Ist Milch noch empfehlenswert?

Milch genießt das Image eines hochwertigen und gesunden Lebensmittels. Einige Wissenschaftler machen den Konsum von Kuhmilch jedoch für die Entstehung von Adipositas, Diabetes und weiteren Erkrankungen verantwortlich. Sollten wir Milch künftig vom Speiseplan streichen?

Milch © Richard Semik/123RF.com

Experten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfehlen, täglich 200-250 Gramm Milch und Milchprodukte sowie 50-60 Gramm Käse zu verzehren. Auch wenn Erwachsene in Deutschland durchschnittlich etwas weniger konsumieren, tragen die verzehrten Mengen hierzulande wesentlich zur Aufnahme der Mineralstoffe Calcium, Zink und Jod sowie den Vitaminen B2 und B12 bei. Milchkritische Stimmen gab und gibt es immer wieder. Sie machen den heutigen Milchkonsum für die weite Verbreitung von Adipositas, Diabetes und Krebs in der westlichen Welt verantwortlich. Dazu zählt auch Bodo Melnik, Arzt und Professor an der Universität Osnabrück. Er geht davon aus, dass der Konsum von Kuhmilch beim Menschen langfristig die Entstehung vieler Zivilisationskrankheiten fördert. Melnik hat in den letzten Jahren – teilweise zusammen mit Kollegen – viele Fachartikel veröffentlicht, in denen er seine These erläutert und durch wissenschaftliche Studien zu untermauern versucht. Wie Puzzleteilchen fügt er Ergebnisse aus Zell-, Tier- und Humanstudien sowie epidemiologischen Studien zu einem auf den ersten Blick schlüssigen Bild zusammen. Doch wie haltbar ist die Kritik?

Milch: ein hormonelles Signalsystem

Milchskeptiker wie Melnik betonen, dass die wesentliche Funktion der Milch aller Säugetiere darin bestehe, nach der Geburt das Wachstum des Neugeborenen optimal zu fördern. Daher sei Milch nicht nur als ein Nahrungsmittel zu betrachten, sondern darüber hinaus als ein ausgeklügeltes hormonelles Signalsystem. Er geht davon aus, dass verschiedene Inhaltsstoffe der Milch zu diesem Zweck in den Körperzellen einen Signalweg aktivieren, der diese zu Wachstum und Vermehrung anregt. Während das in der zeitlich begrenzten Stillzeit noch sinnvoll sei, führe der gewohnheitsmäßige Konsum von Kuhmilch zur dauerhaften Überstimulierung von Wachstumsprozessen mit ungünstigen Effekten auf den Stoffwechsel.

Inhaltsstoffe beeinflussen Stoffwechsel

Zugrunde liegen dieser Annahme neuere Erkenntnisse über die Funktion eines Protein-Enzym- Komplexes namens mTORC1. In Abhängigkeit von Nährstoffangebot, Energiestatus der Zelle und hormonellen Signalen reguliert der Komplex den Auf- und Abbau von Körperzellen. Dadurch kann der Organismus verfügbare Nährstoffe und Energie optimal nutzen. Eine gesteigerte Aktivität von mTORC1 regt Zellwachstum und Zellteilung an. Noch sind viele Fragen zur Regulation des Proteinkomplexes offen. Wahrscheinlich spielt er auch eine Rolle beim Entstehen und Fortschreiten von Krankheiten, die durch unkontrolliertes Wachstum oder eine beeinträchtigte Stoffwechselregulation gekennzeichnet sind, wie bei Tumoren oder Typ-2-Diabetes.

Melnik sieht viele Hinweise darauf, dass Milch mehr als jedes andere Nahrungsmittel die Aktivität von mTORC1 zu steigern vermag. Mindestens zwei Substanzgruppen sollen dafür verantwortlich sein: einerseits bestimmte Aminosäuren, andererseits sogenannte MicroRNA. Generell bewirkt eine hohe Verfügbarkeit von Aminosäuren, den Bausteinen der Körperproteine, eine Aktivierung von mTORC1. Das gilt insbesondere für Leucin. Die Aminosäure kommt in tierischen Proteinen in hoher Konzentration vor, auch in Milch. Neben großen Leucinmengen enthält Milch auch nennenswerte Anteile an Tryptophan. Beide, Leucin und Tryptophan, erhöhen in sich gegenseitig ergänzender Wirkung sowohl den Insulinspiegel als auch den Spiegel des Insulin-ähnlichen Wachstumsfaktors-1 (insulin-like growth factor-1, kurz: IGF-1). Insulin und IGF-1 wiederum steigern die Aktivität von mTORC1.

Melnik bewertet den hohen Leucingehalt der Milch im Hinblick auf eine überhöhte Insulinausschüttung und eine mögliche Überaktivierung von mTORC1 negativ. Dagegen zeigen Labor- und Tierstudien, dass Leucin aus der Nahrung das Sättigungsgefühl verstärkt, Übergewicht reduziert sowie den Zucker- und Cholesterin-Stoffwechsel verbessert.

Zu viel Wachstumsfaktor durch Milch?

