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Zahnschäden: Nach der Nuckel- die Rennfahrerflasche?

Nicht nur Zucker macht die Zähne kaputt. In den Blickpunkt der Zahnärzte rückt neuerdings die Zitronensäure. Sie bringt in Limos, Eistees & Co. spritzigen Geschmack. Saugen Kinder diese Getränke permanent aus Flaschen mit Saugventil, kann die Säure erhebliche Zahnschäden verursachen.

Kinderernährung, Zahnerkrankungen, Zahnschäden, Eistee, Getränke, Zitronensäure

Kinder mögen es süß. Eistee, Limo oder Apfelsaft trinken sie besonders gern. Saugflaschen, Schnabeltassen, Trinklern- oder trendige Rennfahrerflaschen mit Saugventil versorgen die Kleinen rund um die Uhr mit süß-sauren Flüssigkeiten. Zahnschäden sind so unvermeidbar. Denn neben Zucker ist in diesen Getränken häufig ein hoher Anteil an Zitronensäure enthalten, die für den erwünschten frischen Geschmack sorgt. Seit Jahren warnen Experten vor einer bedenklichen Übersäuerung der Kindernahrung durch Zitronensäure, die sich hinter dem Kürzel E 330 verbirgt. Die Säure wird vor allem eingesetzt, um den Geschmack vieler Lebensmittel zu verbessern: angefangen von Getränken über Eiscreme bis zu Konfitüre. Schon vor zehn Jahren wurden in der EU 181.000 Tonnen Zitronensäure für Lebensmittel verbraucht, vor allem für alkoholfreie Getränke.
Besonders gefährdet sind kleine Kinder. Die unkritische Verwendung der Zitronensäure hinterlässt inzwischen in den Milchgebissen von ein- bis dreijährigen Kleinkindern ihre verheerenden Spuren. Dabei handelt es sich eigentlich nur um die Fortsetzung eines schon seit langem in Deutschland bekannten Problems: der Schädigung des Schmelzes der oberen Milchschneidezähne, das zunächst als Zuckertee-Karies später als Nursing-Bottle-Syndrom bekannt wurde. Diesmal geht es aber nicht (nur) um kariöse, sondern überwiegend um erosive Schäden, die die Zahnsubstanz zerstören. Und das liegt besonders an Modegetränken wie den Eistees. Diese Tees erfreuen sich offensichtlich zunehmender Beliebtheit bei Kindern jeden Alters. Zahnmediziner nahmen sie daher unter die Lupe. Im Sinne der Kariesprophylaxe interessierten sie sich primär für die Fluoridbestandteile in dem Trendgetränk und aufgrund der potenziellen Kariesgefährdung auch für die zuckerhaltigen Inhaltsstoffe. Eigentlich nur der Vollständigkeit halber wurden dann auch die pH-Werte von 44 Eisteeprodukten analysiert.

Säure weicht Zähne auf

Die Resultate gaben ernsthaft zu denken. Denn die Säurewerte bewegten sich allesamt zwischen einem pH-Wert von 2,6 und 4, was besonders auf die industrielle Zugabe von Zitronensäure zurückzuführen war. Noch etwas anderes ließ die Alarmglocken schrillen: Diese Eisteegetränke fanden sich immer häufiger in den Nuckelgefäßen von Kleinkindern, die mit Gebisszerstörungen auffielen. In der Kinderzahnheilkunde in Gießen gaben dies 2001 fünf Prozent der Eltern an, 2002 waren es bereits doppelt so viele. Ältere Säuglinge und Kleinkinder, meist noch nicht der Windel entwöhnt, nuckeln das Säuregetränk häufig Tag und Nacht über das Ansaugventil. Die permante Säureumspülung der Zähne führt schon nach wenigen Monaten zu Schmelzerosionen an den oberen Schneidezähnen, gekennzeichnet durch eine bräunlich-graue Einfärbung und sichtbarem Kleinerwerden der Zahnkronen.

Dieser Beitrag ist im UGB-FORUM mit dem Schwerpunktthema
Von klein auf vollwertig
erschienen.

