UGB goes online: Interview mit UGB-Projektleiterin Lisa Kuhl

Webinare, Tagungen, Symposien, Vorträge – bedingt durch die Einschränkungen in der Pandemie bietet die UGB-Akademie seit zwei Jahren Fortbildungen in verschiedenen Onlineformaten an. Über die Erfahrungen, was gut bei den Teilnehmenden ankommt und welche neuen Möglichkeiten die digitalen Angebote eröffnen, haben wir Projektleiterin Lisa Kuhl befragt.

Die UGB-Akademie hat bereits zahlreiche Fortbildungen online durchgeführt. Wie nehmen die Teilnehmenden die digitalen Angebote an?

Bei unserer ersten Onlinetagung im Mai 2020 hatten wir erstaunlicher Weise über 500 Teilnehmende, obwohl die Skepsis gegenüber Onlineveranstaltungen am Anfang sehr groß war. Doch die digitalen Angebote waren die einzige Möglichkeit, überhaupt an einer Fortbildung teilzunehmen. Inzwischen können Veranstaltungen glücklicherweise wieder in Präsenz stattfinden, dennoch fühlen sich auch heute manche besser vor einer Corona-Infektion geschützt, wenn sie sich von zu Hause aus fortbilden.

Die UGB-Fortbildungen leben neben den Fachinhalten von der wertschätzenden Atmosphäre zwischen Dozent:innen und Teilnehmenden. Geht da online nicht viel verloren?

Eins zu eins ersetzen lässt sich die persönliche Begegnung sicherlich nicht. Aber wir haben andere Möglichkeiten zum persönlichen Austausch gefunden. In den Seminaren mit begrenzter Teilnehmerzahl stellen sich die Leute genauso wie in Präsenz in einer Vorstellungsrunde vor. Im Seminarverlauf wechseln die Formate zwischen Vortrag, Fragerunde, Gruppenarbeit oder Plenum. Kamera und Mikrofon ermöglichen direkte Nachfragen an die Dozent:innen oder wir stellen Extrazeit für Fragen zur Verfügung. Beliebt ist auch die inzwischen zum Standard gewordene Tee- oder Kaffeerunde. Hierfür starten wir den virtuellen Raum morgens früher oder lassen ihn mittags oder abends länger offen, damit die Teilnehmenden die Möglichkeit haben, sich über die Seminarinhalte hinaus auszutauschen. Aber ganz ehrlich: Eine so persönliche Atmosphäre wie in Präsenzseminaren ist leider nicht zu erreichen.

Ganz wichtig für die Atmosphäre ist es auch, menschlich und authentisch zu bleiben: Mit der Gruppe gemeinsam über technische Hürden und Pannen zu sprechen und manchmal auch gemeinsam darüber zu lachen, schafft eine bessere Stimmung als ein scheinbar perfekter technischer Ablauf. Das wertschätzende Miteinander zeichnet ja generell die Arbeit des UGB aus. In vielen Seminaren bieten wir auch Bewegungspausen an. Da machen nicht unbedingt alle mit, aber die meisten sind froh über das Angebot, sich vor dem Bildschirm einmal strecken zu können und den Kreislauf in Schwung zu bringen.

Wie funktionieren denn die Gruppenarbeiten in den Webinaren?

Nicht nur wir haben uns weiterentwickelt – auch die Online- Konferenzplattformen arbeiten seit zwei Jahren auf Hochtouren an Verbesserungen. Daher ist es inzwischen überhaupt kein Problem mehr, die Seminarteilnehmer:innen in kleine Gruppen aufzuteilen. Die Gruppen können in den separaten virtuellen Räumen gemeinsam Inhalte erarbeiten oder Dokumente erstellen und diese später digital mit allen im gesamten Plenum teilen. Es funktioniert also sehr ähnlich wie im Präsenzseminar: Auch hier erarbeiten die Teilnehmenden ein vorgegebenes Thema in der Kleingruppe und stellen ihre Ausarbeitung im Anschluss der gesamten Gruppe vor. Diese Möglichkeit ist für einen guten Lerneffekt natürlich super. Denn wir können Inhalte erst dann richtig verstehen und begreifen, wenn wir diese aktiv ausgearbeitet haben und ins Handeln gekommen sind. Aus diesem Grund sind für uns Gruppenarbeiten auch im Onlineformat ein wichtiger Bestandteil der Seminare.

