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Transition Town: Bürger gehen neue Wege

Es gibt sie in Bielefeld, Bonn und Berlin genauso wie in Sao Paolo, Hongkong oder New York. Die Rede ist von Transition Town Initiativen oder zu deutsch: Stadt im Wandel. Gut 80 davon gibt es in Deutschland, über 1000 weltweit. Was bewegt so viele Menschen, sich für eine nachhaltigere Gesellschaft zu engagieren?

Transition heißt nichts anderes als Übergang – Übergang in eine neue Art des Zusammenlebens. Menschen, die sich in den Transition Initiativen engagieren, denken darüber nach, wie unser Leben aussieht, wenn die große Rohstoffparty vorbei ist. Die neuen Bürgerbewegungen gründen Gemeinschaftsgärten, organisieren solidarische Landwirtschaft oder auch eine kostenfreie Buslinie. Sie experimentieren mit Regionalwährungen, eröffnen Nachbarschafts-Bäckereien oder Tauschläden, bilden Energiekooperativen, veranstalten Kleidertauschpartys und Repair-Cafes.

Zwischen Katastrophe und Konsumrausch

Die Beschäftigung mit den dunklen Seiten unserer Konsumgesellschaft ist unangenehm. Wir brauchen ein Vielfaches der Ressourcen, die uns zustehen und belasten die Atmosphäre in einem noch nie da gewesenen Ausmaß. Am 10. Mai 2013 hat der CO2-Gehalt der Atmosphäre zum ersten Mal seit Jahrtausenden die magische Zahl von 400 ppm überschritten. Wenn die Menschheit den Planeten einigermaßen in dem Zustand erhalten will, den unsere Zivilisation und Leben auf der Erde benötigt, dann müssen wir auf mindestens 350 ppm herunter. Diesen Wert berechneten 2008 der Klimawissenschaftler James Hansen und seine Kollegen vom NASA/Goddard Institute für Space Studies. James Hansen hat mittlerweile seinen Job gekündigt und ist Klimaaktivist geworden.

Trotz der dringenden Appelle der Klimawissenschaftler steigt unser Ressourcenverbrauch und der CO2-Output immer weiter. Die Internationale Energieagentur IEA warnte dieses Jahr davor, dass die Regierungen es nicht mehr schaffen, den Klimawandel zu verhindern. „Die Welt ist auf dem besten Weg zum Ende des Jahrhunderts auf sechs Grad Erwärmung zuzusteuern. Ein katastrophale Entwicklung, die nach Aussagen von Wissenschaftlern die Landwirtschaft in vielen Gebieten ausradiert, breite Landstriche der Welt unbewohnbar macht, die Meeresspiegel steigen lässt und Massenmigrationen auslöst“, stellte im April diesen Jahres Maria van der Hoeven, die Direktorin der IEA fest.

Wir wissen viel und tun zu wenig. Wir leben und arbeiten in Parallelwelten, die scheinbar nichts mit dem Krisenszenarien der Wissenschaft zu tun haben. Die Konsummaschinerie läuft wie geschmiert: Staus auf den Straßen, gefüllte Geschäfte, Werbung für Banalitäten, Flugzeugreisen bis ans Ende der Welt. Alles suggeriert „weiter so“. Nur keine Kaufkraft verlieren! Die entscheidende Frage ist daher: Wie können wir in unserer Gesellschaft den Transformations-Prozess in Gang bringen, welche Ressourcen und Fähigkeiten brauchen wir dafür? Uwe Schneidewind, der Direktor des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie spricht in diesem Zusammenhang von „Transformative Literacy“ – also transformativen Fähigkeiten. Bürger-Bewegungen wie Ökodörfer oder Transition Initiativen haben hier in den vergangen Jahren einen reichen Erfahrungsschatz aufgebaut.