Irgendwann ist die verbleibende Schmelzschicht so dünn, dass schon unter normaler Kaubelastung der Kronenrest oder Teile davon abbrechen und zusätzliche Karies den Zahn erweicht. Die weiteren Folgen: Die Pulpa, das Innere des Zahns mit Blutgefäßen, Nervenbahnen, Dentin bildenden Zellen und Bindegewebe, wird abgetötet. Es kommt zum entzündlichen Abbau des Kieferknochens und bei verminderter Körperabwehr zu Gesichtsschwellungen und Abszessen. Dies wiederum beeinträchtigt die Allgemeingesundheit. Parallel führt die Kronenzerstörung der Zähne zu einer benachteiligenden Ästhetik; es kann auch zu Sprachproblemen kommen.
Neu ist, dass diesem bedauerlichen Rückschritt das kaum noch an Einfalt zu überbietende Vorbild erwachsener Idole vorausgeht. Gemeint sind Spitzensportler, egal ob nun drahtige Radrennfahrer, anmutige Turnerinnen oder Profifußballer. Sie alle saugen – möglicherweise auf Geheiß ihrer Sponsoren – geheimnisvolle Fitnessgetränke aus Ventilflaschen. Grund genug für viele Eltern, diese Symbole erfrischender Leistungsstärke auch dem eigenen hoffnungsvollen Nachwuchs zu gewähren. Und ist es ein Zufall? Geeignete kleinkindgerechte Nuckel-Rennfahrerflaschen befinden sich in breiter Variation längst auf dem Verbrauchermarkt.

Tipps für die Vorbeugung von Zahnschäden

Saugflaschen, aber auch neuartige Trinklerngefäße mit Schnabelaufsätzen oder Ansaugventilen können die Kariesentstehung begünstigen. Sie sind nur als kurzfristige Lernhilfe einzusetzen, bevor Kinder ab dem 10. bis 12. Lebensmonat das Trinken aus Bechern lernen.
Nach dem Essen oder Trinken von säurehaltigen Lebensmitteln sollten die Zähne nicht kraftvoll geschrubbt werden, da sich sonst der Abrieb der oberen Zahnschichten verstärkt. Statt dessen empfiehlt es sich, den Mund mit Wasser oder Milch auszuspülen, um die Säure zu verdünnen und den Ersatz der herausgelösten Mineralien zu beschleunigen. Zitronensäure greift den Zahnschmelz an, egal, ob als natürlicher Bestandteil eines Lebensmittels oder als Zusatzstoff. Auch andere natürliche Fruchtsäuren und zugesetzte Säuren schaden den Zähnen, wie Phosphorsäure (in Cola-Getränken), Kohlensäure oder Ascorbinsäure (Vitamin C). Das Risiko der Zahnschmelzzerstörung erhöht sich, wenn gleichzeitig große Mengen Zucker verzehrt werden. Kleinkinder sollten daher nicht ausschließlich und nicht in unbegrenzer Menge fruchtsäurehaltige Getränke bekommen, auch nicht Apfelschorle.

Für Kleinkinder ungeeignet

Die auf der Basis von Schwarztee hergestellten Eistees enthalten beträchtliche Anteile Coffein, so dass die jungen Konsumenten bei Aufnahme größerer Mengen des süßen Getränks eher unruhig werden, aufdrehen und Schlafstörungen entwickeln. Bei einigen Produkten kann der viel zu hohe Fluoridgehalt nach jahrelanger Zufuhr auch noch zur Dentalfluorose an den späteren, bleibenden Zähnen führen, das heißt zu einer Verfärbung und Veränderung des Zahnschmelzes. Fazit: Obwohl die Eistee-Vertriebsfirmen ihre Produkte nicht ausdrücklich als Nuckelgetränke für Kleinkinder ausweisen, sollten sie als Akt der freiwilligen Beschränkung auf die typischen Nebenwirkungen bei Säuglingen und Kleinkindern hinweisen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schlägt sogar vor, säurehaltige Süßwaren und Getränke künftig mit einem Warnhinweis zu versehen, dass ihr übermäßiger Verzehr – das heißt mehr als zwei Mal pro Tag – die Zahngesundheit gefährdet. Denn laut BfR gibt es in punkto Zahngesundheit für Süßwaren und Getränke keinen unschädlichen Zitronensäuregehalt. Eine Erhebung 2008 in der Kinderzahnheilkunde in Gießen zeigt zwar, dass nur noch etwa fünf Prozent der Eltern Eistee als Nuckelgetränk ihrer zahngeschädigten Kinder angaben. Die schlechte Nachricht: Als Vehikel aller Nuckelgetränke vermerkten jetzt bereits 30 Prozent der Mütter und Väter die oben beschriebenen Ventil (Rennfahrer)flaschen alleine oder in Kombination mit Saugerflaschen und Schnabeltassen. Kein Wunder, denn nach wie vor gefällt sich die Erwachsenen-Sportszene in dieser Hinsicht als naiv nuckelnder Trendsetter.

Onlineversion von:
Wetzel, W-E, UGB-Forum Spezial: Von klein auf vollwertig, S. 19-20
Foto: N. Rehrmann

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