Ampelkennzeichnung: Ungesundes muss Farbe bekennen

Damit Verbraucher sofort erkennen, wie viel Zucker, Fett und Salz in einem Produkt stecken, fordern Verbraucherschützer schon seit Jahren, die Nährwerte farblich zu kennzeichnen. Die Lebensmittelindustrie fürchtet um den Umsatz ihrer Produkte und nutzt nun das Ampelkonzept für einen fragwürdigen Gegenentwurf.

Um Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und weiteren ernährungsbedingten Krankheiten vorzubeugen, kämpfen Verbraucherschützer für die Einführung einer gesundheitsbezogenen Nährwertkennzeichnung – die Lebensmittel- oder Nährwertampel. In einer Grafik auf der Vorderseite der Lebensmittelverpackung sollen die Gehalte an Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz farblich ausgewiesen werden: Grün steht dabei für niedrige, gelb für mittlere und rot für hohe Nährstoffgehalte. Zusätzlich sollen die Werte in absoluten Grammzahlen angegeben werden – und zwar einheitlich pro 100 Gramm oder 100 Milliliter eines Lebensmittels. Mit Hilfe der Ampelkennzeichnung könnten die Verbraucher die Gehalte an Fett oder Zucker auf den ersten Blick beurteilen und Lebensmittel einer Gruppe wie Kekse, Joghurt oder Limo leichter miteinander vergleichen. Die Lebensmittelampel ist ausschließlich für verpackte und zusammengesetzte Lebensmittel vorgesehen.

Doch wann schlägt die Ampel von Grün auf Gelb und von Gelb auf Rot um? Hierbei orientiert sich das Modell am Entwurf der britischen Lebensmittelbehörde FSA (Food Standard Agency), die im Jahr 2007 nach umfangreichen wissenschaftlichen Studien die Kriterien für die Ampelkennzeichnung festlegte (siehe Tabelle). Während in Deutschland noch kein Hersteller das Ampelmodell verwendet, findet es in Großbritannien seit einigen Jahren Anwendung. Auch Frankreich führte im Oktober 2017 seinen NutriScore ein, der dem FSA-Modell ähnelt und die Lebensmittel in fünf Stufen von A bis E einteilt. Die Verwendung ist in beiden Ländern freiwillig. Studien belegen, dass vor allem der Umsatz der mit Rot gekennzeichneten Lebensmittel zurückging. Einige Hersteller haben reagiert und die Zusammensetzung ihrer Produkte so verändert, dass die Ampel von Rot auf Gelb oder Grün springt. Umfragen in Deutschland zeigen, dass Verbraucher auch hierzulande von einer Lebensmittelampel profitieren und ungünstige Produkte leichter erkennen würden.

Gegenentwurf der Industrie

Nachdem sich Großkonzerne wie Coca Cola, Nestlé oder Unilever jahrelang gegen eine farbliche Kennzeichnung gewehrt haben, wollen sie nun ihren „Feind zum Freund machen“. Sie nutzen das Ampelmodell der Verbraucherorganisationen für einen Gegenentwurf. Doch die Industrie-Ampel steht deutlich seltener auf Rot als bei den Verbraucherschützern. Denn die Hersteller berechnen die Farbgebung auf Basis von Portionsgrößen, die sie selbst festlegen und gehen nach anderen Bewertungskriterien vor. Unrealistisch kleine Portionen sorgen dafür, dass die Ampel auch bei Lebensmitteln mit hohem Fett-, Zucker- und Salzgehalt auf Grün bleibt. Bei einem 52 Gramm Schokoriegel ist zum Beispiel eine Portionsgröße von 30 Gramm vorgesehen. Selbst bei Schokocreme wie Nutella, das zu 90 Prozent aus Zucker und Fett besteht, würde die Ampel bei einer Portion von nur 15 Gramm nicht auf Rot springen. So könnte die Industrie ihre Produkte gesund rechnen.

