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Füttern will gelernt sein

Kinderärzte und Psychologen melden schon bei Säuglingen und Kleinkindern zunehmend ein gestörtes Essverhalten. Doch die meisten Ratgeber und Broschüren informieren nur darüber, was gegessen werden soll. Nicht aber über das richtige Wie.

Leon ist zwölf Monate alt. Vor wenigen Wochen zappelte er noch beim Essen herum und riss seiner Mutter den Löffel aus der Hand. Beharrlich weigerte er sich, den Mund aufzumachen. Verzweifelt versuchte seine Mutter ihm wenigstens ein halbes Gläschen Löffel für Löffel in den Mund zu stopfen. Jede Mahlzeit geriet so zu einer Tortur für Leon und seine Mutter. Schließlich verweigerte er völlig die Mahlzeiten.

Solche und ähnliche Störungen im Essverhalten zeigen etwa 15-25 Prozent aller gesunden Säuglinge und Kleinkinder. Sie trinken beziehungsweise essen sehr langsam, sind extrem wählerisch oder werfen den Teller vom Tisch. Viele toben oder verhandeln mit den Eltern über die zu essende Portion, andere schlafen beim Essen schlicht ein. Empfinden die Eltern die Situation mindestens einen Monat lang als schwierig und belastend, sprechen Experten von einer Fütterstörung. Im Gegensatz zu einer Essstörung bei älteren Kindern und Erwachsenen verdeutlicht der Begriff Fütterstörung, dass es sich hier um ein Wechselspiel zwischen Kind und Eltern handelt. Denn oft spielt die Beziehung und Kommunikation zu Mutter und Vater eine entscheidende Rolle.

Ursache ist oft Angst der Eltern

Die Ursachen und Symptome für Fütterstörungen sind vielschichtig. Mögliche organische Ursachen sind etwa akute Erkrankungen, Unverträglichkeiten für bestimmte Nahrungsmittel oder eine gestörte Mundmotorik. Nicht organische Gründe sind viel schwieriger zu fassen und reichen vom Temperament des Kindes über Bindungsstörungen zu den Eltern bis hin zu Elternkonflikten. Die Probleme bauen sich allmählich auf oder erscheinen unvermittelt, zum Beispiel nach Krankheit, Operationen oder Stresserlebnissen wie Trennungen. Die Kinder nehmen plötzlich deutlich weniger zu sich, verweigern strikt die Nahrung oder erbrechen die Mahlzeit.

Dieser Beitrag ist im UGB-FORUM mit dem Schwerpunktthema
Von klein auf vollwertig
erschienen.

Frühgeborene und bei der Geburt untergewichtige Kinder sind häufiger von solchen Störungen betroffen. Trinkt der Säugling einmal weniger, ist bei den Eltern schnell die Angst da, ihr Baby könnte sich nicht richtig entwickeln. Sättigungssignale des Kindes werden nicht wahrgenommen oder übergangen. Ablenkungen und Tricks sollen helfen, die Trink- und Nahrungsmenge zu steigern. Letztendlich bedeutet das, dass der Säugling zum Trinken gezwungen wird. Das Kind reagiert mit Essverweigerung. Ein Teufelskreis beginnt.
"In der Regel verweigert das Kind angebotene Nahrung, um etwas Angenehmes zu erreichen oder etwas Unangenehmes zu vermeiden", erklärt Beatrice Cosmovici, psychologische Assistentin am Kinderzentrum München. Zum Beispiel versuche das Kind dadurch mehr Zuwendung oder die Lieblingsspeise zu bekommen. Oder es reagiert auf das Einflößen der Nahrung unter Zwang oder eine emotional angespannte Füttersituation mit Zurückweisung. "Die Mutter tut alles, um die Verweigerung zu überwinden, indem sie ablenkt, den Clown spielt, mit Druck oder Zwang füttert oder doch die Lieblingsspeise hervorholt", sagt Cosmovici, die Eltern bei Fütterstörungen berät. Behandlungsbedürftig wird eine Fütterstörung spätestens dann, wenn Gewichtsverluste und Gedeihstörungen die Situation verschärfen. Im Extremfall kann dies bis zur Sondenernährung führen.

