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Fluoride für Kinder - Bedenkliche Überdosis?

In Deutschland bekommen Säuglinge routinemäßig mit der Vitamin-D-Prophylaxe Fluoride verabreicht. Auch viele Klein- und Schulkinder schlucken Fluoridtabletten. Doch die Schwelle zur Überversorgung ist schnell erreicht.

Fluoride

Das reaktionsfreudige Spurenelement Fluor kommt natürlicherweise nur gebunden als Fluorid vor. Es ist überall in unserer Umwelt vorhanden, findet sich in geringen Mengen in allen Lebensmitteln sowie im Trinkwasser und ist normaler Bestandteil unserer Knochen und Zähne. Unbestritten ist, dass Fluoride sich positiv auf die Zahngesundheit auswirken: Sie erhöhen die Stabilität des Zahnschmelzes, indem sie in die kristalline Struktur eingelagert werden. Außerdem fördern Fluoride die Remineralisation der Zähne und hemmen das Wachstum verschiedener Plaquebakterien. Insgesamt beugen sie damit der Entstehung von Karies vor. Experten vermuten zudem, dass Fluoride die Stabilität der Knochen erhöhen, indem sie die Einlagerung von Calciumsalzen in die Knochen verstärken. Aufgrund der positiven Effekte auf Knochen und Zähne stufen einige Wissenschaftler Fluoride heute als essenziell ein. Allerdings sind keine Symptome für einen Fluormangel bekannt. Außerdem ist die Spanne, in der Fluorid positiv wirkt, relativ gering. Eine Überdosierung kann sich negativ auf die Gesundheit auswirken.

Immer mehr Speisesalz mit Fluorid

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt – insbesondere zur Vorbeugung von Karies – Erwachsenen eine Zufuhr von 0,05 mg Fluorid pro Kilogramm Körpergewicht. Für Erwachsene sind das rund 3-4 mg Fluoride pro Tag. Die tatsächliche Zufuhr liegt im Schnitt nur bei 0,4-0,6 mg täglich, bei Kindern sind es etwa 0,1-0,2 mg. Unsere Nahrung enthält insgesamt relativ wenig Fluorid. Im Trinkwasser schwankt die Menge zwischen 0,02 und 1,8 mg/l, je nach regionaler Bodenbeschaffenheit; in 90 Prozent beträgt die Konzentration weniger als 0,25 mg/l. Mineralwasser kann deutlich höhere Konzentrationen enthalten, ab 1,5 mg Fluoride pro Liter muss es als „fluoridhaltig“ gekennzeichnet werden. Wenn der Fluoridgehalt unter 0,7 mg pro Liter liegt, steht “geeignet für die Zubereitung von Säuglingsnahrung” auf dem Etikett. Da die Deutschen also deutlich weniger Fluorid aufnehmen als für gesundheitsförderlich erachtet wird, ist seit 1991 Speisesalz mit Fluorid-Zusätzen zugelassen. Jedes Gramm fluoridiertes Salz liefert 0,25 mg Fluorid. Den häuslichen Salzverbrauch schätzen Experten auf etwa 2 g am Tag. Das heißt, wer angereichertes Salz verwendet, nimmt pro Tag zusätzlichen 0,5 mg Fluorid auf.

Kinder eher überversorgt

Hierzulande erhalten 80 Prozent der Säuglinge Fluorid-Tabletten. Sie sollen bereits vor dem Durchbruch der Zähne günstig wirken. Über diese Praxis gehen die Meinungen der Wissenschaftler aber inzwischen auseinander. Mittlerweile ist bekannt, dass lokal einwirkendes Fluorid aus Zahnpasta oder Zahnlack besonders effektiv wirkt – und zwar erst nach dem Zahndurchbruch. Es wird ohne Umweg über den Stoffwechsel direkt in die äußerste Schicht des Zahnschmelzes aufgenommen. Dennoch hält die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin ebenso wie die DGE an der Fluoridgabe (0,25 mg Fluorid pro Tag) vom Säuglingsalter bis zum dritten Lebensjahr fest. Die Mediziner befürchten, dass bei Verzicht auf die Fluoride auch die Vitamin-D-Prophylaxe als wichtiger Schutz vor Rachitis gefährdet ist. Denn Vitamin D wird zusammen mit Fluorid in einer Tablette verabreicht. Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) dagegen ist der Meinung, dass Fluoridtabletten für Säuglinge und Kleinkinder überflüssig sind und die Fluoridzufuhr von Anfang an über fluoridhaltige Zahnpasta erfolgen sollte. Kritiker greifen diese Empfehlung mit dem Hinweis an, dass der Fluoridgehalt der Zahnpasta meist nicht deklariert ist und Kleinkinder immer auch einen Teil der Zahnpasta verschlucken.

