Was ist von der China Study zu halten?

Unter Vegetariern gilt das Sachbuch „China Study“ von Prof. T. Colin Campbell und seinem Sohn Thomas M. Campbell als die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährung. Doch Wissenschaftler sehen die in dem Buch dargestellten Daten durchaus kritisch.

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Nach Ansicht der Autoren beschreibt die China Study die umfassendste, epidemiologische Studie, die jemals durchgeführt wurde. Der inzwischen emeritierte Professor für Biochemie an der amerikanischen Cornell University T. Colin Campbell leitete in den 1970er und 1980er Jahren das sogenannte China-Cornell-Oxford-Project. Im Rahmen des Projektes wurden Daten von 6500 Menschen aus 24 Provinzen in China erhoben. Die Auswertungen zeigen Zusammenhänge zwischen dem Verzehr von tierischem Eiweiß und zahlreichen Zivilisationskrankheiten. Campbell empfiehlt daher, den Konsum von tierischem Eiweiß zu verringern oder ganz zu meiden.

Diese Schlussfolgerung wird besonders von Epidemiologen kritisiert. Ihrer Ansicht nach erlauben die ermittelten Korrelationen nur begrenzte Rückschlüsse und sind nicht als kausal zu betrachten. Auch Fehler in der statistischen Auswertung werden von wissenschaftlicher Seite gerügt. Diese Kritik sollte ernst genommen werden, denn dadurch relativieren sich einige der Schlussfolgerungen der Autoren. Dieser Umstand mindert aber kaum die Aussagekraft des Buches. Von den 18 Kapiteln auf 423 Seiten beschreibt lediglich ein Unterkapitel mit 43 Seiten die Ergebnisse der China Study. Die anderen 380 Seiten berichten über die früheren Forschungsergebnisse von Colin Campbell, überwiegend mit Nagetieren, sowie seine Berufs- und Lebenserfahrungen. Zudem analysiert er zahlreiche wissenschaftliche Ergebnisse, die von vielen Forschergruppen im Laufe der Jahre publiziert wurden. Da das Buch in den USA bereits im Jahr 2004 erschienen ist, fehlen Erkenntnisse des letzten Jahrzehnts. Trotzdem ist dieser lange Teil des Buches aufschlussreich und enthält die entscheidende Botschaft der Autoren.

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Colin Campbell plädiert ähnlich wie die Vollwert-Ernährung für eine pflanzenbetonte Kost mit ballaststoffreichen, wenig verarbeiteten und regionalen Lebensmitteln. Diese Forderung ist weitgehend unbestritten. Dass diese Empfehlungen schließlich auch zu einer veganen Ernährung führen können, hat der Autor selbst erfahren. Als ehemaliger Anhänger von Fleisch und Milchprodukten wurde er zunächst zum Vegetarier und erst sehr viel später zum Veganer. Seine Empfehlung, den Konsum tierischer Produkte – besonders tierischen Proteins – deutlich zu vermindern, gilt auch in der Vollwert-Ernährung. Eine vegane Ernährung wird in der Vollwert-Ernährung nicht explizit empfohlen. Sie ist eine individuelle Entscheidung, die meist weniger gesundheitlich als vielmehr ethisch begründet wird. Die zunächst geäußerten Angaben der Autoren zur Vitamin B12-Versorgung von Veganern sind problematisch; letztendlich raten sie aber doch zu Supplementen.

Eine genauere, reflektierte Übersetzung aus dem amerikanischen sowie eine andere Präsentation von Seiten des Verlags hätten dem Buch sicher mehr Glaubwürdigkeit verliehen. So verspricht der Untertitel der zweiten deutschen Ausgabe „Die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährungsweise“ mehr, als das Buch erbringt. Im englischen Original heißt es dagegen: „Überraschende Rückschlüsse für Ernährung, Körpergewichtsverlust und langfristige Gesundheit“.

Neben den gesundheitlichen Aspekten gewährt das Buch interessante Einblicke in die Schattenseiten und Verflechtungen der Lebensmittelwirtschaft, Wissenschaft und Politik. Es wird den Leser nicht unberührt lassen, auch wenn er nicht gleich zum Veganer werden muss. Aber – der Weg ist das Ziel.

Literatur:
Campbell T C, Campbell T M. China Study - Die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährungsweise. Verlag Systemische Medizin, 2. Auflage, Bad Kötzting 2011

Quelle: UGB-Forum 6/12, S. 305

Stand: 2012

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