Handlungsblockaden vorhanden

„Klimawandel und Erdölverknappung führen uns vor Augen, dass alles, was wir bisher für real hielten, in Wahrheit eine Seifenblase ist, abhängig von einem nie endenden Strom preiswerten Erdöls“, schrieb Rob Hopkins – Mitgründer der Transition Town Bewegung – 2008 in seinem ersten Handbuch zur Energiewende. Diese Erkenntnis kann Bestürzung, Frustration oder sogar einen Schock auslösen. Ein Grund dafür, dass Menschen entweder nicht hinhören oder sich zurückziehen. Wer sich betäubt, spürt die Angst nicht. Die Liste der Handlungsblockaden ist lang und mitt­lerweile recht gut erforscht. Dazu gehört unter anderem das fehlende Vertrauen, selbst etwas bewirken zu können. Kontraproduktiv ist auch ein überzogener Optimismus, in der Sozialpsychologie auch bekannt als Optimistischer Fehlschluss, getreu dem Motto: „Uns wird es schon nicht treffen“.

transition-town

Die Auseinandersetzung mit den Ursachen des Klimawandels und mit den psychologischen Blockaden der Verhaltensänderung hat in der Transition Bewegung zu einem ganzheitlichen Handlungskonzept geführt. Äußerer Wandel geht nicht ohne inneren Wandel, so die Erkenntnis. Das, was viele Menschen an der Transition Bewegung begeistert, ist der pragmatische, positive Ansatz. Die Akteure setzen auf die Entwicklung von positiven Zukunftsvisionen für die eigene Stadt oder Region und auf gemeinschaftliche, kreative Aktionen und Projekte.

Positive Visionen von der Zukunft

„Sich gegen den Klimawandel einzusetzen, ist eine Sache; etwas anderes ist es, die Vision einer postfossilen Gesellschaft zu entwerfen, die Menschen begeistert“, schreibt Rob Hobkins. Die Transition Town Bewegung ist eine Einladung an die Gemeinden, Kreativität und Vertrauen zu entwickeln, um überlebenswichtige Fragen anzugehen. Die Arbeit an positiven Zukunftsszenarien, das sogenannte Backcasting, gehört daher zu den zentralen Methoden: Wie sieht unsere Stadt in Zukunft aus, wenn sie menschen- und umweltfreundlich ist, wenn sie unabhängig von fossilen Rohstoffen ist und die Natur nicht mehr belastet als nötig? Wie leben wir, was arbeiten wir, woher kommen unsere Lebensmittel und unsere Energie? Wie sieht das Gesundheits- und Bildungssystem aus? Und: Wie kommen wir dahin?

Diese Fragestellungen hat Rob Hopkins im Jahr 2005 erstmals mit seinen Studenten im kleinen irischen Städtchen Kinsale bearbeitet. Er beschränkte sich allerdings nicht darauf, ein Seminar durchzuführen, sondern nahm Bürger, Behörden und Unternehmen mit ins Boot. So entstand unter Beteiligung vieler gesellschaftlicher Gruppen der Energiewendeplan der Stadt Kinsale. Ausgehend von einer Reduktion des Ölverbrauches um 50 Prozent im Jahr 2021 wurden hier Alternativszenarien für elf verschiedene Sektoren entwickelt, von der Lebensmittelproduktion bis zum Transport. Die Stadt nutzt den Plan heute noch, das Projekt hat weltweit für Aufsehen gesorgt und war Auftakt für die Weiterentwicklung der Transition Idee.

