Neuestes Wissen für Beratung und Essalltag
Aktuelle Themen der Ernährungsforschung und neue Ansätze für die Beratung lockten vom 8.-9. Mai 2026 mehr als 250 Teilnehmer:innen zur UGB-Tagung nach Gießen. Von gewichtsneutraler Beratung über therapeutisches Fasten bei Diabetes bis zu Cholesterin und Mythen der Ernährungswissenschaft reichte die Palette an spannendem Input.
Über die Wirksamkeit gewichtsneutraler Ansätze in der Behandlung von Adipositas berichtete Prof. Ulrike Gisch (Mitte) von der Universität Gießen. Die Ernährungspsychologin wies auf den Teufelskreis hin, der durch Diäten entstehe und kam zu dem Ergebnis: Diäten tun der Seele nicht gut. Vielmehr sollten Berater:innen ein intuitives Essverhalten und ein positives Körperbild fördern, statt den Erfolg anhand der Kilos auf der Waage zu beurteilen.
Im Anschluss an die Vorträge von Prof. Ulrike Gisch (Mitte) und Prof. Gertrud Morlock moderierte Prof. Matthias Faßhauer die Diskussion.
Analytik ist Detektivarbeit. Das zeigte Prof. Gertrud Morlock (links) von der Universität Gießen am Beispiel Olivenöl. Lebensmittelbetrüger nutzten aus, dass es bis zu 30 verschiedene Analysemethoden benötige, um Panschereien aufzudecken – eine teure Angelegenheit, die kaum durchgeführt werde. Besonders perfide: Je stärker Lebensmittel verarbeitet sind, umso schwerer lassen sich unerwünschte Beimischungen nachweisen.
Industrieprodukte unter der Lupe
Bei industriell verarbeiteten Lebensmitteln gehen 30 Prozent des Energieeinsatzes auf das Konto der Lebensmittelverarbeitung. Oft stammen die Rohstoffe für hochverarbeitete Produkte aus dem Anbau von Monokulturen. Die Zerschneidung von Lebensräumen sowie chemische Dünger und Pestizide führten zu einem massiven Verlust von 35-40 Prozent der Biodiversität, so Dr. Eleonore Heil vom Arbeitskreis Ernährungsökologie an der Universität Gießen.
Über die ökologischen Folgen hochverarbeiteter Lebensmittel berichtete Dr. Eleonore Heil.
Auf die Vorteile der Agroforstwirtschaft machte der Professor für ökologischen Landbau an der Universität Gießen, Dr. Andreas Gattinger, aufmerksam. Die Kombination von Ackerbau und Viehweiden mit Gehölzen, zum Beispiel Streuobstwiesen mit einer Schafweide, verbessere die Bodenqualität, unterstütze in Zeiten des Klimawandels die CO2-Bindung und wirke als Temperaturdämpfer. Aktuell würden aber gerade einmal 0,02 Prozent der Agrarflächen die Land- und Baumwirtschaft kombinieren.
Kinder schmecken anders
Kinder haben zwar etwa fünfmal so viele Geschmacksknospen wie Erwachsene, dennoch bräuchten sie höhere Reizstimuli, um süß zu schmecken. Erst ab acht Jahren verbesserte sich die Geschmackswahrnehmung. Das heißt, Kinder müssen schmecken erst lernen, weiß Lebensmitteltechnologin Kirsten Buchecker von der Hochschule Bremerhaven. Erschreckend sei, dass manche Kinder heute süß, salzig und bitter nicht unterscheiden, geschweige denn Gemüse und Obst herausschmecken könnten.
Bei Jugendlichen in der Pubertät befindet sich das Gehirn im Umbau und ist in dieser Zeit einerseits besonders empfindlich. Andererseits nehmen die Dopamin-Rezeptoren um 30 Prozent ab, berichtete UGB-Präsidentin Edith Gätjen. Die größte Aufgabe der Eltern sei, Vertrauen zu haben und authentisch zu bleiben. Für die Entwicklung der Jugendlichen sei eine gemeinsame ungestörte Familienmahlzeit überaus wichtig. In punkto Ernährungsbildung gelte: Ins Handeln kommen und zusammen kochen.
