Paper Mills: Wenn Studien zur Ware werden
Paper Mills, sogenannte Studienfabriken, sind Anbieter für gefälschte wissenschaftliche Veröffentlichungen. Diese erfundenen Studien stellen eine ernsthafte Bedrohung für die Forschung dar. Sie erschweren nicht nur den Erkenntnisgewinn, sondern lassen immer größere Zweifel an der Glaubwürdigkeit von neuen wissenschaftlichen Studien aufkommen.

Gefälschte Forschung ist längst kein Randphänomen mehr. Hinter immer mehr Fake-Publikationen stehen organisierte Anbieter, die fertige Studien und sogar Zitationen verkaufen. Der Clou dabei ist, dass diese Fabriken die gefälschten Studien an Wissenschaftler:innen verkaufen, die diese unter ihrem Namen veröffentlichen. Denn die Anzahl der Publikationen gilt in der Wissenschaft als Währung. Forschende, die viel publizieren und oft zitiert werden, gewinnen an Reputation und erhalten eher Forschungsgelder.
Ein lukratives Geschäftsmodell
Die Studienfabriken arbeiten wie Produktionsbetriebe. Sie erstellen zum Thema passende Abbildungen, fügen Textbausteine zusammen und erfinden Datensätze. Dabei werden auch aus vertrauenswürdigen Arbeiten Textpassagen kopiert oder Daten leicht abgeändert. Das Produkt, das dabei entsteht, ist nicht nur ein Text, sondern eine komplette Publikation mit Daten- und Bildmaterial, Ergebnissen und Literaturquellen. Dem fertigen Produkt fehlt dann nur noch ein Autor oder eine Autorin. Das Einfügen der Autorenschaft lassen sich die Paper Mills teuer bezahlen. Wer sich eine komplette Publikation erstellen lässt, muss bereit sein, bis zu 26.000 Euro auszugeben.
In angesehenen wissenschaftlichen Fachmagazinen durchlaufen eingereichte Forschungsarbeiten vor der Veröffentlichung ein Peer-Review-Verfahren. Das heißt, unabhängige Forschende aus dem gleichen Fachgebiet begutachten die eingereichten Arbeiten auf Qualität, Originalität und wissenschaftliche Korrektheit. Etwaige Kritik oder entdeckte Fehler sind zu korrigieren oder die Autor:innen müssen darlegen, warum die Kritik der Gutachter:innen unzutreffend ist. Dieser aufwendige Prozess dauert in der Regel einige Monate. Paper Mills versprechen mitunter eine Veröffentlichung bereits nach einem Monat. Das gelingt den Unternehmen, indem sie den Fachjournalen Reviewer:innen vorschlagen, die für sie arbeiten und ein positives Gutachten erstellen.
Zudem lassen sich auch Plätze als Co-Autor:innen kaufen, nachdem ein Paper bereits akzeptiert wurde. So können Forschende, die den Service von Paper Mills in Anspruch nehmen, sicher sein, dass ihr Name als Autor:in veröffentlicht wird. In den nächsten gefälschten Papern werden dann vorherige Fake-Paper zitiert. Damit verschleiern sich die Fälschungen gegenseitig.
Abkürzung auf der Karriereleiter
Forschende stehen unter einem enormen Publikationsdruck. In China werden sogar von (Medizin-)Studierenden Veröffentlichungen gefordert. Um dort beruflich weiterzukommen und aufzusteigen, werden wissenschaftliche Publikationen vorausgesetzt. Wer über die notwendigen finanziellen Mittel verfügt, kann so mit dem Auftrag bei einer Paper Mill eine Abkürzung auf der Karriereleiter nehmen. Überall dort, wo Karrieren, Boni oder Fördermittel an Publikationszahlen hängen, besteht also die Gefahr, dass gefälschte Studien in Auftrag gegeben werden.
Die Software-Programme, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten, werden immer besser. Gleichzeitig steigt die Anzahl an gefälschten Studien exponentiell und die Aufdeckungsquote von Fake-Publikationen sinkt. Insbesondere in der Medizin sind gefälschte wissenschaftliche Studien gefährlich. Denn von den Ergebnissen, wie verlässlich Medikamente oder Therapien wirken, sind die Lebensqualität und manchmal auch das Überleben von Patient:innen von existenzieller Bedeutung. Umso gefährlicher ist es, wenn Studien mit neusten Empfehlungen gefälscht sind.
