Interview

Beratungserfolg ist trainierbar

Wer in der Ernährungsberatung arbeitet weiß, dass nicht nur Fachwissen gefragt ist. Um Patienten zu motivieren und Ratsuchende zum Handeln zu bringen, braucht es vor allem auch Vermittlungskompetenz. Im Interview stellt Elisabeth Klumpp, Projektmanagerin und stellvertretende Geschäftsführerin des UGB, Methoden und innovative Beratungsansätze vor, die Fachkräfte an der UGB-Akademie praktisch erlernen und trainieren können.


Der UGB ist bekannt als Institution, die ihren Schwerpunkt auf ein vegetarisches und nachhaltiges Ernährungskonzept gelegt hat. Warum bieten Sie vertiefende Fortbildungen zur Beratungs- und Vermittlungskompetenz an?

Der UGB legt seit Anbeginn seinen Schwerpunkt darauf, dass neu erlerntes Ernährungsverhalten erfolgreich umgesetzt werden kann. Fachwissen ist nur die halbe Miete eines kompetenten Ernährungsberaters. Erfolgreich ist er erst, wenn er Ratsuchende nachhaltig auf den Weg der Verhaltensänderung führen kann. Ein wesentlicher Ansatz ist dabei zum Beispiel die Gestaltung der alltäglichen Essgewohnheiten und die küchenpraktische Zubereitung von Lebensmitteln.

Dafür sind Ernährungsfachkräfte doch ausgebildet?

In der Ausbildung von Diätassistenten und im Studium kommen wirksame Strategien der Beratung in der Regel zu kurz. Bestenfalls gibt es Beratungs- und Kommunikationsmodule, die meist sehr theorielastig sind. Ratsuchende brauchen jedoch Berater, die sie in ganz kleinen Schritten des täglichen Lebens begleiten. Sie möchten Klarheit erlangen im widersprüchlichen Informationsdschungel, den Produktwerbung und Medien verursachen. Sie möchten individuelle Hilfestellungen. Wissenschaftliche Weisheiten nützen da wenig, wenn jemand z.B. mehr Rohkost in seinen Speiseplan bringen möchte. Da stellen sich Fragen wie „Welche Lebensmittel kann ich ungekocht essen?“ „Wie kann ich sie nährstoffschonend und abwechslungsreich zubereiten?“ usw. Der Berater hat das Fachwissen im Hinterkopf, das Beratungsgespräch aber verläuft ganz anders und jeder Klient muss auf einem anderen Level abgeholt werden.

Was sind das für Strategien?

Ein Ansatz liegt in der systemischen Betrachtungsweise, die eigentlich aus der Familientherapie stammt. Unser Essverhalten steht in enger Beziehung mit dem System, in dem wir leben und dem Herkunftssystem, von dem wir geprägt worden sind. In der „systemischen Ernährungsberatung” wird das Essverhalten im sozialen, psychischen und biologischen Kontext des Klienten gesehen. Von dem „Sich-bewusst-gesund-Ernährenden“, über den „Das-darf-ich-nicht-Esser“ bis hin zum „Hauptsache-es-schmeckt-Esser“, finden sich Muster, Regeln und Automatismen. Daraus ergeben sich unterschiedlichste Aufträge für die Beratung. Unsere Dozentin Edith Gätjen hat dafür ein eigenes Konzept entwickelt, bei dem drei fiktive Esstische im Mittelpunkt stehen. Ansatzpunkt ist die Annahme, dass die Lösung immer schon im System vorhanden ist. Mithilfe gebräuchlicher Methoden des systemischen Ansatzes ist gewährleistet, dass der Klient auf der Basis eigener Stärken und Erfahrungen Veränderungsschritte zu einer individuellen Lösung findet.

Mit dem systemischen Ansatz arbeiten Sie ja auch an der Motivation von Jugendlichen, damit sich diese für gesundes Essverhalten interessieren.

Jugendliche gelten generell als schwer zu erreichen für Gesundheitsthemen. Wer ihre Gesundheit fördern will, braucht Einsicht in ihre Lebenswelt und Verständnis für ihre Entwicklungsschritte. Der systemische Ansatz ist ideal dafür geeignet, zu zeigen, was Kinder und Jugendliche beeinflusst und formt. Für die Arbeit mit dieser Zielgruppe bietet die UGB-Akademie ein spezielles Fortbildungsmodul.

Der UGB schaut also, was sich in anderen Bereichen bereits bewährt hat und „kopiert“?

Kopieren ist nicht der richtige Begriff. Ich würde eher sagen: transformieren, anpassen und anwenden auf unseren Bereich der Ernährungsberatung. Das ist durchaus ein interdisziplinärer Ansatz in der Beratung.

Gilt dies auch für die körperorientierte Ernährungsberatung?