Zwang beim Füttern verschärft die Probleme

Weit mehr als ein Drittel aller Eltern empfinden das Essverhalten ihrer Kinder zumindest kurzfristig als problematisch. Meist handelt es sich um vorübergehende Probleme wie Appetitschwankungen oder Abneigungen, die ganz normal sind. Entscheidend ist, wie Eltern in dieser Situation das Verhalten des Kindes interpretieren und darauf reagieren. Hinter dem Satz, "Mein Kind will nicht essen", verbirgt sich fast immer: "Mein Kind isst nicht das, was ich möchte oder nicht so viel, wie ich es erwarte." Die meisten Eltern sind hochmotiviert, ihr Baby gesund zu ernähren. Sie informieren sich und suchen Unterstützung in den unzähligen Ratgebern zur Baby- und Kleinkindernährung. Die widmen sich in erster Linie dem was, wie viel und zu welchem Zeitpunkt. Selten wird auf individuelle Unterschiede im Bedarf und in der Entwicklung von Essfertigkeiten eingegangen.

Gestillte Kinder akzeptieren beispielsweise feste Nahrung und Füttern mit dem Löffel oft erst mit acht Monaten oder später. Viele Mütter sind verunsichert: Das Baby verhält sich nicht nach Plan, das Kind der Freundin trinkt viel mehr und der Arzt stellt fest, das Gewicht liegt im unteren Bereich. Das setzt die Eltern unter Druck, den sie beim Füttern an das Kind weitergeben. Die gut gemeinte Absicht lässt leicht vergessen, dass mit jedem Schluck und jedem Bissen, der gegen ein "Nein" in den Mund wandert, dem Kind etwas aufgezwungen wird. Auch jegliches Spielen und Ablenken beim Essen führt letztendlich dazu, das Kind zu manipulieren und die Ablehnung zu überwinden. Jede Art von Zwang und Druck nehmen Stück für Stück die Lust, sich überhaupt mit dem Essen auseinanderzusetzen. Das Vertrauen darauf, dass ein gesundes Kind von Anfang an fähig ist, Hunger und Sättigung zu regeln, dass es weiß, wie viel es wann braucht, scheint mehr und mehr verloren zu gehen.

Jedes Kind isst anders

Wie unterschiedlich die Menge sein kann, die ein Baby zum Wachsen und Gedeihen braucht, zeigt eine Untersuchung des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund. Danach kommen manche Säuglinge mit 600 Milliliter Milch am Tag aus, andere brauchen im selben Alter sogar mehr als 900 Milliliter. Jeglicher Vergleich mit anderen Kindern über Appetit und Nahrungsmenge sagt also nichts aus über das Gedeihen des eigenen Kindes. Eltern sollten vielmehr darauf schauen, wie zufrieden und aktiv der Sprössling ist. Ob Gewicht und Größe sich im Normbereich entwickeln, kann der Kinderarzt im Rahmen der üblichen Vorsorgeuntersuchungen beurteilen. Wiegen im Alltag ist unnötig und verunsichert nur.
Die Einstellungen zum Essen, die Eltern verinnerlicht haben, spiegeln sich unvermeidlich in ihrem Verhalten gegen¢über dem Kind wider. Wenn sie ihr eigenes Essverhalten stark kontrollieren, werden sie das auch auf ihr Kind übertragen. Wenn sie selbst überwiegend unterwegs sind und unregelmäßig essen, kann auch das Kind sich keine regelmäßigen Essenszeiten angewöhnen. Nicht selten bekommt das Kleinkind den Teller hingestellt, während die Mutter schon mal die Küche aufräumt oder der Vater den Fernseher einschaltet.

