Die Milch macht's – oder doch nicht?

Milch verursacht Allergien und Krebs, ist nur für Babys, sorgt für starke Knochen und sichert die Versorgung mit Calcium – über das weiße Getränk kursieren etliche Meinungen. Halbwahrheiten und widersprüchliche Aussagen verunsichern viele Verbraucher. Doch welche Aussagen sind wirklich belegt?

Kaum ein Lebensmittel ist in den letzten Jahren so sehr ins Kreuzverhör genommen worden wie die Milch. Die meisten Ernährungswissenschaftler heben die zahlreichen wertvollen Inhaltsstoffe hervor und ihre positive Wirkung auf die Gesundheit. Neben Wasser setzt sich Milch vor allem aus Protein, Milchzucker (Laktose) und Fett zusammen. Sie ist außerdem eine gute Quelle für unentbehrlichen Aminosäuren, die Vitamine A, B2, B12 und D sowie die Mineralstoffe Calcium, Kalium, Magnesium und Phosphor. Andererseits wird behauptet, dass verschiedene Bestandteile der Milch die Gesundheit beeinträchtigen könnten. Inzwischen machen einige Mediziner und Wissenschaftler das weiße Getränk für allerlei Krankheiten verantwortlich – angefangen von Akne und Allergien über Adipositas bis hin zu Krebs.

Die meisten Menschen vertragen keine Milch

Milchkritiker führen häufig an, dass Milch als artfremdes Produkt generell unverträglich für Menschen sei. Doch schon mit Beginn der Viehzucht vor rund 7000 Jahren haben Menschen in Europa und Kleinasien begonnen, Tiermilch als Nahrung zu verwenden. Eigentlich geht die Eigenschaft, Milch verdauen zu können, im Kindesalter nach und nach verloren. Doch weil sich durch das Erschließen der Milch als Nahrungsquelle ein Überlebensvorteil bot, behielten in diesen Regionen auch Erwachsene die Fähigkeit, das Enzym Laktase zu produzieren. Es spaltet den Milchzucker in verdauliche Bestandteile. In Südostasien, wo sich der Milchkonsum nie durchgesetzt hat, fehlt fast allen erwachsenen Menschen auch heute noch dieses Enzym. Weltweit zeigen etwa 75 Prozent der Erwachsenen eine Laktoseunverträglichkeit. Das heißt, sie haben Schwierigkeiten, den Milchzucker abzubauen. In diesen Fällen kann der Konsum von Milch zu Bauchschmerzen, Blähungen oder Durchfall führen. Bei Nord- und Mitteleuropäern ist das eher die Ausnahme. Hier haben über 80 Prozent keine Probleme mit der Milch. In kleinen Mengen und in fermentierter Form, zum Beispiel als Joghurt, ist Milch auch für Menschen mit einem Mangel an Laktase oft bekömmlich.

„Milch macht groß und stark“

Wer kennt nicht den Satz seiner Eltern und Großeltern noch: „Trink viel Milch mein Kind, dann wirst du groß und stark.“ Calcium, aber auch andere Inhaltsstoffe der Milch sind wichtig für den Knochenaufbau. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass sich der Verzehr von Milch positiv auf die Knochenmasse auswirkt. Der Konsum ist aber keine Garantie dafür, im Alter von Osteoporose verschont zu bleiben. Denn viele Ernährungs- und Lebensstilfaktoren beeinflussen den altersbedingten Abbau der Knochenmasse. Der Milchverzehr alleine macht’s also nicht. Wer sich ausreichend mit anderen calciumreichen Lebensmitteln versorgt, ist nicht auf Milch angewiesen.

Milchtrinker gesünder oder häufiger krank?

