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Laktoseintoleranz - Ein Enzym streikt

Etwa jeder zehnte Deutsche kann Milchzucker aus der Nahrung nicht vollständig abbauen. Streichen die Betroffenen Milchprodukte und milchzuckerhaltige Lebensmittel weitgehend von ihrem Speiseplan, verschwinden die Beschwerden.

Monatelang litt Sabine Schönberg unter Bauchkrämpfen, Durchfall und Blähungen. Zunächst hatte ihr Hausarzt auf Darmpilze getippt, doch eine vierwöchige Antipilzbehandlung brachte keine Besserung. Auch Stuhluntersuchungen, Magenultraschall und Darmspiegelung waren ohne Befund. Sabine Schönberg zog von Spezialist zu Spezialist. Doch keiner konnte eine organische Störung entdecken. Letztendlich stufte ihr Arzt die Beschwerden als psychosomatisch ein. Von ihren täglichen Schmerzen geplagt, begann sie bereits an sich selbst zu zweifeln. Auch an ihrem Arbeitsplatz und in ihrem Bekanntenkreis hielt man sie für wehleidig und übersensibel. Schließlich kam ein Facharzt für Allgemeinmedizin und Allergologie auf die Idee, sie auf Laktoseintoleranz zu untersuchen. Ein Belastungstest bestätigte den Verdacht. Sabine Schönberg kann aufgrund eines Enzymmangels Milchzucker aus der Nahrung nicht ausreichend abbauen. Er gelangt ungespalten in den Dickdarm, wo er die Beschwerden auslöst. Das Weglassen von milchzuckerhaltigen Lebensmitteln brachte Sabine Schönberg schnell Besserung.

Laktoseintoleranz

Viele Patienten mit Laktoseintoleranz haben einen jahrelangen Leidensweg hinter sich, bis die Ursache entdeckt wird. Weil die Krankheit in Europa nur wenig bekannt ist, denken die meisten Ärzte nicht daran, auf diese Stoffwechselstörung zu untersuchen. Da die üblichen labortechnischen Analysen ohne Befund bleiben, werden die Beschwerden als psychosomatisch eingestuft. Das ist gar nicht einmal so falsch, da bei jeder Erkrankung Körper, Geist und Seele im Wechselspiel stehen und nicht voneinander zu trennen sind. Dennoch muss auch der Stoffwechseldefekt erkannt und eine entsprechende Diät angestrebt werden.

Genetische Ursachen der Laktoseintoleranz

Experten schätzen, dass etwa 15 Prozent der Bundesbürger Milchzucker nicht ausreichend verstoffwechseln können. Am häufigsten tritt die so genannte primäre Laktoseintoleranz auf. Bei dieser Form geht die Aktivität des milchzuckerspaltenden Enzyms zwischen dem zweiten und zwanzigsten Lebensjahr allmählich zurück. Lange Zeit haben Mediziner angenommen, dass die Enzymproduktion abnimmt, wenn man nach der Stillzeit keine Milchprodukte mehr verzehrt. Für diese Theorie sprach das häufige Auftreten der Stoffwechselstörung bei Asiaten und Afrikanern, die traditionell keine Milchprodukte essen. Mittlerweile sind sich die Experten jedoch sicher, dass die Erkrankung genetische Ursachen hat. Extrem selten kommt die angeborene Form vor, bei der die Betroffenen von Geburt an nur minimale Mengen des milchzuckerspaltenden Enzyms bilden. Von sekundärer Laktoseintoleranz sprechen Fachleute, wenn aufgrund anderer Erkrankungen wie Zöliakie, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder Magen-Darmoperationen keine oder zu wenig Lactase in den Zellen des Dünndarms produziert werden kann. Eventuell kann auch eine Milchallergie die Ursache für die Beschwerden sein.

Welche Testverfahren gibt es?

