Chronische Erkrankungen - Sporttherapie auf Rezept

Körperliche Aktivität trägt bei chronisch Kranken erheblich zu einem günstigen Krankheitsverlauf bei. Ärzte sollten Sport daher als festen Therapiebestandteil im Behandlungsplan viel stärker berücksichtigen und Patienten motivieren, aktiv etwas für ihr Wohlbefinden und mehr Lebensqualität zu tun.

Sport als Therapie chronischer Erkrankungen © Ljupco Smokovski/123RF.com

Chronische Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall, Diabetes, Alzheimer und Demenz sowie Krebserkrankungen verursachen den weitaus größten Teil der Kosten im Gesundheitssys­tem. Übergewicht und Inaktivität begüns­tigen ein permanentes Entzündungsgeschehen im Körper. Das trägt vermutlich zu chronischen Erkrankungen bei und erhält sie aufrecht.

Präventionsmaßnahmen mit dem Ziel, Adipositas zu vermeiden und regelmäßige körperliche Aktivität umzusetzen, sind daher herausragend wichtig, um die Häufigkeit von chronischen Erkrankungen mittel- und langfristig zu vermindern. Körperliches Training hat aber auch bei bereits bestehenden Erkrankungen zusätzlich zu einer medikamentösen Therapie einen gesundheitlichen Vorteil. Dieses Konzept der „Sporttherapie in der Medizin“ ist bei zahlreichen Erkrankungen wirksam.

Bewegung bei Herzerkrankungen

Körperliche Aktivität senkt nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Einfach übersetzt heißt das, regelmäßige Bewegung schützt vor Herzerkrankungen. Schon 30 Minuten Spazierengehen pro Tag senkt die Häufigkeit um 20 Prozent. Das entspricht einem zusätzlichen Energieverbrauch durch Aktivität von 1100 Kilokalorien in der Woche. Vor allem die Intensität der körperlichen Belastung ist hier von Bedeutung; eine höhere Intensität kann das Risiko noch weiter reduzieren. Auch bei bestehenden kardiovaskulären Risikofaktoren wie Adipositas, Typ-2-Diabetes, Hypertonie oder Rauchen besteht ein klarer Zusammenhang zwischen der Herz-Kreislauf-Fitness (kardio­pulmonale Fitness) und dem relativen Sterberisiko. So kann eine sehr gute körperliche Leistungsfähigkeit das Sterberisiko bei bestehender Adipositas um mehr als die Hälfte verringern.

Dieser Beitrag ist im UGBforum 5/16 Foodtopia: Essen aus der Retorte erschienen.

Wissenschaftler konnten in den letzten Jahren belegen, dass ein körperliches Training gerade auch bei chronischer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) die Prognose verbessert. So zeigte eine große Studie mit Herzpatienten, die HF-Action-Studie (Heart Failure and controlled trial investigating outcomes of Exercise training), dass ein regelmäßiges körperliches Training zusätzliche positive Effekte bei einer optimal medikamentös therapierten Patientengruppe mit Herzinsuffizienz bewirkte. Dadurch verringerten sich die Krankenhausauf­enthalte mit deutlich verbesserter Prognose.

Das größte Problem ist jedoch, dass viele Herzpatienten Angst vor Belastung haben. Doch gerade kranke Menschen müssen wieder aktiv werden. Das körperliche Training ist dabei eng an die individuellen Vorgaben zu koppeln und von den Patienten entsprechend einzuhalten.

Bessere Blutwerte bei Diabetikern

Auch bei bereits manifestem Typ-2-Diabetes nimmt körperliche Aktivität einen hohen Stellenwert ein. Regelmäßige Bewegung verbessert den Transport von Glucose in die Zellen und wirkt einer Insulinresistenz entgegen, indem es insbesondere die Muskelzellen sensibler für Insulin macht.

Eine aktuelle Meta-Analyse von 47 kontrollierten Studien ergab eine signifikante Reduktion des HbA1c-Wertes (Marker für den Blutzucker) durch strukturiertes Ausdauer-, Kraft- oder kombiniertes Ausdauer- und Krafttraining. Positive Effekte durch ein Intervalltraining bestätigten auch kleinere Studien. Eine große Interventionsstudie, die LOOK Ahead Trial, begleitete 5000 Typ-2-Diabetiker, die ihre körperliche Aktivität auf über 175 Minuten pro Woche steigerten und mehr als sieben Prozent des Ausgangsgewichts verloren. Allerdings war der Effekt auf die körperliche Belastbarkeit nach vier Jahren nicht mehr zu beobachten, was auf eine deutlich reduziertes Mitwirken (Compliance) der Studienteilnehmer hinweist. Das macht deutlich, dass Trainingspläne mit dem behandelnden Arzt immer wieder aufgefrischt werden sollten.

Auch Lungenkranke profitieren von Sport

Lungenerkrankungen und besonders die Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung (COPD) bedingen eine reduzierte Belastbarkeit. Dadurch sind die Patienten immer wenig aktiv, was zu einer Rückbildung der Muskulatur führt. Verstärkt wird das noch durch die Nebenwirkungen der Medikamente wie Kortison. Mit dem Schweregrad der chronischen Lungenerkrankung nimmt folglich der Umfang an körperlichen Aktivitäten im Alltag immer weiter ab. Körperliches Training ist jedoch enorm wichtig, um eine Verschlechterung aufzuhalten. Patienten profitieren auch bei COPD von einem etwas intensiveren Training mit Intervallcharakter. Dadurch wird die Muskulatur mehr angesprochen und die Erholungsphasen sind häufiger, was die Akzeptanz der Patienten erhöht. Selbst Patienten mit schwerer COPD, die vor einer Lungentransplantation stehen, profitieren von einem angepassten Training. Dadurch kann ihre Belastbarkeit über einen längeren Zeitraum auf-recht erhalten werden.