Der Wachstumsfaktor IGF-1 ist ein Peptidhormon, das beim Menschen überwiegend in der Leber gebildet wird. Indem IGF-1 in nahezu allen Geweben die Zellteilung stimuliert und den programmierten Zelltod (Apoptose) hemmt, ist er wichtig für Wachstum und Entwicklung. Der Faktor kann aber potenziell auch Krebs fördernd wirken. Aus den vorliegenden Erkenntnissen unterschiedlicher Studien lässt sich schlussfolgern, dass Milchkonsum den IGF-1 Spiegel erhöht. In welchem Maße das geschieht – auch im Vergleich zu anderen tierischen Proteinen – und welche gesundheitlichen Konsequenzen das hat, bleibt genauer zu untersuchen. Bei Milchprodukten wie Joghurt oder Käse ist dieser Zusammenhang weniger ausgeprägt. Welcher Inhaltsstoff der Milch den Spiegel an IGF-1 erhöht, ist noch unklar. Kuhmilch selbst enthält IGF-1, der für den Menschen wahrscheinlich bioverfügbar ist. Dabei dürfte jedoch der Anteil von aufgenommenen IGF-1 an der im Körper zirkulierenden Menge gering sein. Eher ist davon auszugehen, dass bestimmte Inhaltsstoffe der Milch die körpereigene Synthese stimulieren.

Aus epidemiologischen Studien ist bekannt, dass sowohl der Calcium- als auch der Proteingehalt der Nahrung – vor allem tierisches Protein – mit der IGF-1-Konzentration im Blut korrelieren. Ob Milchprotein die IGF-1 Konzentration stärker erhöht als Protein aus Fleisch, Fisch oder Ei, dazu sind die Ergebnisse widersprüchlich. Erwähnenswert ist allerdings, dass Veganer eine signifikant niedrigere Konzentration von IGF-1 im Blut aufweisen als Vegetarier und Mischköstler. Neben der Ernährung wird der IGF-1-Spiegel auch von Faktoren wie Alter, Geschlecht, Genen und Körpergröße beeinflusst. Ein erhöhter IGF-1-Spiegel steht dagegen – unabhängig vom Milchkonsum – im Zusammenhang mit einem gesteigerten Risiko für manche Krebserkrankungen, insbesondere Prostata- und Brustkrebs.

Einfluss auf menschliche Gene

Milch enthält relevante Mengen sogenannter MikroRNAs. Das sind kurze Ribonucleinsäuren (RNAs), die bei Pflanzen, Tieren und dem Menschen die Aktivität von Genen regulieren. Bisher gingen Wissenschaftler davon aus, dass die in einem Organismus gebildeten MikroRNAs nur die Gene der jeweils eigenen Spezies beeinflussen. Neueren Erkenntnissen zufolge könnten allerdings auch artfremde MikroRNAs, die über tierische wie auch pflanzliche Lebensmittel aufgenommen werden, in die Regulation menschlicher Gene eingreifen. So zeigte eine 2014 veröffentlichte Studie, dass Mikro­RNAs aus Kuhmilch vom Menschen in bedeutsamer Menge aufgenommen werden und die Aktivität menschlicher Gene beeinflussen.

Welche Bedeutung MikroRNAs aus der Nahrung für die Gesundheit des Menschen haben, ist ein hochaktuelles Forschungsfeld. Aus Melniks Sicht weisen die Ergebnisse bisheriger Studien darauf hin, dass in der Kuhmilch vorhandene MikroRNAs über den mTORC1-Signalweg die Entstehung von Zivilisationskrankheiten fördern. Dies ist allerdings nicht gesichert. Außerdem gibt es ebenso Anhaltspunkte für positive Wirkungen: In Milch vorhandene MikroRNA-29b stimulierte zum Beispiel im Laborversuch an menschlichen Zellen Prozesse, die zu einer besseren Knochenmineralisierung führen.

Milchtrinker sind nicht öfter dick und krank

Ob der Verzehr von Kuhmilch auf Zellebene die Aktivität von mTORC1 in besonderem Maße steigert, ist bisher nicht bekannt. Und auch die von Milchkritikern erwarteten negativen Effekte lassen sich nicht bestätigen. Vielmehr geben große epidemiologische Studien, die den Zusammenhang zwischen Milchkonsum und dem Risiko für Adipositas, Diabetes und Krebs an großen Bevölkerungsgruppen untersuchen, überwiegend Entwarnung: Der Konsum von Milch und Milchprodukten in den empfohlenen Mengen schadet der Gesundheit nicht. Im Gegenteil: Eine systematische Auswertung von 19 prospektiven Kohortenstudien gibt Hinweise darauf, dass der Verzehr von Milch und Milchprodukten langfristig vor Übergewicht und Adipositas schützen könnte. Zwei Meta-Analysen von kontrollierten Interventionsstudien fanden zwar langfristig keinen Einfluss auf das Körpergewicht, kurzfristig können Milch und Milchprodukte aber vermutlich das Abnehmen erleichtern.