Seit Längerem wird diskutiert, ob der Milchkonsum auch die Entstehung von Krebs begünstigt. Überzeugende Beweise für einen Zusammenhang gibt es allerdings nicht. Lediglich bei Prostatakrebs scheint ein hoher und regelmäßiger Verzehr mit einem höheren Risiko einherzugehen (siehe S. 72). Für Dickdarmkrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall und Typ-2-Diabtes weisen Studien dagegen auf eine schützende Wirkung von Milch hin. Zudem konnte die Milch bisher nicht als Verursacher für Erkrankungen wie Adipositas oder Arteriosklerose verantwortlich gemacht werden. Allerdings erhöhte in einer Untersuchung an über 100.000 Schweden der tägliche Konsum von 2,5 Gläsern Milch oder mehr die Sterberate um 32 Prozent im Vergleich zu denjenigen, die nur ein Glas oder weniger pro Woche tranken. Der Verzehr von Joghurt und Käse senkte dagegen das Sterberisiko. Die Forscher schließen aber nicht aus, dass Lebensstilfaktoren für die beobachteten Effekte verantwortlich sind. Insgesamt zeigt sich die Studienlage als durchwachsen, was eindeutige Aussagen über die Auswirkungen des Milchkonsums auf die Gesundheit schwierig macht.

Ursache für Akne und unreine Haut?

Hinweise gibt es für einen Zusammenhang zwischen dem Milchkonsum mit unreiner Haut und Akne. In einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2018 mit knapp 72.000 Probanden litten Milchtrinker häufiger unter Akne. Auch wie viel Milch getrunken wurde, fiel ins Gewicht. Wissenschaftler vermuten, dass Hormone und insulinähnliche Wachstumsfaktoren (IGF-1) in Milch der Auslöser sein könnten. Jedoch fehlen Studien, die einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Milchkonsum und dem Auftreten von Akne untersucht haben. Das Vermeiden des Getränks bringt tatsächlich bei manchen Personen deutliche Besserung, aber nicht bei jedem. Die Hautkrankheit tritt häufiger in den westlichen Industrienationen auf, weshalb der gesamte westliche Ernährungsstil eine Rolle zu spielen scheint.

Schlaftrunk oder Muntermacher?

Viele kennen wahrscheinlich noch den Werbeslogan aus den 1950er-Jahren: „Milch macht müde Männer munter.“ Doch wie so oft in der Werbung hält sie meistens nicht, was sie verspricht. Eine plausible wissenschaftliche Erklärung gibt es für diesen Effekt nicht. Zugleich gilt heiße Milch mit Honig auch als Schlaftrunk. Tatsächlich hat Milch einen recht hohen Gehalt an der Aminosäure Tryptophan, die als Baustein für das schlaffördernde Hormon Melatonin dient. Darüber hinaus soll ein abendliches Glas Milch im Körper eine entspannende und schlaffördernde Wirkung haben. Eine tatsächliche Hilfe beim Einschlafen ist allerdings nicht belegt. Dafür ist zu wenig Tryptophan enthalten. Vermutlich steckt hinter der Wirkung eher ein psychologischer Effekt. Die süße, warme Milch vermittelt eine gewisse Sättigung und gibt ein Gefühl der Geborgenheit. In der Naturheilkunde kursiert seit langer Zeit die Annahme, dass Milch die Atemwege verschleime. Die Lehre der Traditionellen Chinesischen Medizin rät beispielsweise dazu, bei Husten oder anderen Erkältungskrankheiten sowie Asthma auf Kuhmilch zu verzichten. Dass der Verzehr von Kuhmilch zu einer erhöhten Schleimbildung in Hals und Rachen führt und Krankheiten der Atemwege verschlimmert oder hinauszögert, konnte aber noch keine wissenschaftliche Untersuchung nachweisen. Heiße Milch mit Honig hinterlässt in Kombination mit dem Speichel eine schleimige Konsistenz in Mund und Rachenraum. Viele Menschen empfinden das bei Halsschmerzen als lindernd. Der Körper produziert aber nach dem Genuss von Milch nicht mehr Schleim als vorher. Ein möglicherweise lindernder Effekt von heißer Milch mit Honig bei Halsschmerzen könnte aber auch auf die antibakterielle Wirkung des Honigs zurückzuführen sein.