Sich vor der Kamera zu zeigen, ist vermutlich für viele Menschen ungewohnt. Gibt es bei den Teilnehmenden Hemmungen, sich mit Bild und Ton zuzuschalten?

Zu Beginn der Seminare sind manche in der Tat noch etwas zögerlich. Nach der Vorstellungsrunde legen sich die Hemmungen aber in der Regel. Diesen Aufwärmeffekt kennen wir auch aus Präsenzveranstaltungen. Für die Referent:innen ist es übrigens sehr wichtig, dass alle mit Bild zugeschaltet sind. Nur so können sie eine unmittelbare Rückmeldung erhalten. Einen fragenden oder skeptischen Blick erkennt man auch über das Kamerabild. Aus diesem Grund legen wir großen Wert auf eine aktive Teilnahme. Daher bieten wir unsere Seminare auch nur live an und nicht als Aufzeichnung.

Und was ist mit den technischen Hürden?

Bei den ersten Onlineseminaren fühlten sich manche überfordert, ob es mit der Technik klappen würde. Viele hatten Sorge, aus Unkenntnis gar nicht an den Onlineformaten teilnehmen zu könnenLetztendlich haben es aber bisher alle geschafft. Für mich persönlich ist es immer sehr schön zu sehen, wenn die Teilnehmenden, denen ich vorher technische Fragen beantwortet habe, dann auf dem Bildschirm auftauchen und alles funktioniert.

Bei Tagungen, Symposien oder Vorträgen mit über 100 Teilnehmenden funktioniert die aktive Teilnahme so aber nicht.

Das ist auch gar nicht sinnvoll. Es ist utopisch zu glauben, dass über 100 Personen sich aktiv mit Bild und Ton bei einer Veranstaltung zuschalten können. Hier sind andere Wege gefragt, um die Teilnehmenden aktiv zu beteiligen. So nutzen wir zum Beispiel digitale Pinnwände über die Tagungsunterlagen, weiterführende Links, Bilder und Videos, die geteilt werden können. Auch Umfragetools kommen zum Einsatz, wo es sinnvoll erscheint.

Wie bei Präsenzveranstaltungen lassen sich auch online Fragen an die Referent:innen richten. Über einen moderierten Chat werden im Anschluss an die Vorträge die individuellen Fragen gesammelt. Moderator:innen sortieren die Fragen und geben sie dann mündlich vor der Kamera an die Referent:innen weiter. Auf diese Weise lassen sich sogar mehr Teilnehmerfragen beantworten als in Präsenz. Offensichtlich trauen sich im Chat mehr Menschen, Fragen zu stellen als vor hundert Leuten bei einer Präsenzveranstaltung. Darüber hinaus funktionieren gerade bei unseren Symposien und Tagungen die Bewegungspausen auch online sehr gut. Das wirkt beim Sitzen vorm PC Wunder.

Die UGB-Akademie stellt die Praxis immer wieder in den Vordergrund, um Menschen für die Vollwert- Ernährung zu begeistern. Wie sieht es mit Praxisseminaren aus, die sonst in der Lehrküche stattfinden?

Während des Lockdowns haben wir Praxisseminare, die für die Abschlüsse unserer Ausbildungsgänge notwendig sind, zum Teil auch im Onlineformat angeboten. Dies war für uns aber nur ein Kompromiss. Zwar konnten dabei alle Teilnehmenden zu Hause kochen, Fragen und Probleme besprechen und ihre Ergebnisse hinterher per Foto präsentieren. Doch an ein gemeinsames Kochen, Probieren und Lernen reichte das nicht heran. Zudem bedeutet es für die Teilnehmer:innen einen größeren organisatorischen Aufwand. In der Lehrküche stellen wir ja ansonsten alle Zutaten und Küchengeräte bereit. An diesem Beispiel sieht man sehr gut die Grenzen der Digitalisierung. Riechen, Schmecken und hinterher gemeinsam genießen, Erfahrungen austauschen und Lachen – das geht am besten, wenn wir zusammen am schön gedeckten Tisch sitzen. Auch Rhetorik- und Beratungstrainings, überall wo alle Sinne und der ganze Körper zum Einsatz kommen, sind online nicht zufriedenstellend anzubieten.