Do-ocracy – Befähigung zum Handeln

Handle, gestalte, bewege, tu was – lautet das Credo der Bewegung. Wer global etwas ändern will, muss vor der eigenen Haustür anfangen, so die Überzeugung der Protagonisten. Von Do-ocracy ist die Rede, einer Wortschöpfung aus dem englischen do (tun) und Democracy (Demokratie). „Handeln ist Transformation an sich“, meint Sophie Banks, Mitbegründerin des Transition Netzwerks. Sie beschäftigt sich mit den psychologischen Dimensionen des Wandels. Wer gemeinsam mit anderen Menschen beginnt, sein Lebensumfeld zu gestalten, gewinnt wieder Mut und Selbstvertrauen. Auch das ist nichts Neues. Innovativ ist daran, dass dieses Wissen und die Methoden interessierten Menschen verfügbar gemacht werden. Das Netzwerk gibt Hilfestellung für wirksame Öffentlichkeitsarbeit, professionelle Gruppenarbeit und Partizipation, aber auch gewaltfreie Kommunikation. Sie nutzen Prinzipien der Permakultur, ein Konzept, das auf nachhaltige und naturnahe Kreisläufe zielt, experimentieren mit Methoden aus der Tiefenökologie, die mit Elementen aus Psychologie und Buddhismus arbeitet, oder dem Projektmanagementtool Dragon Dreaming, eine ganzheitliche Methode für die Verwirklichung von kreativen, gemeinschaftlichen und nachhaltigen Projekten.

Diese Ansätze berücksichtigen nicht nur den Prozess, sondern auch die Veränderung der Akteure. Auf der Suche nach wirkungsvollen Strategien und Methoden sind – neben zahlreichen Websites, Blogs und Handbüchern – mittlerweile auch verschiedene Trainingsformate entstanden, unter anderem in Zusammenarbeit mit anderen international tätigen Basisbewegungen, wie dem Global Ecovillage Network der Permaculture Assoziation. Ziel ist, das Transformations-Wissen zusammenzuführen.

12 Schritte auf dem Weg zur Transition Town

Nach den ersten Erfahrungen haben die Initiatoren der Bewegung Empfehlungen entwickelt, die beim Aufbau einer Initiative helfen können:

  1. Bildung einer Initiativ-Gruppe mit (fast)automatischer Wiederauflösungsregelung
  2. Bewusstseinsbildung und Vernetzung
  3. Beziehungen zu Organisationen und Akteuren aufbauen
  4. Den offiziellen Startschuss planen
  5. Bildung von Themengruppen
  6. Einsatz der Open-Space-Technik und/oder des „World Cafe“ zur gemeinschaftlichen Entwicklung der Zukunftsvorstellungen
  7. Zweckmäßige und öffentlichkeitswirksame Manifestierungen des Projekts
  8. Wiedererlernen oft vergessener (Kultur)-Techniken (Re-Skilling)
  9. Aufbau eines guten Drahtes zur örtlichen Verwaltung
  10. Das Wissen der Älteren wertschätzen
  11. Lasst den Dingen ihren Lauf … gemeinsam Lösungen suchen, statt Antworten geben
  12. Erarbeitung eines umfassenden Energie- und Kulturwende-Aktionsplans
nach: Ben Brangwyn und Rob Hopkins; 2008: Transition Initiativen – Ein Leitfaden. Deutsche Übersetzung unter www.transition-initiativen.de

Stärke der Gemeinschaft

Schon der erste Transition Versuch in Kinsale zeigt die hohe Bedeutung des gemeinschaftlichen, partizipativen Ansatzes. So heißt es im zweiten Handbuch „The Transition Companion“: Wenn wir auf die Regierungen warten, wird es zu spät und zu wenig sein, wenn wir alleine handeln, wird es zu wenig sein, aber wenn wir in Gemeinschaft handeln, dann könnte es gerade noch ausreichend und gerade noch rechtzeitig sein“. Neben den Aktionen ist auch das Wohlergehen der Gruppe und der Gruppenmitgliedern ein eigenes gleichwertiges Ziel. Das Feiern sollte – so die Empfehlung – mindestens so lange dauern wie das gemeinsame Planen.