Mit Wasserfasten gegen Diabetes
Um krankhaftes Leberfett loszuwerden, ist nach Meinung von Prof. Dr. Peter Schwarz (unten) von der Universitätsklinik Dresden das Wasserfasten die beste Methode. Innerhalb von nur zwei Wochen bilde sich krankhaftes Leberfett weitgehend zurück und Blutzucker- und Blutfettwerte verbesserten sich. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes komme es in 60-70 Prozent der Fälle zu einer Remission. Durch Fasten ließe sich so der Diabetes ausbremsen, ist Schwarz überzeugt.Von erstaunlichen gesundheitlichen Effekten des Wasserfastens auf Leberfett und Diabetes berichtete Prof. Dr. Peter Schwarz.
Der Weg zur Gesundheit führt durch die Küche. So lautet das Motto von Eva Hennes, die aus ihrer Beratungspraxis berichtete. Wichtig ist der Ernährungswissenschaftlerin eine mahlzeitenorientierte Beratung und der Ansatz, individuelle Tellermodelle zu entwickeln. Und was ihre Klient:innen an die Hand bekommen sind Rezepte, Rezepte, Rezepte.
Lipödem und Mythos Cholesterin
Zum Thema Lipödem brachte die Ernährungswissenschaftlerin Andrea Barth (unten) die Zuhörer:innen auf den neuesten Stand der Wissenschaft. Oftmals würden ketogene Diäten empfohlen. Zwar gebe es zu dieser Diätform die meisten Studien, eine Evidenz zu deren Wirksamkeit fehle aber, warnte Barth. Die selbst von der Fettverteilungsstörung betroffene Expertin stellte zudem klar, dass es nicht um ein Gewichtsproblem gehe. Selbst Normal- und Untergewichtige – vor allem Frauen – seien betroffen.
Moderiert von UGB-Präsidentin Edith Gätjen (rechts) stellte sich Andrea Barth den Fragen der Zuhörer:innen zu Ursachenn und Therapie des Lipödems.
Bei erhöhten Cholesterinspiegeln empfehlen die medizinischen Leitlinien eine medikamentöse Therapie mit Statinen. Dieser pauschalen Empfehlung widersprach der Allgemeinmediziner und Arzt für Naturheilverfahren Dr. Günther Schwarz. So seien Studien oft von Pharmaunternehmen finanziert und Empfehlungen der Kardiologenverbände interessengeleitet. Er forderte ein differenzierteres Bild, das auch die Lebensumstände und psychosoziale Faktoren in der Behandlung beachtet.
In der Pause verschaffte Bettina Kowalski den Teilnehmer:innen Abwechslung mit Bewegungsübungen.
Von bösen Kohlenhydraten
In seinem Vortrag über die bösen Kohlenhydrate nahm Ernährungswissenschaftler und UGB-Dozent Artjom Sarafanov die Zuhörer:innen mit zur Entstehung der Low-Carb-Diät ins London des 19. Jahrhunderts. Heutige wissenschaftliche Erkenntnisse zeigten: Nicht der Verzicht auf Kohlenhydrate schütze vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krebs. Die Effekte seien vielmehr auf den Gewichtsverlust zurückzuführen.
Ernährungsmythen bieten einfache Lösungen. Sie klingen erzählerisch großartig und liefern Handlungsfähigkeit, seien aber wissenschaftlich verkürzt und oft nicht haltbar, erklärte der Ernährungssoziologe Dr. Daniel Kofahl. Besonders rasant verbreiten sich die Mythen in den sozialen Netzwerken. Auch deshalb hält sich der Glaube an die Ernährungsmythen hartnäckig in den Köpfen der Menschen.
Erstmals mit Markt der Möglichkeiten
Auf großes Interesse stieß der Markt der Möglichkeiten. Hier stellten sich fünf Initiativen vor, die mit ihren Projekten auf unterschiedliche Weise zu einem nachhaltigen Ernährungssystem beitragen. Videos, in denen sich der Ernährungsrat Gießen, Slow Food oder Foodsharing vorstellen, gibt es auf unserem Instagramkanal (@ugb_vollwert).
Auf großes Interesse stießen die Initiativen für nachhaltige Ernährungssysteme, die ihre Arbeit beim Markt der Möglichkeiten vorstellten.
Im nächsten Jahr findet die UGB-Tagung vom 21.-22. Mai 2027 im Hauptgebäude der Justus-Liebig-Universität in Gießen statt.