Was ist an Organisation und technischer Ausstattung für die Onlinefortbildung erforderlich?

Für die Teilnehmenden braucht es nicht viel. Mit internetfähigem PC mit Lautsprechern kann es bereits losgehen. Für interaktive Seminare sind Mikrofon und Kamera erforderlich. Vom Handy oder kleineren Tablets rate ich eher ab. Der Bildschirm ist bei diesen Geräten einfach zu klein, um Präsentationen und die Sprechenden gleichzeitig zu sehen. Die Nutzung ist daher unkomfortabel und auf Dauer anstrengend.

Als Organisatoren und Veranstalter betreiben wir mehr Aufwand. Bei den Online-Veranstaltungen stehen für uns die einfache Bedienung und eine optimale Übertragungsqualität an erster Stelle. Ein scheppernder Ton oder ein unscharfes Bild können sehr störend sein. Das wollen wir natürlich vermeiden. Dafür haben wir einiges in Licht-, Kamera- und Mikrofontechnik investiert. In unserer Geschäftsstelle in Wettenberg haben wir in einem Büro dazu extra eine Art Filmstudio eingerichtet.

Über diese Basis hinaus gibt es viele technische Tools und Programme, die wir bei unseren Online-Veranstaltungen einsetzen. Nicht nur für Großveranstaltungen, sondern auch bei Seminaren nutzen wir digitale Pinnwände zum Teilen von Dateien, wie Seminarunterlagen oder Ergebnissen von Gruppenarbeiten. Ziel ist es, die Teilnehmenden immer wieder in die Interaktion zu bringen. Wir setzen aber nur das ein, was uns wirklich sinnvoll erscheint und verzichten lieber auf technische Spielereien. Diese überfordern mehr, als dass sie wirklich nutzen.

Wie wird es weitergehen? Wird die UGB-Akademie auch in Zukunft auf Onlineformate setzen?

Ja und nein. Beide Formate haben ihre Vorteile und ich möchte fast sagen, dass die Vorteile des einen die Nachteile des anderen Formats darstellen. Onlineveranstaltungen haben ganz pragmatische Vorteile. Sie sparen Zeit und Kosten für Anfahrt und Unterkunft. Viele, die Kinder oder Angehörige betreuen, können dadurch erst an den Fortbildungen teilnehmen. Sehr berührt hat mich die Geschichte einer Teilnehmerin mit einem zu pflegenden Elternteil. Die Onlinetagung ermöglichte ihr die Teilnahme, ohne die Pflege des Vaters in andere Hände geben zu müssen. Die abendlichen Onlinevorträge, die wir seit etwa einem Jahr anbieten, sind digital überhaupt erst möglich geworden. Da werden wir sicherlich weiterhin Angebote machen. Auch die Anzahl der Teilnehmenden aus dem Ausland hat sich erhöht.

Andererseits ist in den Präsenzveranstaltungen gerade der Aspekt des einmal Rauskommens ein nicht zu unterschätzender Gewinn. Viele Eltern oder beruflich stark eingespannte Menschen genießen ein Seminar als Auszeit vom Alltag. So ist das Zusammenkommen mit Gleichgesinnten in unserem Seminarzentrum am Edersee oder anderen Orten ein ganz wichtiger und inspirierender Punkt der UGB-Fortbildungen. Auch bei der Frühjahrstagung in Gießen ist der Austausch mit anderen Menschen, der persönliche Kontakt zu den Dozent:innen und persönliche Treffen mit alten Bekannten wesentlicher Bestandteil. Darauf wollen die Teilnehmenden und auch wir nicht verzichten.

Um die Frage also abschließend zu beantworten: Wir werden zukünftig beide Formate anbieten, um die jeweiligen Vorteile voll ausschöpfen zu können.

Liebe Lisa, herzlichen Dank für das Gespräch!

Bild © A. Mehring

Stichworte: online, Seminare, Interview, UGB-Tagung, UGB


Ernährungskommunikation: Fake oder Fakten Dieser Beitrag ist erschienen in:
UGBforum 4/2022
Ernährungskommunikation: Fake oder Fakten


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