Veränderungen fallen in der Gruppe leichter

So ganz überraschend ist es nicht, dass Menschen in Gruppen mehr erreichen können als Einzelpersonen: Der Psychologe Kurt Levin hat schon 1948 festgestellt, dass es Menschen leichter fällt, ihr Essverhalten zu ändern, wenn sie die Themen in einer Gruppe diskutieren können und eigene Entscheidungen treffen, als wenn man ihnen Informationen, Ratschläge und Rezepte verabreicht. Wenig findet sich von diesen Erkenntnissen in der staatlichen Energiewendepolitik wieder. Sicher ist zumindest, dass ein so grundlegender Wandel der Gesellschaft, wie er notwendig und auch gefordert ist, nicht allein von ehrenamtlichen Initiativen in ihrer Freizeit gestemmt werden kann. Transformation und soziale Innovation brauchen Freiräume und Ressourcen und nicht zuletzt Zeit und Geld, um sich entwickeln zu können.

Durch den Bezug auf den lokalen Kontext und die Akteure vor Ort entstehen ganz unterschiedliche Projekte. Das umfassendste Projekt ist sicherlich das britische Reconomyprojekt, das die Umgestaltung der gesamten Wirtschaft in der Region rund um das Städtchen Totnes plant und zwar in den Sektoren Energie-, Nahrungsversorgung und Wohnen. Beteiligt sind Universitäten, Schulen, Handwerk, Industrie- und Handelskammer, die Behörden und die Wirtschaft selbst. Erfolgreich war auch das Nachbarschaftsprojekt „Transition Streets“. In diesem Projekt tut sich eine Gruppe von fünf bis sieben Nachbarn zusammen, um gemeinsam ihre private Energiewende zu Hause zu starten. Dabei werden sie von einem Handbuch und der örtlichen Transition-Initiative unterstützt. Mit diesem Projekt konnten auch Menschen aus sozial benachteiligten Schichten erreicht werden. Die deutsche Transition Szene ist noch relativ jung, gut ein Drittel der Initiativen sind im vergangenen Jahr erst entstanden. Gemeinschafts-Gartenprojekte und das Wiedererlernen von vergessenen Fähigkeiten sind häufig der Auftakt. „Essen und umgraben verbindet die Menschen“, meint Gerd Wessling, Transition Trainer aus Bielefeld. Er ist Mitgründer einer der ersten deutschen Transition Town Initiativen und Initiator des deutschen Netzwerkes.

Einfach besser leben

Der Bezug auf die Ursprungsbewegung als solches ist unverkrampft. Die Initiativen führen oft nicht einmal das Wort „Transition Town“ im Namen. Manche heißen WandelBarnim, Westerwald im Wandel, TT Münster oder „41325-Einfach besser leben“. Ob Pressearbeit, Visionsarbeit oder Bürgerpartizipation, letztendlich dreht sich immer alles um die eine Frage: Wie kann unsere Zukunft aussehen und wie kommen wir dahin? Eine Frage, die viele Initiativen auch schon mit Spaß und Humor beantwortet haben: In einem Videoprojekt haben Schüler in der britischen Transition Town Totnes eine Wettervorhersage für das Jahr 2030 entwickelt: „Es wird bewölkt und windig. Wenn Sie Sonnenkollektoren haben, Pech gehabt, dann müssen Sie mit Ihrer Wäsche bis morgen warten. Mit einem Windrad wird es für Sie dagegen ein wunderbarer Tag!“

Selbst aktiv werden

Wer sich selbst in Projekten der Transition Town Bewegung engagieren möchte, findet unter dem Stichwort Transition Town im Internet viele Informationen der beteiligten Städte, zum Beispiel www.bonn-im-wandel.de. Die Website des deutschen Netzwerks: www.transition-initiativen.de liefert Informationen und Hintergründe, ist aber recht unübersichtlich gestaltet. Die Autorin unterhält einen Blog rund um das Thema Transition Forschung: www.transition-initiativen.de/group/transition-forschung. Sehenswert ist für Interessierte zudem die Website des britischen Transition Netzwerks: www.transitionnetwork.org

Quelle: Maschkowski, G. UGB-Forum 4/13, S.193-196

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