Allergien gegen Milchprotein eher selten

Bestimmte Proteine in der Milch lösen bei zwei bis fünf Prozent der Säuglinge und Kleinkinder Allergien aus. Eine Allergie auf Kuhmilch ist damit die häufigste Allergie bei Kindern unter drei Jahren. Erwachsene sind noch seltener betroffen. Treten in der Familie Lebensmittelallergien oder andere atopische Erkrankungen auf wie Neurodermitis, Asthma oder Heuschnupfen, hat das Kind ein erhöhtes Allergierisiko. Eine Kuhmilchallergie tritt meist bis zum sechsten Lebensmonat oder nach dem Abstillen auf. Eine Erklärung ist, dass das Immunsystem von Säuglingen und der Magen-Darm-Trakt noch nicht vollständig ausgereift sind. Das Stillen ist daher eine wirksame Möglichkeit, vorzubeugen. Außerdem fördert es das Besiedeln des Darms mit Bakterien, die für die Allergieprävention eine wichtige Rolle zu spielen scheinen. Eine Kuhmilchallergie verschwindet meist bis zum dritten Lebensjahr wieder. Bei Kindern, die an einer Kuhmilchallergie litten, treten allerdings später häufiger andere atopische Erkrankungen auf.

Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder, die von klein auf Rohmilch trinken, seltener Allergien und Asthma entwickeln. Teilweise lässt sich dieser Effekt durch den höheren Gehalt von entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren in unverarbeiteter Milch erklären. Mit jedem Verarbeitungsschritt wird er geringer. Einer möglichen schützenden Wirkung von unerhitzter Milch steht allerdings die nicht zu unterschätzende Gefahr durch krankheitserregende Keime gegenüber. Frische Milch vom Bauern sollte deshalb vor dem Genuss immer abgekocht werden.

A2-Milch bekömmlicher oder Marketingtrick?

Vor einigen Jahren fand die sogenannte A2-Milch den Weg von Neuseeland nach Europa. Sie soll gesünder und besonders bekömmlich sein und wird zum Teil als Wohlfühlmilch vermarktet. In Neuseeland, den USA und Großbritannien ist sie bereits weit verbreitet. Aber auch in Deutschland haben sich schon einige Landwirte auf die Produktion von A2-Milch spezialisiert.

Kuhmilch enthält unter anderem das Milchprotein Beta-Casein. Zwei Varianten dieses Proteins – A1 und A2 – unterscheiden sich im Aufbau minimal. Welche Variante eine Kuh produziert, ist genetisch bedingt. Ursprünglich gaben alle Rinder A2-Milch. Durch eine Mutation hat sich vor allem unter den europäischen Rassen das A1-Beta-Casein verbreitet. Bislang gibt es allerdings noch keine wissenschaftlichen Belege für die Behauptungen, dass A2-Milch gesünder oder auch für Menschen mit Milchunverträglichkeit bekömmlich wäre. Auch ist der Wissenschaft kein Mechanismus bekannt, der dahinter stecken könnte. Zudem ist die Aussage zur besseren Verträglichkeit bei Laktoseintoleranz nicht haltbar, da sich A1- und A2-Milch im Laktosegehalt nicht unterscheiden.

Im Rahmen einer pflanzenbetonten Ernährung wie der Vollwert-Ernährung kann Milch zu einer optimalen Nährstoffversorgung beitragen. Gesundheitsschädliche Wirkungen sind bei einem mäßigen Verzehr nicht zu erwarten. Menschen, die kein Fleisch essen, empfiehlt die Vollwert-Ernährung etwa 300 Gramm Milch und Milchprodukte am Tag. Richtig ist aber auch, dass der Mensch nach dem Stillen nicht mehr auf Milch angewiesen ist. Die enthaltenen Nährstoffe gibt es auch in anderen Lebensmitteln. Das erfordert allerdings einen sorgfältig zusammengestellten Speiseplan.

Eine ausführliche Literaturliste können Sie unter dem Stichwort „Milchmythen“ kostenlos per E-Mail an [email protected] anfordern.

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Die Milchdebatte Dieser Beitrag ist erschienen in:
UGBforum 2/2020
Die Milchdebatte


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