Bauchfett: Ursache für Diabetes und Atherosklerose?

Fettansammlungen im Bauchbereich gelten als besonders problematisch und stellen ein zentrales Symptom des Metabolischen Syndroms dar. Selbst bei Normalgewichtigen und Kindern können sie auftreten. Wir sprachen mit Prof. Dr. med. Dagmar l‘Allemand-Jander vom Ostschweizer Kinderspital in St. Gallen über die Bedeutung von Bauch- und Leberfett als Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

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Frau Prof. l‘Allemand-Jander, sogenanntes Bauchfett gilt als ein wesentliches Merkmal des Metabolischen Syndroms. Was genau versteht man unter Bauchfett?

Das Viszeralfett, auch intraabdominales Fett genannt, bezeichnet das Fettgewebe, das in der freien Bauchhöhle eingelagert ist und die inneren Organe umhüllt. Es dient als Energiereserve bei Nahrungsmangel und kann aufgrund seiner Enzymausstattung rasch auf- und abgebaut werden. Im Gegensatz zum Unterhautfettgewebe ist es nicht direkt sichtbar. Ab einer gewissen Menge nimmt allerdings das Bauchvolumen zu und der Taillenumfang erhöht sich merklich.

Wie kommt es zu dieser Fetteinlagerung?

Grundsätzlich sind die Fettdepots im Bauchraum hormonabhängig. Normalerweise fördert Testosteron, das männliche Geschlechtshormon, diese Fettverteilung. Durch die heutige Überversorgung mit Nahrungsmitteln in den Industriestaaten und dem zunehmenden Bewegungsmangel sowie erhöhten Stress lagert der Körper jedoch mehr Viszeralfett ein, als biologisch sinnvoll ist. Dies geschieht insbesondere bei Übergewicht oder Fettleibigkeit vom sogenannten Apfeltyp. Da ein dicker Bauch hormonell bedingt häufiger bei Männern auftritt, spricht man auch vom männlichen Fettverteilungstyp. Beim weiblichen Fettverteilungstyp, auch als Birnentyp bekannt, ist dagegen nicht das Viszeral-, sondern das Hüftfett vermehrt. Diese hartnäckigen Fettpolster dienen biologisch als Reserve für Schwangerschaft und Stillzeit.

Ab wann gilt das Viszeralfett als riskant?

Als Maß für das Viszeralfett dient der Taillenumfang, auf englisch waist circumference. Er wird in der Mitte zwischen dem unteren Rippenbogen und der Oberkante des Hüftknochens gemessen. Bei Frauen besteht ab einem Taillenumfang von 80 Zentimetern ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall sowie für Typ-2-Diabetes. Bei Männern gelten mehr als 94 Zentimeter als zuviel. Bei klein- bzw. großwüchsigen Menschen ist der Quotient aus Taillenumfang geteilt durch Körpergröße der bessere Parameter. Er sollte unter 0,5 liegen. Ab einem Taillenumfang von 88 Zentimetern bei Frauen und 102 Zentimetern bei Männern gilt das Risiko sogar als stark erhöht. Der Body Mass Index (BMI) allein gibt zwar Auskunft über die Körpermasse, nicht aber über das Vorhandensein von Bauchfett. Denn auch Menschen mit Normalgewicht bzw. normalem BMI können von viszeraler Fettleibigkeit betroffen sein.

Wieso gilt das viszerale Fett als so gefährlich?

Dies hängt mit der hohen hormonellen Aktivität der Fettzellen in diesem Gewebe zusammen. Die vergrößerten Fettzellen im Bauchraum sind in der Lage, sogenannte Zell-zu-Zell Signalproteine zu bilden, die direkt oder indirekt auf Blutgefäße, Entzündungs- und Gerinnungsfaktoren wirken. Auf diese Weise beschleunigen sie die Entstehung von Atherosklerose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Außerdem ist das Viszeralfett besonders empfänglich für stressbezogene Signale, beispielsweise der Stresshormone Cortisol oder Katecholamine, die den Fettabbau regulieren. So entstehen umgehend Neutralfette (Triglyceride), die direkt in die Leber abgeleitet werden. Die Triglyceride können lokal sowie über weitere Mechanismen, wie die Einlagerung von Fett in die Muskulatur, die Empfindlichkeit gegenüber Insulin herabsetzen. Die sogenannte Insulinresistenz kann sich über längere Zeit zu einem Typ-2-Diabetes entwickeln. Das Metabolische Syndrom ist zudem oft mit einer Fettleberentzündung und Gicht vergesellschaftet. Bei Frauen wird häufig auch eine Erhöhung der männlichen Hormone beobachtet, die zu dem Polyzystischen-Ovar-Syndrom mit Zyklusstörungen und Unfruchtbarkeit führen kann.