Ganz genau, embodiment-basierte Therapie hat zunehmend Einzug zum Beispiel in die Psychotherapie gehalten. Körper, Geist und Psyche beeinflussen sich gegenseitig permanent, so dass Verhaltensänderungen eben auch auf allen drei Ebenen stattfinden. Denn Reden allein reicht nicht.
In der Erkundung von Körperempfindungen und körpersprachlichen Äußerungen liegen bisher auch ungenutzte Potenziale für die Ernährungsberatung. Denn von Geburt an schleifen sich ess-biographische Erfahrungen ein. Diese kommen etwa in Körperhaltungen und Bewegungsmustern zum Ausdruck, wie etwa viel zu schnelles Essen in der Großfamilie. Oder sie äußern sich als Lebensthemen, zum Beispiel in Form von Glaubenssätzen wie „Ich war schon immer dick“. Diese Erfahrungen gilt es im Rahmen von Beratungsprozessen achtsam und behutsam bewusst zu machen, um daraus Impulse für Veränderungen zu gewinnen.
Eine körperorientierte Sichtweise auf den Klienten beinhaltet dabei drei Dimensionen: den Klientenkörper selbst, den Körper der Beratungsperson und den zwischenleiblichen Raum. Im Seminar „Der Körper isst mit“ stellen wir alle drei Dimensionen dieses Ansatzes vor. Die Teilnehmenden erhalten in praktischen Übungen viele Selbsterfahrungsmomente und steigen in ihre eigenen Körperarchive. Wechselweise als Klient und Berater erleben sie ihren Körper als Ressource für Veränderungsprozesse.

In einem der Fortbildungsmodule geht es um Supervision. Die Reflexion des eigenen Handelns kennt man doch eher aus dem psychologischen und sozialen Bereich?

Das stimmt. Supervision ist in therapeutischen, psychologischen, sozialen, kirchlichen und allen Berufsfeldern, die am Menschen arbeiten, längst Standard. An der UGB-Akademie haben wir dazu auch ein Angebot für Ernährungsberater entwickelt. Wir möchten ihnen die Möglichkeit eröffnen, ihre Beratungssituationen im geschützten Rahmen von außen zu betrachten, zu besprechen und Lösungsansätze für schwierige Situationen zu erarbeiten.

Können die Teilnehmer das Erlernte anschließend tatsächlich in der Beratungspraxis anwenden?

Von unseren Teilnehmern erhalten wir immer wieder positives Feedback. Sie berichten, dass sie das, was sie im Seminar erlernt, erfahren und im geschützten Rahmen erprobt haben, in ihrem Beratungs- und Berufsalltag tatsächlich auch anwenden. Unsere Devise heißt: Jeder Teilnehmer soll am Tag nach dem Seminar einen ersten Schritt umsetzen können. Wie von Klienten dürfen wir auch von Beratern nicht erwarten, dass sie sofort alles umsetzen können, denn Umsetzung ist ein Prozess. Für uns ist der beste Beweis unserer erfolgreichen Konzepte, wenn Teilnehmer berichten, wie sich ihr Verhalten, ihr Beratungserfolg und damit ihre Zufriedenheit im Beruf mit der Zeit mehr und mehr verbessert.

An der UGB-Akademie können sich Ernährungsberater zum Zertifizierten Kursleiter und Berater weiterbilden. Wie profitieren Fachkräfte von diesem Zertifikat?

Uns geht es in erster Linie darum, dass die Fachkräfte durch unsere Seminare Sicherheit im Beratungsalltag erlangen und die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit bei der Verhaltensänderung ihrer Klienten erhöhen. Da ist es zunächst ganz wichtig, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen und Vertrauen zum Klienten aufzubauen. Professionelle Gesprächsführung etwa beinhaltet die Fähigkeit, Beweggründe für Verhaltensänderung einerseits und Blockaden andererseits zu erkennen. Genau wie Reden allein nicht reicht, genügt auch die anfängliche Motivation nicht, damit langfristig Lernprozesse durchgehalten und Gewohnheiten verändert werden. Professionelle Begleitung gelingt etwa durch gemeinsames Kochen, Schmecken, Ausprobieren in einer Gruppe. Welche Methoden sind dafür geeignet, um Neugier und Experimentierfreude immer wieder aufzufrischen? Wie bewältige ich als Berater souverän schwierige Situationen?
Für all diese Aspekte, die erfolgreiche Beratung ermöglichen, haben wir Fortbildungen mit intensiven Trainings im Angebot. Nach ihren Tätigkeitsbereichen können die Teilnehmer selbst ihre Schwerpunkte setzen, zum Beispiel in Einzelberatung, Kursleitung oder Ernährungspraxis.
Aus derzeit zwölf einzelnen Wahlpflichtmodulen können die Teilnehmer vier Bausteine wählen, die passend für ihren Beratungsalltag erscheinen. Nach Abschluss erhalten sie das Zeugnis zum Zertifizierten Kursleiter und Berater. Damit können sie nachweisen, dass sie ihre Kompetenzen für die Beratungspraxis individuell und zielorientiert erweitert haben. Das ist heute ein Muss für erfolgreiche Beratungsarbeit und unterscheidet sie von anderen Beratern.

Vielen Dank für das Gesüpräch

Fortbildungen der UGB-Akademie im Bereich Beratung und Kursleitung