Geringeres Risiko für Diabetes

Mit zunehmendem Milchkonsum, insbesondere von fettarmer Milch und fermentierten Milchprodukten, sinkt außerdem das Risiko für Typ-2-Diabetes. Das ist das übereinstimmende Ergebnis von vier Meta-Analysen, die insgesamt 17 prospektive Kohortenstudien berücksichtigten. So zeigte sich bei einem Konsum von 200-300 Gramm pro Tag eine Risikosenkung um 10-15 Prozent. Diese Ergebnisse werden von Interventionsstudien, die die Wirkung von Milch und Milchprodukten auf die Insulinsensitivität untersuchten, überwiegend gestützt. Die vor Diabetes schützende Wirkung beruht wohl darauf, dass durch den hohen Leucingehalt bei gleichzeitig niedrigem Kohlenhydratgehalt die Insulinsekretion gesteigert wird. Dadurch sinken die Blutzuckerwerte. Ein verringerter Blutzuckerspiegel durch Molkenprotein wurde sowohl bei gesunden Probanden als auch bei Typ-2-Diabetikern beschrieben – Ergebnisse, die der Hypothese, dass Milch Diabetes fördert, deutlich widersprechen.

Der World Cancer Research Fund (WCRF) wertet kontinuierlich die wissenschaftliche Literatur zu verschiedenen Krebsarten aus. Nach dem zuletzt 2011 erschienenen Bericht zu Darmkrebs verringert Milch mit wahrscheinlicher Evidenz das Risiko für Darmkrebs. Seitdem veröffentlichte Meta-Analysen von prospektiven Studien sowie Daten der EPIC-Studie untermauern den Schutzeffekt. Dabei zeigte sich die schützende Wirkung von Milch ab einem Verzehr von 200 Milliliter am Tag, ein täglicher Milchverzehr von 500-800 Milliliter bewirkte die stärkste Risikosenkung.

Möglicherweise weniger Brustkrebs

Ob der Konsum von Milch und Milchprodukten mit einem erhöhten Brustkrebsrisko korreliert, ist laut dem zuletzt 2010 aktualisierten Brustkrebsbericht der Krebsexperten nicht eindeutig. Eine 2011 veröffentlichte Meta-Analyse von 18 prospektiven Kohortenstudien kommt zu dem Schluss, dass sich mit steigendem Konsum von Milchprodukten – nicht aber von Trinkmilch – das Brustkrebsrisiko möglicherweise leicht reduziert.

Anders ist die Datenlage bezüglich Prostatakrebs: Sowohl ein hoher Verzehr von Milch und Milchprodukten als auch eine hohe Calciumaufnahme erhöhen möglicherweise das Risiko, schlussfolgert der WCRF in seinem 2014 aktualisierten Prostatakrebs-Bericht. Anhand von Daten aus der EPIC-Studie berechneten Wissenschaftler, dass pro 35 Gramm Milchprotein pro Tag das Prostatakrebsrisiko um 32 Prozent steigt. Die von der DGE empfohlene Menge an Milchprodukten enthält rund 20 Gramm Protein. Für alle anderen Krebsarten können die Experten keine verlässlichen Aussagen über den Zusammenhang von Milchverzehr und Erkrankungsrisiko treffen.

Vollmilch weist einen recht hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren auf. Ein hoher Anteil gesättigter Fette in der Nahrung gilt als Risikofaktor für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Milchfett verfügt jedoch mit konjugierter Linolsäure und der trans-Vaccensäure über ein besonderes Fettsäuremuster, welches das kardiovaskuläre Risiko nicht steigert. Das schlussfolgern Wissenschaftler des Max-Rubner-Ins­tituts in Karlsruhe aus der aktuellen Datenlage. Ihrer Ansicht nach reduziert ein höherer Milchkonsum das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Laut einer großen Meta-Analyse verringert der Verzehr von Milchprodukten – einschließlich fermentierten Milchprodukten, fett­armen Milchprodukten und Käse – beispielsweise eindeutig das Risiko für Schlaganfall. Das geringste Schlaganfallrisiko zeigte sich bei einem Milchkonsum von 200 Milliliter täglich.

Auf die Menge kommt es an

Abschließend lässt sich sagen, dass der Konsum von Milch und Milchprodukten (einschließlich Käse) in Höhe der empfohlenen Mengen keine ungünstigen Folgen für die Gesundheit hat. Denn trotz teilweise widersprüchlicher Ergebnisse einzelner Untersuchungen weisen große Bevölkerungsstudien eher auf positive Effekte des Milchkonsums hin. Männer sollten allerdings wegen des möglicherweise erhöhten Prostatakrebsrisikos die von der DGE vorgeschlagenen Mengen nicht dauerhaft überschreiten. Ob Vollmilch oder fettreduzierte Milch(produkte) sich in ihrer gesundheitlichen Wirkung generell unterscheiden, lässt sich nicht beantworten. Denn nur einzelne Studien differenzieren hinsichtlich des Fettgehalts. Eine betont pflanzenbasierte Kost wie die Vollwert-Ernährung mit einem geringen Anteil an Vollmilch und anderen Milchprodukten ist und bleibt empfehlenswert.

Quelle: Nestle M. UGBforum 4/16, S. 193-196

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