Der Laktosebelastungstest wird am häufigsten durchgeführt, da er relativ einfach und preiswert ist. Der Patient muss eine konzentrierte Laktoselösung möglichst zügig trinken. Anschließend wird der Blutzucker alle 30 Minuten gemessen. Kann ein Patient die Laktose normal abbauen, steigt der Blutzuckerspiegel an. Wird der Milchzucker kaum oder nicht gespalten, bleibt der Anstieg gering oder ganz aus. Beim Laktose-Atemtest trinkt der Patient zunächst eine laktosereiche Lösung. Anschließend wird in verschiedenen Zeitabständen der Wasserstoff in der ausgeatmeten Luft gemessen. Ist der Wert hoch, weist dies auf eine Laktoseintoleranz hin. Denn bei der Vergärung von Milchzucker durch die Darmbakterien entsteht Wasserstoff. Eine relativ aufwendige Methode ist die Entnahme einer Gewebeprobe aus dem Dünndarm (Biopsie). Das Gewebe wird anschließend auf die Aktivität des Enzyms Lactase untersucht.


Laktoseintoleranz auf einen Blick

Laktoseintoleranz ist eine Unverträglichkeit gegenüber Milchzucker (Laktose). Die Betroffenen können das Enzym Lactase, auch ß-Galactosidase genannt, das im Bürstensaum der Dünndarmzotten gebildet wird, nur unzureichend oder überhaupt nicht produzieren. Der Mangel an Lactase führt dazu, dass der Milchzucker im Dünndarm nicht in seine Bestandteile Glucose und Galactose abgebaut werden kann. Die ungespaltene Laktose gelangt somit in den Dickdarm. Dort wirkt sie abführend, weil durch den osmotischen Effekt vermehrt Wasser aus den Zellen in den Darm einströmt. Zusätzlich bauen die Darmbakterien den Milchzucker zu kurzkettigen Fettsäuren und Gasen ab, was Blähungen verursacht. Die Gärungsgase zusammen mit der großen Flüssigkeitsmenge verursachen die typischen Beschwerden wie Völlegefühl, Blähungen, Bauchschmerzen, Kolliken, Durchfall und Übelkeit bis hin zu Erbrechen.


Viele Fertigprodukte enthalten Milchzucker

Je nach Grad der Erkrankung müssen Betroffene mehr oder weniger stark auf Laktose verzichten. Milchzucker kommt natürlicherweise nur in Milch und in den meisten daraus hergestellten Milchprodukten vor. Schwierig wird die Kostzusammenstellung dadurch, dass Milch, Milchprodukte oder isolierter Milchzucker Bestandteile zahlreicher Fertigprodukte sind. Vor allem Desserts, Eiscremes, Backwaren, Schokoladenerzeugnisse, Dressings, Instant-Suppen und -Soßen, Kartoffelpüreepulver, Streuwürzen, Fleisch- und Wurstwaren sowie Brotaufstriche können Laktose enthalten. Auch Süßstoff- und Kleietabletten sowie einigen Medikamenten wird Milchzucker zugesetzt. Bei Lebensmitteln muss der Zusatz in der Zutatenliste aufgeführt sein. Über die Menge der enthaltenen Laktose gibt das Etikett keine Auskunft.

Käse und Joghurt werden oft vertragen

Die meisten Personen mit Laktoseintoleranz vertragen kleine Mengen Milchzucker ohne Beschwerden. Nur wer an einem starken oder totalen Enzymmangel leidet, muss komplett auf Milchprodukte und milchzuckerhaltige Lebens- und Arzneimittel verzichten. Wenn die Störung nur gering ausgeprägt ist, können die Betroffenen Joghurt und Käse meist ohne Probleme essen. Diese Milchprodukte sind wertvolle Calciumlieferanten und sollten daher möglichst in den Speiseplan integriert werden. Zusätzlich tragen calciumreiche Nüsse und Samen, Gemüse sowie Sojabohnen zur Calciumversorgung bei. Hart- und Schnittkäse wie Gouda oder Emmentaler sind praktisch frei von Laktose. In Weichkäse wie Camembert oder Frischkäse findet sich nur wenig Laktose, lediglich Koch- und Schmelzkäse weisen größere Mengen auf. Joghurt und andere gesäuerte Milchprodukte enthalten zwar noch einen Teil der Laktose aus der Milch. Doch Enzyme der Milchsäurebakterien aus dem Joghurt sind in der Lage, im Darm Milchzucker zu spalten. Enthalten Joghurt und Dickmilch viel Fett oder werden sie gleichzeitig mit fetthaltigen Lebensmitteln gegessen, sind sie meist noch besser verträglich. Durch das Fett verweilt die Speise länger im Darm und die mikrobiellen Enzyme haben mehr Zeit, den Milchzucker abzubauen. Joghurts, denen Milchpulver zugesetzt wird, damit sie fester werden, enthalten mehr Laktose als naturbelassene Joghurts. Leider lässt sich dies am Etikett nicht erkennen. Hier bleibt nur, verschiedene Sorten auszuprobieren. Laktosehaltige Fertigprodukte und Milchprodukte, die einen deutlich höheren Laktosegehalt als Milch aufweisen wie Stutenmilch, Schmelzkäse, Molkenkäse, Kondensmilch und Milch-Trockenprodukte sollten bei allen Formen der Laktoseintoleranz gemieden werden. Meist wird gemeinsam mit einer Diätassistentin oder einem Diätassistenten ein individueller Speiseplan zusammengestellt. Letztendlich muss jedoch jeder selbst herausfinden, was ihm bekommt und was nicht. Mitunter kommen bei einigen Betroffenen auch noch Nahrungsmittelunverträglichkeiten hinzu ? wie kreuzallergene Reaktionen auf bestimmte Lebensmittel bei Pollenallergikern ? was die Gestaltung des Diätplanes erschwert.

