die folgenden Kriterien erfüllt sind, auf die sich Gastroenterologen in der S2K Leitlinie von 2013 geeinigt haben. Danach müssen mindestens zwei der folgenden Symptome bei mindestens einem Viertel der Darmentleerungen während drei der zurückliegenden sechs Monate dauernd oder wiederkehrend vorgelegen haben:

  • heftiges Pressen
  • harte Stühle
  • Gefühl der inkompletten Entleerung
  • Gefühl der analen Blockierung
  • manuelle Manöver zur Stuhlentleerung, z. B. unter zu Hilfenahme des Fingers
  • zwei oder weniger Entleerungen pro Woche

Klagt ein Patient über dauernde Verstopfungssymptome, ist zunächst nach einer Grunderkrankung zu suchen, die ursächlich verantwortlich ist. Ansonsten können alle Empfehlungen rund um die bessere Stuhlentleerung nicht greifen.

Bevor irgendwelche Ernährungsempfehlungen gegeben werden, sollte grundsätzlich eine Kontrolle der täglichen Ernährung erfolgen, am besten über die Auswertung eines Sieben-Tage-Ernährungs-, Symptom- und Stuhlprotokolls. In sämtlichen Studien wird als erste Maßnahme auf die Ernährung hingewiesen. Doch die Tücke lauert im Detail und verlangt ernährungsphysio­logische Grundkenntnisse: Neben der Zufuhr von ausreichend Flüssigkeit kommt es vor allem auf die Menge und Zusammensetzung der „richtigen“ Ballaststoffe an. Zudem profitieren diese Patienten von Nahrungsmitteln, die die Darmflora beeinflussen, wie Sauermilchprodukte und Probiotika. Eindeutig förderlich wirkt sich ferner eine regelmäßige Mahlzeitenstruktur aus. Drei Hauptmahlzeiten mit eventuell auch ein oder zwei Zwischenmahlzeiten bewirken deutlich weniger Beschwerden als das Auslassen von Mahlzeiten oder zu große Portionsmengen.

Verstopfung

Trinken ist nicht alles, aber ohne Trinken ...

Patienten, die unter Obstipation leiden, trinken nicht weniger als Gesunde. In vielen Untersuchungen zeigte sich bezüglich der Flüssigkeitsaufnahme kein Unterschied. Lediglich das Trinken von weniger als 0,5 Liter wirkt stuhlhärtend. Insgesamt ist die Studienlage zur Wertigkeit der Flüssigkeitsaufnahme aber in Bezug auf die Stuhlkonsistenz und -frequenz uneinheitlich. Somit gilt für Patienten mit Verstopfung die gleiche Empfehlung wie für Gesunde: zwischen 1,5 und zwei Liter Flüssigkeit über den Tag verteilt. Nichtsdestotrotz wird mit der Bilanzierung des Trinkverhaltens und der Empfehlung sinnvoller Getränke der Grundstein einer Ernährungstherapie bei Obstipation gelegt. Zudem ist zu beachten, dass bei etwa jedem fünften Patienten dauerhaft Medikamente (Laxantien) eingesetzt werden müssen, deren Wirkung eine geregelte Flüssigkeitsaufnahme voraussetzt.

Stuhlgang- und Beckenbodentraining

Beim Stuhlgang- oder Toilettentraining geht es darum, den optimalen Zeitpunkt zu erwischen, um auf die Toilette zu gehen. Meist lässt sich ein individueller Rhythmus finden, der zwar von vielen Umgebungs- und Ernährungsfaktoren abhängig ist, der aber trotzdem eine gewisse Regelmäßigkeit zeigt. Das Toilettentraining setzt freiwillige und konsequente Mitarbeit des Betroffenen voraus, da es Zeit und ein Gespür für den eigenen Körper und die eigentliche Entleerung erfordert. Sinnvoll ist die Kooperation mit einem Physiotherapeuten. Durch das zeitgleiche Ansprechen bestimmter Muskelgruppen über ein Beckenbodentraining kann die Entleerung unterstützt werden. Zudem können hier Maßnahmen wie „nicht pressen“ und bestimmte Atemtechniken während des Stuhlgangs trainiert werden.