Bereits im Jahr 2010 verhinderte die Lebensmittelwirtschaft eine EU-weit verbindliche Ampelkennzeichnung und entwarf stattdessen das sogenannte GDA-Modell. GDA steht für Guideline daily amounts und heißt übersetzt Referenzwerte für die Tageszufuhr. Diese Kennzeichnung ist seitdem freiwillig und stellt ebenso die Gehalte an Energie, Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren sowie Salz pro Portion dar, nur ohne farbliche Bewertung. Auch hier beziehen sich die Angaben meist auf unrealistisch kleine Portionsgrößen. Zudem informieren Prozentangaben über den Anteil am täglichen Bedarf. Die verwendeten Referenzwerte beruhen allerdings auf dem Kalorien-Tagesbedarf eines durchschnittlichen Erwachsenen und können nicht ohne weiteres auf jeden Konsumenten übertragen werden. Besonders kritisch: Selbst Kinder-Lebensmittel werden mit den Referenzwerten für Erwachsene ausgezeichnet.

Nährstoffgrenzen für die Ampel

 Inhaltsstoff gering (grün)  mittel (gelb)  hoch (rot) 
 Fett< 3,0 g3,0 - 20 g> 20 g
 ges. Fettsäuren < 1,5 g1,5 - 5 g> 5,0 g
 Zucker< 5,0 g5,0 - 12,5 g> 12,5 g
 Salz< 0,3 g0,3 - 1,5 g> 1,5 g

Modell nach FSA, pro 100 Gramm eines Lebensmittels

Seit Ende 2016 ist immerhin die Nährwertkennzeichnung in Tabellenform für alle vorverpackten Lebensmittel in der EU verpflichtend. Es müssen die sieben wichtigsten Nährwerte bezogen auf 100 Gramm oder 100 Milliliter auf der Rückseite der Verpackung stehen.

Kritik an der Verbraucherampel

Aus Sicht von Politikern und der Industrie zeigt das Modell der Verbraucherschützer einige Schwachstellen auf. Zum Beispiel sei die Auswahl der bewerteten Nährstoffe nicht optimal und die Ampelkennzeichnung differenziere zu wenig. Wie soll zum Beispiel ein Lebensmittel bewertet werden, das viel Fett enthält, aber hauptsächlich aus wertvollen, essenziellen Fettsäuren besteht? Auch Zusatzstoffe werden nicht berücksichtigt: Eine Diätcola mit Süßstoffen und Aromen würde besonders gesund erscheinen, weil sie keinen Zucker enthält. Foodwatch hält dagegen, dass eine Kennzeichnung, die alle Qualitätsmerkmale eines Lebensmittels miteinbezieht, viel zu komplex und daher nicht realisierbar sei.

Eine Studie der Universität Göttingen bestätigte, dass Ampelkennzeichen vielen Konsumenten am besten bei einer gesünderen Lebensmittelauswahl helfen würden. Dazu werteten die Konsumforscher 59 bereits veröffentlichte Forschungsarbeiten aus. Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass lediglich motivierte Verbraucher ohne Zeitdruck detaillierte Informationen nutzen, um gesündere Kaufentscheidungen zu treffen. In der Mehrheit der Fälle möchten die Menschen aber keine aufwendigen Vergleiche anstellen oder gar Kopfrechnen. Für den Studienleiter Dr. Steffen Jahn gibt es nicht die perfekte Kennzeichnung, aber Ampelkennzeichen würden die Informationsverarbeitung eindeutig erleichtern. Hier hat die Ampel der Verbraucherorganisationen die Nase vorn. Das Modell der Lebensmittelwirtschaft auf Basis von Portionsgrößen würde die Konsumenten weiter in die Irre führen und zucker-, fett- und salzreiche Lebensmittel verharmlosen.

Aktuelle Entwicklungen zeigen aber auch, dass sich auf dem Lebensmittelmarkt etwas tut. So hat Danone, einer der größten Lebensmittelhersteller weltweit, angekündigt, seine Produkte in Deutschland schon im nächsten Jahr mit einer Farbkennzeichnung zu versehen, die französische Wissenschaftler entwickelt haben. Vielleicht beschleunigt der Schritt von Danone auch die Entscheidungsfindung in der Politik, der verbraucherfreundlichen und verpflichtenden Lebensmittelampel endlich grünes Licht zu geben.

Quelle: Reuther F. UGBforum 4/18, S. 202-203

Bild © Gerhard Seybert/Fotolia.com

Stichworte: Ampel, Lebensmittelampel, Nährwertampel, Verbraucherampel, Lebensmittelindustrie, Nährstoffe, Verbraucherschutz, Portionsgrößen, GDA-Modell, Referenzwerte, Foodwatch


Kohlenhydrate kontrovers Dieser Beitrag ist erschienen in:
UGBforum 4/2018
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