Fasten gegen den Schmerz

Fasten ist ein natürliches Stoffwechselprogramm, das Überleben in Zeiten der Not sichert. Über zahlreiche Mechanismen wirkt sich der freiwillige Nahrungsverzicht positiv auf das Schmerzgeschehen aus. Selbst chronische Schmerzpatienten profitieren von einer Fastentherapie.

Fasten © Techniker Krankenkasse

Ob Migräne oder Rheuma – viele Menschen, die fasten, berichten über eine Verringerung ihrer Schmerzen. Fasten setzt dabei an vielen Stellen an. Durch die Umstellung der Ernährung von außen auf die Versorgung von innen zieht der Organismus zunächst die gespeicherten Kohlenhydrate, die in Form von Glykogen in der Leber und den Muskeln lagern, als Energiequelle heran. Nach vorübergehend erhöhtem Proteinverbrauch steigt die Nutzung von Fett auf über 95 Prozent. Dadurch wird überschüssiges Bauchfett (viszerales Fett) abgebaut. Gleichzeitig verringern sich die dort im Übermaß gebildeten entzündungsfördernden Botenstoffe wie Interleukine und der Tumornekrosefaktor-alpha.

Jedes Essen löst über den sogenannten NF-kappaB Signalweg eine Entzündungskaskade aus, was normalerweise unproblematisch ist. Daher wirkt das Weglassen von Nahrung generell entzündungshemmend, besonders der Verzicht auf Nahrungsmittel tierischen Ursprungs wie Fleisch und Milchprodukte. Letztere enthalten die Fettsäure Arachidonsäure, die als Vorläufer von entzündungsfördernden Botenstoffen, den Prostaglandinen, dient.

Körpereigene Schmerzstiller aktiv

Auf molekularer Ebene passiert während des Fastens noch mehr: Durch strukturelle Veränderungen der Serotoninrücktransporter erhöht sich die Verfügbarkeit von Serotonin, einem stimmungsaufhellenden und appetitvermindernden Neurotransmitter. Dadurch reduziert sich die Schmerzempfindlichkeit. Zudem schüttet der Körper vermehrt körpereigene Opioide aus, also schmerzstillende Substanzen. Dazu zählt das Morphin, das in der Schulmedizin als sehr stark wirkendes Schmerzmittel eingesetzt wird. Schon vor über 15 Jahren wurde ein körpereigener Weg zur Morphinsynthese während des Fastens beschrieben. Im Laborversuch mit Ratten erhöhten sich die im Gehirn produzierten Morphine nach 24-stündigem Fasten um das Fünffache. Dabei entstehen erhöhte Werte an Cannabinoid-2-Arachidonoylglycerol, die schmerzreduzierend wirken. Dies geschieht beim Fasten, nicht jedoch bei Kalorienrestriktion.

Ohne Essen weniger Nervenschmerzen

Des Weiteren erhöht Fasten die Bildung des Neuropeptid-Y-Gens in definierten Gehirnregionen. Das Gen reduziert die neuronale Aktivität im Rückenmark und somit das Empfinden der entzündlichen und nervlichen (neuropathischen) Schmerzen. Die vermehrte Bildung von Ketonkörpern im Fasten hat vermutlich über ihren Einfluss auf die Psyche zusätzlich schmerzreduzierende Effekte.

Sicherlich trägt auch die Autophagie zur Besserung schmerzhafter Grunderkrankungen wie Rheuma bei. Dieses Selbstverdauungsprogramm der Zellen baut unbrauchbare und störende Bestandteile wie fehlgeformte Proteine und funktionsunfähige Mitochondrien während des Fastens ab. Außerdem fördert die Reduktion von Protein und Zucker Signalwege, die Reparaturgene aktivieren, was zur Heilung der Grunderkrankung beiträgt und so Schmerzen lindern kann.

Bei vielen Erkrankungen hilfreich

Für die rheumatoide Arthritis gibt es bezüglich der Studienlage die höchste Aussagekraft für positive Effekte des Fastens. In einer randomisiert-kontrollierten Studie zeigten norwegische Forscher, dass bei Patienten mit rheumatoider Arthritis eine einwöchige Fastenphase die Beschwerden deutlich verringerte und die Entzündungsparameter abnahmen. Dieser Effekt hielt etwa ein Jahr lang an. Nach dem Fasten folgte hier ein Kostaufbau mit veganer und anschließend lacto-vegetarischer Ernährung. Die klinische Wirkung der Fasten­therapie bei rheumatoider Arthritis wurde inzwischen auch durch Übersichtsarbeiten bestätigt. Ein Wirkmechanismus ist durch eine Unterdrückung der T2-Lymphozyten zu erklären, da so die Entzündungsreaktion geringer ausfällt.

Rheumatiker, die fasten, behalten ihre Basistherapie mit Medikamenten zunächst bei. In der Regel berichten sie schon nach wenigen Fastentagen von einer Schmerzreduktion, dem Abschwellen der Gelenke und verbesserter Beweglichkeit. Auch bei der durch Schuppenflechte verursachten Entzündung der Gelenke, der sogenannten Psoriasisarthritis, hat sich die schmerzstillende und entzündungshemmende Wirkung des Fastens bewährt (siehe Fallbeispiel).