Ballaststoffe sind nicht gleich Ballaststoffe

Bei Obstipation, gleich welcher Ursache, spielt die heterogene Gruppe der Ballaststoffe eine besondere Rolle. Füll- und Quelleffekte sind je nach Wasserlöslichkeit völlig unterschiedlich. So ist es kein Wunder, dass so manche Studien zum Thema Obstipation die Ballaststoffmenge unterschiedlich beurteilen. Denn allzu selten wird die Unterscheidung in lösliche und unlösliche Ballaststoffe gemacht, obwohl sie unterschiedlichen therapeutischen Nutzen haben.

Dieser Beitrag ist
im UGB-FORUM mit dem Schwerpunktthema
Ernährungstherapie
– gut informiert

erschienen.

Unlösliche Ballaststoffe wie Cellulose, Lignine oder Hemicellulose kommen vor allem in Vollkornprodukten oder Weizenkleie vor. Sie erhöhen die Stuhlmasse, ohne aber deren Gleitfähigkeit zu verbessern. Sofern der Patient bereits genügend Flüssigkeit zu sich nimmt und der Dickdarm ohne festsitzende Kotsteine im Rektum entleert ist, können diese Ballaststoffe die Darmentleerung wirkungsvoll unterstützen. Andernfalls würde die Gabe zu verstärkten Beschwerden führen und keinesfalls Erleichterung bringen. Im Gegenteil, gerade bei Patienten mit Blähungen, nach Darmoperationen oder bei Erkrankungen wie Darmentzündungen und Tumoren, bei denen mit Darmverengungen (Stenosen) zu rechnen ist, sollte die Gabe von unlöslichen Ballaststoffen über ein Normalmaß hinaus nur mit Achtsamkeit geschehen.

Die löslichen Ballaststoffe wie Pektin, ß-Glukan und Samenschleime sind vor allem in Gemüse und verschiedenen Obstarten sowie in Samenschalen wie Floh- oder Leinsamen enthalten. Sie dienen eher als Quellstoffe denn als Füllstoffe, können enge Darmschlingen besser passieren und machen den Stuhl vor allem feucht und gleitfähig. Gleichzeitig unterstützen sie als Prebiotikum die Darmflora, da sie den Darmbakterien teilweise als Nahrung dienen. Patienten mit Verstopfung bekommt diese Unterstützung in der Regel gut. Je nach Mikrobiom kann es hier zu Beginn der Umstellung zwar zu vermehrten Blähungen kommen, denen aber durch den gleichzeitigen Verzehr von Sauermilchprodukten wirkungsvoll vorgebeugt werden kann.

Ohnehin sollten Quark, Joghurt und fermentierte Sauermilchprodukte in keinem Tagesplan eines Patienten mit Obstipation fehlen. Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass Sauermilchprodukte und spezielle Probiotika einen geregelten Stuhlgang fördern. Inwieweit die isolierte Gabe eines Probiotikums sinnvoll ist oder ob nicht der regelmäßige Verzehr von Sauermilchprodukten ausreicht, muss im Einzelfall entschieden werden. Auf jeden Fall profitiert die Stuhlkonsistenz und die Stuhlfrequenz der Patienten durch die Veränderung der Biomasse im Dickdarm vom regelmäßigen Verzehr dieser Produkte.

Praktisches Ernährungswissen nötig

Ziel der Ernährungstherapie bei Patienten mit dem Leitsymptom Obstipation sollte es sein, die Betroffenen zu befähigen, einer Verstopfung vorzubeugen. Ferner sollten sie selbst in der Lage sein, wirksame Maßnahmen zu ergreifen. Durch das Führen und Auswerten eines Stuhlprotokolls können die Betroffenen besser einschätzen, inwieweit verzehrte Lebensmittel auf ihren Stuhlgang Einfluss nehmen und welche Gegenmaßnahmen ergriffen werden können. Aufgabe der Ernährungstherapie ist es, hierbei alltags­taugliche Tipps zu geben, die den Betroffenen eigenverantwortlich mehr Lebensqualität ermöglichen.

Eine ausführliche Literaturliste kann per E-Mail an [email protected] unter dem Stichwort Obstipation kostenlos angefordert werden.

Quelle: Schäfer, C.: UGB-FORUM Spezial Ernährungstherapie 2013, S. 13-15
Fotoquelle: dv76/Fotolia.com

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