Verbesserte Prognose für Krebspatienten

Tumorpatienten sind generell durch ihre Erkrankung und die entsprechende Therapie mit Operation, Strahlen- und Chemotherapie in ihrer allgemeinen psychischen und funktionellen Belastbarkeit eingeschränkt. So zeigen sie Schlafstörungen, vermehrte Angstsymptomatik und Depressionen, aber auch eine Einschränkung von Körperfunktionen. Ein körperliches Training vermag gerade das chronische Müdigkeitssyndrom der Patienten nach Chemo- und Strahlentherapie deutlich günstig zu beeinflussen. Zudem gibt es eindeutige Hinweise, dass sich die Sterberate von Patienten mit Darm-, Brust- und Prostata­krebs verringert, wenn körperliches Training direkt nach der Diagnosestellung beginnt. So sinkt die Sterberate im Zeitraum von zehn Jahren um die Hälfte, wenn Patienten mehr als vier Stunden pro Woche körperlich aktiv sind im Sinne von zügigem Spazierengehen. Solche Effekte ließen sich bei Darmkrebs eindeutig auf das Training nach Diagnosestellung zurückführen. Mit Zunahme der körperlichen Aktivität sank die Sterblichkeit um 50 Prozent.

Vergleichbare Daten sind auch bei Brustkrebs zu beobachten. So zeigt sich eine klare Beziehung zwischen zügigem Spazierengehen oder der körperlichen Aktivität von mehr als zwei Stunden pro Woche und einer verringerten Sterblichkeit über einen Beobachtungszeitraum von 18 Jahren. Insgesamt kommt es darauf an, dass nach der Diagnosestellung unmittelbar ein Trainingsprogramm startet, das auch über die Zeit der Chemo- und Strahlentherapie sowie der Rehabilitationsphase fortgeführt wird. Bei diesen Patienten ist die individuelle Empfehlung und Strukturierung des Trainingsplans von zentraler Bedeutung.

Bei Gehirnschäden wirksam

Auch bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall, Alzheimer oder Parkinson zeigen sich positive Effekte durch eine Sporttherapie. Wissenschaftler verglichen Patienten mit Morbus Parkinson in einem prospektiv randomisierten Studiendesign über drei Monate mit dreimal wöchentlichem Training bei moderater und bei intensiver körperlicher Belastung. Insbesondere die Kombination aus Kraft- und moderatem Ausdauertraining erwies sich als ein optimales Trainingsprogramm, um die körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern. Patienten mit milder kognitiver Einschränkung scheinen ebenfalls von einem mehrmonatigen Programm (dreimal pro Woche moderate körperliche Aktivität á 50 min) zu profitieren. So verbesserte sich der sogenannten ADAS-Scores (Alzheimer Disease Assessment Scale), was für eine gesteigerte kognitive Kompetenz steht.

Sport als Medikament verordnen

Körperliches Training, das der Arzt wie ein Medikament verordnet und dosiert, kann bisherige Standardtherapien in der Medizin sinnvoll ergänzen und den Krankheitsverlauf signifikant positiv beeinflussen. Vor allem trägt es zu einer Verbesserung der Lebensqualität von Patienten bei. Dabei muss das Training individuell auf jeden Patienten abgestimmt sein und sich an dem Krankheitsstadium, der subjektiven Belastbarkeit, den körperlichen Einschränkungen sowie den strukturellen Trainingsmöglichkeiten orientieren. Die Aufstellung eines Trainingsprogramms verlangt die enge Kooperation zwischen dem behandelnden Facharzt, einem Sportmediziner oder Sporttherapeuten und Sportwissenschaftlern, die diese Programme mit den Patienten umsetzen. Dieses Konzept wird in Deutschland seit vielen Jahren in der stationären Rehabilitation umgesetzt. Es muss sich aber an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen weiterentwickeln und vor allem auch zur Sicherung der Langzeit-Compliance der Patienten an ambulanten Rehabilitationsstrukturen orientieren.

Bei diesen Konzepten sollte die Bewegungstherapie einen zentralen Baustein einnehmen und möglichst regelmäßig über viele Jahre fortgesetzt werden. Denn dann ist auch eine verbesserte klinische Prognose der Patienten zu erwarten. Um dieses wissenschaftlich zu untermauern, werden derzeit in München große randomisierte Studien zur Lebensstilintervention bei Patienten mit Krebs und Herzerkrankungen durchgeführt.

Von der Studie in die Praxis

Es wird die Aufgabe der nächsten Jahre sein, hochqualifizierte und aussagekräftige Studien durchzuführen, um die optimale Art und Dosis der körperlichen Aktivität in der Sporttherapie bei unterschiedlichen Erkrankungen zu ermitteln. Dieses wird sowohl die Rehabilitation als auch die Versorgung bereits in der Akutphase in der Klinik deutlich beeinflussen. Ziel ist es, subjektive und objektive Parameter von Erkrankungen zu verbessern und darüber auch Kosten im Gesundheitssystem einzusparen.

Sicher hat dieser Ansatz darüber hinaus einen höchst motivierenden Aspekt für Patienten. Sie verspüren wieder Eigenverantwortlichkeit für ihre Genesung, in dem sie sich vom passiven zum aktiven Patienten entwickeln. Bewegung muss für sie genauso selbstverständlich zur Therapie gehören wie die Einnahme von Tabletten. Die unterstützende Sporttherapie sollte in der Medizin der Zukunft einen größeren Stellenwert einnehmen, als dies bisher erkannt oder gar umgesetzt wird.

Quelle: Halle M. UGBforum 5/15, S. 224-227

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