Entspannt das Essen entdecken

  • Wenn ein Kind beim Essen hin- und herzappelt, ist vielleicht zu viel Unruhe im Raum. Sorgen Sie für eine entspannte Atmosphäre beim Essen ohne Zeitdruck.
  • Füttern Sie nicht nebenbei. Ihr Kind lernt das Essen am besten beim gemeinsamen Essen am Familientisch.
  • Manche Kinder mögen nur stückige Kost. Unzerkleinert können sie Lebensmittel besser wahrnehmen.
  • Überlassen Sie Ihrem Kind den Löffel, wenn es selbst essen möchte, auch wenn anfangs mehr daneben geht, als in den Mund wandert. Das fördert Lust und Selbstständigkeit beim Essen.
  • Stopfen Sie niemals einen Löffel in den Mund Ihres Kindes, wenn es ihn nicht freiwillig aufmacht. Ihr Kind entscheidet, ob und wie viel es von dem Angebotenen isst.
  • Lehnt Ihr Kind ein bestimmtes Lebensmittel ab, akzeptieren Sie es einfach. Bieten Sie das Lebensmittel einige Tage oder Wochen später, evtl. anders zubereitet, wieder an.
  • Überreden und zwingen Sie Ihr Kind niemals zum Essen. Das verstärkt die Abneigung noch.

Es ist schwierig, einem quengelnden Kind gegenüber standzuhalten, geschweige denn einen Tobsuchtsanfall ruhig und bestimmt ohne Nachgeben zu überstehen. Dazu braucht es eigene Überzeugung, Sicherheit und eine ordentliche Portion Gelassenheit. Häufen sich solche Situationen, ist so manche Mutter bald am Ende ihrer Kräfte. Das verstärkt die Tendenz, den Kleinen das zu geben, worauf sie gerade Lust verspüren. Das Kind mit seinen Wünschen und Bedürfnissen zu respektieren heißt nicht, seinem Willen und seiner Lust in jedem Moment nachzugeben. Kinder brauchen von den Eltern vorgegebene Regeln und Strukturen, um sich zurechtzufinden. Wichtig ist, sich klar vor Augen zu führen, wer beim Essen für was verantwortlich ist.

Kinder entscheiden, wie viel sie essen

Die Eltern bestimmen, was, wann und wie auf den Tisch kommt. Das Kind darf frei aus dem Angebot auswählen. Es entscheidet, ob und wie viel es isst. Das bedeutet, die Eltern wählen die Lebensmittel aus, bestimmen die Qualität des Essens und den Zeitpunkt, wann es gereicht wird. Auch Kleinkindern ist zuzumuten, dass sie eine Weile auf das Essen warten. Für die Auswahl zuständig zu sein, heißt aber auch die Kompromisse, die sich die Eltern selbst und anderen Familienmitgliedern zugestehen, ebenso dem jüngsten Familienmitglied einzuräumen. Wenn die Eltern nicht möchten, dass ihr Kind Nussnougatcreme und Würstchen isst, sollten sie solche Produkte erst gar nicht einkaufen.

Die Ernährungsgewohnheiten und das Essverhalten der Eltern beziehungsweise der Familie bieten das Spielfeld, in dessen Abgrenzungen der Nachwuchs seine eigenen Geschmacksvorlieben entdecken kann. Wenn die Eltern selbst frühstücken, zu Mittag und zu Abend essen, führen sie ihr Kind automatisch an regelmäßige Mahlzeiten heran. Am besten sollten vollwertige Lebensmittel wie Kartoffeln, Gemüse, Vollkornprodukte & Co. für die ganze Familie auf den Tisch kommen. So wird es auch besorgten Eltern deutlich leichter fallen, die Wahl ihres Kindes zu akzeptieren. Eltern können darauf vertrauen, dass ihr Kind sich nimmt, was es braucht.
Heute sitzt Leon zum Mittagessen erwartungsvoll im Hochstuhl am Tisch. Auch der Rest der Familie hat sich zum Essen versammelt. Statt Gläschenkost isst Leon lieber das, was auch die Großen bekommen. Mit viel Ruhe und Geduld hat seine Mutter es geschafft, ihm den Druck beim Essen zu nehmen und für eine entspannte Atmosphäre am Esstisch zu sorgen.

Onlineversion von:
Fromme, S., UGB-Forum Spezial: Von klein auf vollwertig, S. 15-18, 2010

Weitere Informationen finden Sie hier:
Kochen für Kinder – Theorie und Praxis



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