Kein Verlass auf Fleischsiegel

Schlagzeilen über Antibiotika, BSE, Hormone und Salmonellen haben dem Image von Fleisch erheblich geschadet. Marken-Fleisch-Programme sollen das Ansehen wieder aufpolieren und versprechen kontrollierte Qualität. Was steckt wirklich hinter den zahlreichen Fleischsiegeln?

Mehr als 60 Prozent des in Deutschland verkauften Fleisches wird von nur sechs Schlachthöfen geliefert. Für mehr Transparenz zumindest bei Rindfleisch sollte die zum Jahresanfang geplante Verordnung zur Rindfleisch-Etikettierung sorgen. Doch sie wurde von der EU-Kommission auf das Jahr 2003 verschoben. Kein Wunder also, dass der Metzger um die Ecke keine Ahnung hat, woher das Schnitzel in seiner Ladentheke stammt. Doch immer mehr Verbraucher möchten wissen, woher das Fleisch auf ihrem Teller kommt. Sie wollen Informationen darüber, wie die Tiere gehalten, transportiert und geschlachtet werden oder ob Medikamente erlaubt sind. Um das Vertrauen der Verbraucher in Fleisch und Wurst zurückzugewinnen, haben sich in vielen Regionen Erzeuger zusammengeschlossen und so genannte Markenfleisch-Programme entwickelt. Ziel ist es, die Herkunft der Tiere transparent zu machen. Für Verbraucher ist eine Bewertung allerdings schwierig. Zu unübersichtlich ist die Palette an Gütesiegeln.

Augenwischerei bei den Gütesiegeln

Derzeit stammen in Deutschland etwa 12 Prozent des Schweinefleisches und maximal sieben Prozent des Rindfleisches aus Markenfleisch-Programmen. Einig sind sich die Initiatoren, dass das gekennzeichnete Fleisch sich von der billigen Massenware abheben soll. Die Kriterien und damit die Qualität der einzelnen Programme unterscheiden sich allerdings erheblich. Bilder von glücklichen Schweinen und Rindern auf den Gütesiegeln wollen glauben machen, dass Markenfleisch stets aus artgerechter Haltung stammt. Sie täuschen aber lediglich darüber hinweg, dass die Richtlinien für Haltung, Fütterung und Behandlung der Nutztiere meist nicht - mit Ausnahme der Öko-Siegel und Neuland - über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen. Bekanntes Beispiel ist das CMA-Prüfsiegel "Deutsches Qualitätsfleisch aus kontrollierter Aufzucht". Eine Untersuchung der Verbraucher-Zentralen 1998 hat gezeigt, dass CMA-Fleisch mit artgerechter Tierhaltung wenig zu tun hat. Erlaubt sind z. B. für Rinder und Schweine Böden, die vollständig mit Spalten durchzogen sind. Sie machen das Einstreuen von Liegeflächen mit Stroh unmöglich.

Die meisten konventionellen Programme beschränken auch die Anzahl der Tiere pro Fläche nicht. Massentierhaltung und strohlose Intensivhaltung sind daher trotz Gütesiegel möglich. Dennoch werben viele mit Begriffen wie art- oder tiergerechte Haltung, die bisher gesetzlich nicht geschützt sind. Gerade Handelsketten wittern hier einen Mehrverdienst. Mit überzogenen Qualitätsversprechungen werden den Verbrauchern ein paar Mark mehr aus der Tasche gelockt, ohne dass besondere Auflagen bei der Tierhaltung vorgesehen sind.

Antibiotika auch im Markenfleisch

Verbraucher, die Markenfleisch kaufen, gehen davon aus, dass auf vorbeugende Arzneimittel und wachstumsfördernde Substanzen verzichtet wird. Bei dem Test der Verbraucher-Zentralen kam jedoch heraus, dass in 27 von 44 untersuchten Markenfleischprogrammen antibiotische Leistungsförderer eingesetzt werden dürfen. Zwar lassen die Betriebe regelmäßige Untersuchungen auf Rückstände von Hormonen und Antibiotika durchführen. Aber sowohl bei Schweine- als auch bei Rindfleisch z. B. mit dem CMA-Prüfsiegel ist der Einsatz von Leis-tungsförderern erst ab Mastbeginn verboten. Von den untersuchten Programmen verzichten neben den Öko-Verbänden nur Neuland und Thönes Natur auf Antibiotikagaben in der Aufzucht. Viele Ladenketten täuschen die Kunden auch durch zweifelhafte Werbung: Während lediglich ein kleiner Teil des Fleischsortiments von ökologischen Betrieben oder aus Markenfleischprogrammen stammt, wird dreist das ganze Angebot mit dem Begriff beworben. Bei Wurstwaren ist bezüglich Qualität und Herkunft erst recht Zweifel angebracht. Denn Leberwurst & Co. werden noch viel seltener gekennzeichnet. Das liegt unter anderem an der Herstellung, da bei Wurstprodukten die einzelnen Zutaten aus unterschiedlichen Quellen stammen.

Bio hat klar die Nase vorn

Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich viele Fleischsiegel als pure Verbrauchertäuschung. Lediglich die nach ökologischen Kriterien arbeitenden Betriebe der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (AGÖL) sowie die Neuland-Betriebe können tatsächlich die Herkunft und eine artgerechte Tierhaltung garantieren. Auf Öko-Höfen sind z. B. nur maximal zwei Großvieheinheiten pro Hektar Weideland erlaubt. Das heißt, ein Hof mit zehn Hektar darf maximal 20 ausgewachsene Rinder halten. So wird gewährleistet, dass die anfallende Gülle auch auf den eigenen Ackerflächen entsorgt werden kann. Zudem muss für Rinder mehr Platz im Stall sein, als die gesetzlichen Mindestanforderungen vorschreiben. Alle Arten von Vollspaltenböden sind tabu. Auch Wachs-tumsförderer sind bei den Bio-Landwirten grundsätzlich verboten. Das Gleiche gilt für den präventiven Einsatz von Medikamenten.

Eine der umfassendsten Vorgaben macht der Neuland-Verband, die zum Teil noch über die der Öko-Verbände wie Demeter, Bioland, ANOG etc. hinausgehen. So schreibt z. B. nur Neuland bei Schweinen den täglichen Auslauf im Freien vor. Doch auch bei den AGÖL- und Neuland-Betrieben sind einige Punkte zur artgerechten Tierhaltung nicht in den Richtlinien enthalten. Beispielsweise sehen Biopark und Demeter keine konkrete Transportzeit zum Schlachthof vor, sondern verlangen lediglich den kürzesten Weg. Hier haben die Verbände noch Nachholbedarf.

Qualität hat seinen Preis

Kontrollierte Qualität ist nicht umsonst zu haben. Artgerechte Haltung, sorgfältige Aufzucht und nicht zuletzt die Kontrolle kosten Geld. Daher sind auch die Verbraucher gefragt. Lassen sie billiges Fleisch in der Kühltheke liegen und kommt Fleisch seltener, aber dafür in hochwertiger Qualität auf den Tisch, sind die Mehrkosten leicht zu verschmerzen. Ehe mit Gütesiegeln gekennzeichnetes Fleisch in den Einkaufskorb wandert, ist es ratsam, sich im Einzelfall genau über das Markenprogramm zu erkundigen. Wer sicher gehen will, sollte Produkte aus ökologischer Landwirtschaft oder von Neuland bevorzugen.

Quelle: Dorl, A.: UGB-Forum 1/00, S. 52-53

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