Fälschungen nehmen zu
Forschende aus Marburg und Berlin gehen davon aus, dass der Anteil der Veröffentlichungen, die aus Paper Mills stammen, zwischen 2010 und 2020 von 16 auf 28 Prozent gestiegen ist. Hochgerechnet auf 1,33 Millionen biomedizinische Publikationen ergäbe das 383.000 betroffene Paper pro Jahr. Als Länder mit besonders hohen Anteilen gelten Russland, die Türkei, China, Ägypten und Indien.
Der Neurologe Professor Ulrich Dirnagl von der Charité Berlin zweifelt nicht an dem massiven Anstieg von gefälschten Papern. Er geht aber davon aus, dass die absoluten Hochrechnungen überschätzt sind. Da Paper Mills im Verborgenen arbeiten und viele Fake-Studien nicht als solche erkannt werden, ist es schwierig, die Größenordnung genauer zu beziffern. Auch unterscheiden sich die Zahlen je nach Fachrichtung erheblich. Beispielsweise wird in der Grundlagenforschung zu Krebserkrankungen angenommen, dass rund zehn Prozent aller Paper verdächtig sind.
Hinzu kommt, dass Fachjournale daran interessiert sind, möglichst viele Studien zu veröffentlichen und in anderen wissenschaftlichen Publikationen zitiert zu werden. Insbesondere elektronische Open-Access-Zeitschriften, bei denen wissenschaftliche Publikationen kostenlos zugänglich sind, täuschen oft ein qualitätssicherndes Peer Review vor. So reichte der Journalist John Bohannon bereits 2013 eine gefälschte klinische Studie eines Krebsmedikaments bei 304 Open-Access-Zeitschriften ein. Bewusst hatte er schwere offensichtliche Fehler eingebaut. Mehr als die Hälfte der Magazine akzeptierte den Aufsatz. Nur ein Fachjournal lehnte die Arbeit wegen wissenschaftlicher Mängel ab.
Wie lassen sich Fälschungen erkennen?
Es gibt einige Anhaltspunkte die darauf hinweisen, dass ein Paper vermutlich nicht aus seriöser wissenschaftlicher Arbeit stammt: Wenn die vermeintlichen Autor:innen etwa private E-Mails angeben, statt Adressen, die einem existierenden Forschungsinstitut, einer Hochschule oder Klinik zuzuordnen sind. Auch fehlende Co-Autor:innen oder eine fehlende Verbindung zu einer Klinik bei Studien aus der Medizin können ein Hinweis sein. Ebenso sind Bilder, die in anderen Studien auftauchen, oder eine ungewöhnliche Zusammenarbeit von Autor:innen aus verschiedensten Fachgebieten und unterschiedlichsten Ländern Anzeichen für Paper Mills.
Selbst für seriöse Wissenschaftler:innen besteht die Gefahr, dass sie gefälschte Studien zitieren und in Reviews aufnehmen. Besonders heikel ist, wenn von Paper Mills angefertigte Arbeiten in überlasteten Review-Prozessen durchrutschen und Folgeforschung fehlleiten. Entscheidend ist daher, dass neu eingereichte Paper nach wissenschaftlichen Standards geprüft werden und unabhängige Begutachtungsverfahren durchlaufen. Auch der Austausch mit den Autor:innen hilft, Fälschungen aufzudecken.
Der Anreiz in der Wissenschaft muss sich verschieben. Nicht Masse, sondern Klasse muss der Maßstab für seriöses Forschen sein. Wissenschaftler:innen sollten nicht weiterhin Gefahr laufen, dass sie aussortiert werden, wenn sie nicht sofort die nächste Studie veröffentlichen. Paper, die gewissenhaft erstellt werden, besitzen zudem einen Erkenntnisgewinn und gesellschaftliche Bedeutung im Vergleich zu der Flut an Papern, die keinen Wahrheitsgehalt besitzen.
Bild © DavidArts/depositphotos.com
Stichworte: Unabhängigkeit, Studien, gefälschte Studien, Forschung, Paper Mills
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