Proteinhaltige Aufbaupräparate sind unter Sportlern der Renner. Nicht nur Profis, sondern vor allem ambitionierte Freizeitsportler wie Bodybuilder oder Triathleten greifen häufig zu den Pulvern und Drinks. Dabei reicht das Protein aus unseren Lebensmitteln selbst bei vegetarischer Kost für Höchstleistungen aus.

Den Beweis hierfür lieferte bereits 1988 eine kanadische Gruppe von Wissenschaftlern um Prof. Mark Tarnopolsky. Sie untersuchten die Stickstoffbilanz bei sechs intensiv Bodybuilding treibenden Personen, die nachweislich frei von Anabolika waren. Die Stickstoffbilanz gibt darüber Aufschluss, wie viel Protein bzw. Aminosäuren der Körper aufnimmt und in Form von Stickstoff wieder ausscheidet. Dabei stellten die Forscher fest, dass sich das Bilanzminimum und damit der Proteinbedarf pro kg Körpergewicht nicht signifikant von Personen unterschied, die nicht sportlich aktiv waren.
Abb. 1: Durchschnittlich nehmen wir etwa 100 g Eiweiß am Tag auf. Unser Körper setzt jedoch 250 g Proteine um. Denn ein geringer Teil des Körperproteins wird täglich auf- und wieder abgebaut. 70 g werden in den Darm abgegeben und 160 g rückresorbiert. Über Stuhl und Urin scheiden wir die Abbauprodukte der Proteine in Form von Stickstoffverbindungen wieder aus.
In umfangreichen Studien zur Biokinetik der Aminosäuren untersuchte eine Gießener Arbeitsgruppe auch den Proteinumsatz von Leistungssport treibenden Bodybuildern. Sie stellten fest, dass der Aminosäurenumsatz vier und acht Stunden nach intensivem Training großer Muskelgruppen um maximal 30 Prozent erhöht ist. Spätestens 22 Stunden danach weist der Umsatz jedoch das gleiche Niveau auf wie bei Nichtsportlern. Das entspricht bei täglichem Training einer durchschnittlichen Umsatzsteigerung um maximal 17 Prozent. Sollte entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnisse dadurch auch der Bedarf steigen, würden sich die Empfehlung für intensiv Kraftsport treibende Personen nur geringfügig auf maximal 0,94 g Protein pro kg Körpergewicht erhöhen.
Verlust an Aminosäuren < 20 g
Energiekosten > 2000 kcal
Eiweißanteil 12 %
entspricht 240 kcal
entspricht 60 g Eiweiß
Wird die durch den Marathonlauf verlorene Energie (2000 kcal) mit einer Mischkost kompensiert, die mindestens 12 Energieprozent Eiweiß enthält (üblich sind eher 15 %), dann wird mehr als das Dreifache (60 g) der verlorenen Menge (20 g) wieder zugeführt. Das bestätigt die amerikanische Einschätzung der Dietary Reference Intakes, auch Ausdauersportlern keine zusätzlichen Nahrungsproteine zu empfehlen.
Theoretischer Proteinbedarf für Leistungssportler
Kraftsportler (Bodybuilder)
Körpergewicht: 100 kg
täglicher Energiebedarf: 4000 kcal
davon 15% Eiweiß: 600 kcal
entspricht: 150 g
tägliche Zufuhr: 1,5 g/kg
Ausdauersportler (Läufer)
Körpergewicht: 60 kg
täglicher Energiebedarf: 3500 kcal
davon 15% Eiweiß: 525 kcal
entspricht: 131 g
tägliche Zufuhr: 2,2 g/kg
Tatsächlich liegen die Werte aber noch höher. Die Auswertung der 7-Tage-Protokolle von 36 Leistungssportlern zeigte bei Ausdauerathleten einen durchschnittlichen Eiweißanteil von 16,5 Energieprozent. Die Bodybuilder kamen im Mittel sogar auf 22,8 Energieprozent. Je nach Körpergewicht nahmen sie bis zu 4 g Protein pro kg auf. Dass derart hohe Überschüsse nur energetisch verwendet werden, belegte die Überprüfung der Harnstoffausscheidung. Bodybuilder schieden in der Studie mehr als die doppelte Menge an Harnstoff aus als die Ausdauersportler. Ihr Harnvolumen war jedoch nur um 26 Prozent größer. Die dadurch höhere Harnstoffkonzentration bedeutet eine starke Belastung der Nieren.
Selbst unter der ungünstigsten Annahme, dass eine Umsatzsteigerung den Bedarf erhöht, lässt sich für Elite-Leistungssportler in keinem Fall eine Empfehlung für eine zusätzliche Proteinzufuhr ableiten. Daraus folgt auch für Breitensportler, dass sie keine Extraportion Eiweiß benötigen, selbst wenn ihr Trainingsumfang zuweilen dem von Leistungssportlern gleich kommt.
Die Flut proteinhaltiger Produkte, die in Fitness-Studios oder über das Internet angeboten werden, ist unüberschaubar. In einzelnen Studios tragen die Nahrungsergänzungs- und Aufbaupräparate mit bis zu 30 Prozent erheblich zum Umsatz bei. Zuweilen greift die Lebensmittelüberwachung ein, wenn Präparate durch unzulässige Werbung auffallen. Eine fachliche Beratung bringt die Konsumenten aber nur selten von den Mitteln ab. In den betreffenden Kreisen ist das Dogma "Muskeln sprießen nur mit sehr viel Protein" nicht auszurotten. Hier bestätigt sich der Spruch aus Sebastian Brandts Narrenschiff von 1494: "Mundus vult decipi - Die Welt will betrogen sein."
Quelle: Moch, K.-J.: UGB-Forum 3/2003, S. 145-147
Weitere Informationen finden Sie hier: Ernährung – individuell betrachtet
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