NameFamilieWirkungBildungsort
LeptinZytokineEnergie und Appetit, Pubertätsubkutanes Fett
TNFaZytokineInsulinresistenzsubkutanes Fett
Interleukin-6ZytokineInsulinresistenzviszerales Fett
MCP-1ChemokineEntzündungsreaktionsubkutanes und viszerales Fett
PAI-1Haemotstat. SerineAntifibrinolyse, Atherogeneseviszerales Fett
AdipsinComplementInsulinresistenzsubkutanes und viszerales Fett
ResistinZytokineInsulinresistenzviszerales Fett
AngiotensinogenRAS-ProteinHypertonusviszerales Fett
AdiponectinComplementInsulinsensitivitätsubkutanes Fett

Sie arbeiten in Ihrer Klinik in St. Gallen auch mit übergewichtigen Kindern. Kommt es bereits in diesem Alter zu Stoffwechselstörungen?

Ja, fast zwei Drittel aller adipösen und weit über die Hälfte aller übergewichtigen Kinder am Kinderspital haben bereits mindestens einen kardiovaskulären Risikofaktor. Entgegen früherer Einschätzungen beobachten wir auch im Kindesalter Krankheitszeichen der Atherosklerose, der Leberzirrhose und des Typ-2-Diabetes, oft sogar in kombinierter Form als Metabolisches Syndrom. Auch bei Kindern zeigt ein vermehrtes Bauchfett eine Insulinresistenz und ein gesteigertes Risiko für metabolische Begleiterkrankungen an. Vier Studien mit über 26.000 Kindern und Jugendlichen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich bestätigen unsere Ergebnisse. Mehr als die Hälfte der übergewichtigen Kinder litten an Folgekrankheiten. Bereits 9-jährige adipöse Kinder wiesen morphologische Schäden an Herz und Blutgefäßen sowie der Leber auf. Ein Zusammenhang mit der Fettgewebsmasse und den von ihr produzierten Signalstoffen, den Zytokinen, ist sehr wahrscheinlich.

Sie erwähnen, dass sich bereits im Kindesalter eine Fettleber oder gar eine Leberzirrhose entwickeln kann. Wie ist das zu erklären?

Wie oben beschrieben lagern sich Fette im Rahmen einer Insulinresistenz bevorzugt in der Leber und im Oberbauch ab. Kommt es dann zusätzlich zu einer Entzündungsreaktion, durch Viren oder Zytokine, reagiert das innere Bindegewebe und kann schon in jungem Alter zu einer Leberzirrhose führen. Zum Glück sind diese Veränderungen wieder umkehrbar durch ballaststoffreiche Kost und Bewegung, selbst wenn das Gewicht noch nicht abnimmt.Ein besonderes Risko für eine abdominelle Fetteinlagerung und eine Insulinresistenz haben Kinder und Erwachsene, die vor ihrer Geburt eingeschränkt mit Nährstoffen versorgt wurden. Man bezeichnet sie auch als hypotrophe Neugeborene oder Small-for Gestational Age-Kinder. Als Erwachsene entwickeln sie häufiger einen Typ-2-Diabetes, der durch eine rasche Gewichtszunahme nach der Geburt oder eine kohlenhydratreiche Kost noch begünstigt wird.

Wie kommt es zu einer ungünstigen Prägung im Mutterleib und was hat das für Folgen für das Kind?

Nicht nur ein Übergewicht der Schwangeren, sondern auch eine rasche Gewichtszunahme während der Schwangerschaft begünstigen Übergewicht, Bluthochdruck und ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes des Kindes und seiner Kinder. Es wird davon ausgegangen, dass hier der Mechanismus des Imprinting zum Tragen kommt. Das heißt, die Gene bekommen einen „Stempelaufdruck“ durch die Umweltbedingungen mit, der über mehrere Generationen wirksam ist.

Was können Eltern tun, damit solche Risikofaktoren bei ihrem Nachwuchs vermieden werden?

Insbesondere während der Schwangerschaft sollte die werdende Mutter auf gesunde Ernährung und viel Bewegung achten und die Gewichtszunahme sollte nicht mehr als 1-1,5 Kilogramm pro Monat betragen. In dieser Phase sind Mütter besonders empfänglich für Beratungen. Bei Kindern steht an erster Stelle eine vernünftige, dem Bedarf angepasste Er-nährung und genügend Bewegung. Eltern sollten zudem Einfluss auf den Medienkonsum der Kinder nehmen. Beim Fernsehen und Computerspielen zu essen und zu trinken oder zahlreiche kleine Häppchen und Süßigkeiten zwischendurch sind besonders ungünstig. Ein gemeinsamer Familientisch, an dem die Portionsgrößen relativiert werden, fördert dagegen den Familienzusammenhalt. Der natürliche Bewegungsdrang von Kindern muss zudem unterstützt werden. Hier können die Eltern als Vorbild dienen und selbst wieder mehr zu Fuß gehen sowie weniger Taxidienste anbieten. Prof. l‘Allemand-Jander, wir bedanken uns für das Gespräch.

Quelle: l'Allemand-Jander, D.: UGB-Forum 4/13, S. 166-168
Foto: Andy Short/Fotolia.com

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