Fallbeispiel eines Rheumapatienten

Wegen Gelenkschmerzen im Bereich der Schultern, der Handgelenke und der Lendenwirbelsäule kommt der Patient, ein 48-jähriger Winzer, im März 2015 zur stationären Therapie. 2009 wird eine Polyarthritis ohne Rheumafaktoren mit Verdacht auf Psoriasisarthritis diagnostiziert. Er nimmt verschiedene Rheumamedikamente, bricht die Behandlung wegen der Nebenwirkungen jedoch ab. Der Patient fastet 17 Tage. Ein Vitamin D-Mangel wird durch Supplementation ausgeglichen. Die Schmerzen bessern sich deutlich. Im November 2015 schreibt der behandelnde Rheumatologe einen begeisterten Brief, es gehe dem Patienten so gut, dass er seinen Erfolg durch eine weitere Fastentherapie stabilisieren wolle. Im Januar 2016 fastet der Patient wieder 11 Tage. Er hat keine Gelenkbeschwerden mehr und auch für sein vormals bestehendes Asthma benötigt er keine Medikamente mehr.

Eine Dissertation mit über 400 fastenden Migränepatienten wies nach, dass nach durchschnittlich 14 Fastentagen 94 Prozent der Patienten in den folgenden sechs Monaten keine oder deutlich weniger Anfälle hatten. Zu Beginn erleiden die Patienten oft noch einen heftigen Migräneanfall, sind dann aber oft erstaunt über die nachfolgende Beschwerdefreiheit. Auch spannungsbedingte Kopfschmerzen lassen sich in Kombination mit Körpertherapien wie Osteopathie oder Kopflymphdrainage günstig beeinflussen.

Selbst bei Fibromyalgie, bei dem die Patienten über Schmerzen am ganzen Körper klagen, kann Fasten die Beschwerden meist erstaunlich gut lindern, oft sogar ganz zum Verschwinden bringen. Patienten, die unter chronisch wiederkehrenden Harnwegsinfekten, Nasennebenhöhlen- oder Kehlkopfentzündungen leiden, erfahren oft eine anhaltende Besserung durch Fasten.

Schmerzmittel reduzieren

Chronische Schmerzpatienten betreiben oft einen Schmerzmittelmissbrauch mit entsprechenden Nebenwirkungen wie Nierenschäden oder gastrointestinalen Blutungen. Dies lässt sich sehr oft durch Fastentherapien vermeiden. Die Fastendauer hängt von der Konstitution des Patienten ab; günstig scheinen sich besonders mehrwöchige Fastenperioden auszuwirken. Auch schlanke Menschen, die unter Rheuma oder Migräne leiden, tolerieren lange Fastenzeiten oft erstaunlich gut. Erfahrungsgemäß hält die schmerzstillende Wirkung des Fastens mindestens ein halbes Jahr an, natürlich abhängig von der Art und Weise, wie die Patienten ihren Lebensstil ändern. Eine Studie an den Kliniken Essen-Mitte belegte durch Nachbefragung nach drei und sechs Monaten, dass bereits ein einwöchiges Fasten eine nachhaltige Lebensstiländerung bezüglich Ernährung, Bewegung und Stressreduktion bewirkt. Bei einer vegetarisch ernährten Kon­trollgruppe mit gleichem Gesundheitstraining und gleicher naturheilkundlicher Behandlung war das deutlich weniger der Fall.

Nach dem Fasten bewährt sich eine tendenziell vegetarische Kostform. Moderates Bewegungstraining sowie stressreduzierende Maßnahmen wie Meditation, Autogenes Training und Yoga wirken sich positiv auf die Verringerung der Schmerzwahrnehmung aus. Durch regelmäßiges Fasten lässt sich auch bei chronischen Schmerz­erkrankungen eine gute Lebensqualität erzielen. Vorbeugend können auch ein Fastentag pro Woche oder das Auslassen einer Mahlzeit – zum Beispiel Dinnercancelling – regenerative Prozesse und längere schmerzfreie Perioden ermöglichen.

Das Buchinger-Fasten

Im deutschsprachigen Raum machte Otto Buchinger das Heilfasten als therapeutisches Prinzip bekannt und setzte es erfolgreich in seinen Kliniken als Heilmittel ein. Neueste Forschungen, unter anderem aus den USA, bestätigen seine Erfahrungen in vielen molekularbiologischen Studien.
Gemäß der Definition der Ärztegesellschaft für Heilfasten und Ernährung bedeutet Fasten den freiwilligen Verzicht auf feste Nahrung und Genussmittel für begrenzte Zeit. Beim Heilfasten nach Buchinger werden Tee, Honig, Fruchtsäfte und Gemüsebrühe, insgesamt ca. 250 bis 300 Kilokalorien, gereicht. Erforderlich ist eine kalorienfreie Flüssigkeitszufuhr von ca. 3 Litern Wasser und/oder Kräutertee sowie das Einstellen eines Gleichgewichts zwischen moderater Bewegung und Ruhe.

Quelle: Lischka E., Lischka N. UGBforum 4/16, S. 170-172

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