Bei Laktoseintoleranz ist Selbstbeobachtung wichtig

Um herauszufinden, welche Lebensmittel vertragen werden, ist es hilfreich ein Ernährungstagebuch zu führen. Die Betroffenen notieren, wieviel sie von was gegessen haben und wie ihr Befinden war. Das erscheint zwar etwas aufwendig, mit der Zeit geht die Buchführung jedoch fix von der Hand. Zur Orientierung ist auch eine Lebensmittelliste nützlich (siehe Buchtipps), in der laktosefreie Lebensmittel aufgeführt sind. Am einfachsten ist es, wenn Menschen mit Laktoseintoleranz möglichst selbst kochen und keine Fertigprodukte verwenden, es sei denn, sie sind sicher, dass keine Laktose enthalten ist. Um das Enzymdefizit auszugleichen, werden in der Apotheke Lactasetabletten angeboten. Diese Tabletten wirken nicht bei jeder Person und bei jedem Essen gleich stark. Mitunter zeigen sie überhaupt keine Wirkung. Sie entbinden daher nicht von der Diät, deswegen verwenden viele Betroffene die Tabletten nur für den Notfall bei zweifelhaften Lebensmitteln oder einem Restaurantbesuch. Dennoch können die Enzympräparate bei dem einen oder anderen dazu führen, dass er Milchprodukte in gewissem Maße verträgt.

Auch die Seele braucht Unterstützung

Wichtig ist, dass die Betroffenen ihre Gedanken auf Gesundheit ausrichten. Vielen tut es gut, wenn sie etwas für ihre Seele tun, etwas, das ihnen Freude macht. Unterstützung finden sie bei liebevollen Mitmenschen und Freunden. Auch der Kontakt mit anderen Betroffenen beispielsweise in einer Selbsthilfegruppe kann beim Umgang mit der Krankheit helfen. Eventuell kommen auch alternativmedizinische Behandlungsmethoden in Frage; auch Autogenes Training, Yoga bzw. Meditation tragen dazu bei, das Gleichgewicht zwischen Körper, Seele und Geist wiederherzustellen. Aber nicht nur die Betroffenen müssen aktiv werden. Die Laktoseintoleranz muss auch in der Ärzteschaft und Öffentlichkeit bekannter und ernstgenommen werden. Dann könnte den Betroffenen viel unnötiges Leid erspart werden.

Kontakt: Kontaktstelle für Selbsthilfe KIBIS KISS, Bödeckerstr. 85, D-30159 Hannover

LITERATUR:
EHMANN, H.: Milchallergie was tun? In: Natur und Heilen 1, S. 38-43, 1998
MÜLLER, S.D.; DARSMENN, S.: APH-Allergie Milchzuckerunverträglichkeit, Emmerich,1998
SIEBER, R. u. a.: Laktoseintoleranz und Verzehr von Milch und Milchprodukten. In: Zeitschrift für Ernährungswissenschaften 36, S. 375-393, 1997

Quelle: Knobl, J.: UGB-Forum 2/00, S. 62-64
Foto: CMA

Weitere Informationen finden Sie hier:
Gut essen – bei Lebensmittelunverträglichkeiten
Allergien und Säure-Basen-Haushalt – was tun?

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Dieser Beitrag ist dem UGB-Archiv entnommen.

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