In hohen Konzentrationen schädlich

Aber nicht nur die Fluoridgabe bei den Kleinsten ist umstritten. Auch 40-60 Prozent der Klein- und Schulkinder erhalten regelmäßig Fluoridtabletten. Gleichzeitig putzen die meisten ihre Zähne mit fluoridierter Zahnpasta und viele salzen zu Hause inzwischen mit fluoridiertem Speisesalz. So kann eine Dosis zusammenkommen, die für Kinder bereits kritisch ist. Eine überhöhte Fluoridzufuhr während der Zahnentwicklung, bis etwa zum Alter von acht Jahren, kann unterschiedlich stark ausgeprägte Schmelzflecken (Zahnfluorose) in den bleibenden Zähnen verursachen. Dazu kommt es bei mehr als 100 ‘g Fluoriden pro kg Körpergewicht am Tag. Die Zahnflecken gelten in der Schulmedizin als rein ästhetisches Problem. Kritische Stimmen wie die Internationale Gesellschaft für Ganzheitliche Zahnmedizin (GZM) und der Bundesverband der Naturheilkundlich tätigen Zahnärzte in Deutschland (BNZ) befürchten jedoch, dass schon geringe Mengen den Fluoridhaushalt des Körpers stören und die Entstehung einer Osteoporose-ähnlichen Knochenkrankheit begünstigen. Fluoride vor dem Zahndurchbruch halten diese Organisationen ohnehin für unwirksam. Außerdem steht Fluorid seit Jahren in Verdacht, Chromosomen-Veränderungen auszulösen, die letztendlich zu Krebs führen könnten. In Belgien wurden frei verkäufliche Fluorid-Tabletten und Kaugummis aus diesem Grund letzten Sommer vom Markt genommen. Zahnpasta und Salz blieben von dem Verbot aber ausgenommen.

Die deutschen Behörden sehen dagegen keinen Handlungsbedarf. Denn in Deustchland sind fluoridierte Lebensmittel bisher nicht zugelassen, und es gibt derzeit auch keine fluoridhaltigen Nahrungsergänzungsmittel. In niedrigen Konzentrationen seien keine Nebenwirkungen zu befürchten, meldete das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) in einer Stellungnahme vom Juli 2002. Erst wenn zwischen 10 und 20 Jahre lang andauernd 10-25 mg Fluoride pro Tag aufgenommen würden, kann eine Skelettfluorose auftreten, mit erhöhter Knochenbrüchigkeit und Gelenkveränderungen. Und nur bei extrem hohen Fluoridaufnahmen von 300-600 mg am Tag über mehrere Monate wurden Nierenschäden beobachtet.

Fluoridierte Zahnpasta sinnvoll

Das BgVV empfiehlt Kindern wie Erwachsenen, fluoridierte Zahnpflegemittel zu benutzen. Wer zudem fluoridiertes Speisesalz verwendet, sollte nicht zusätzlich noch Fluoridtabletten einnehmen und den Fluoridgehalt des eigenen Trinkwassers bei den zuständigen Stadtwerken erfragen. Um Überdosierungen zu vermeiden, sollte dieser unter 0,7 mg pro Liter liegen. Fluoridtabletten sind nur auf Rat eines Arztes einzunehmen, das gilt ganz besonders für Kinder. Da Fluoride überwiegend durch lokalen Kontakt mit der Zahnoberfläche wirken, sind sie für Säuglinge überflüssig. Da aber – zumindest bei gestillten Kindern – weitere Fluoridquellen wie aus dem Trinkwasser oder über Salz entfallen, sind auch keine Überdosierungen zu befürchten. Bis zur Einschulung sollten Kleinkinder fluoridreduzierte Kinderzahnpasta (0,5 g Fluorid pro kg Zahnpasta) benutzen und unter Aufsicht putzen, spülen und ausspucken. Schulkinder können normale Zahnpasta für Erwachsene (1-1,5 g Fluorid pro kg Zahnpasta) verwenden.
Vergessen werden sollte bei der ganzen Diskussion um die Fluoridgaben nicht, dass Karies keine Fluoridmangelkrankheit ist. Wer auf eine gesunde Ernährung achtet und seine Zähne von klein auf zweimal täglich gründlich mit altersgemäßer, fluoridhaltiger Zahnpasta putzt, ist am besten vor Karies geschützt.

Quelle: Becker, U.: UGB-Forum 1/2003, S. 52-53

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