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Bioenergie: Aufklärung statt Polemik

„Teller statt Tank!“ „Keine Energiewende ohne Bioenergie!“ Mit solch kontroversen Parolen wird derzeit heftig und oft polemisch über Bioenergie diskutiert. Zeit für eine Versachlichung des Themas.

Bioenergie

Ende Juli veröffentlichte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (Halle an der Saale) ein Gutachten, erstellt von über 20 renommierten Biowissenschaftlern. Das einflussreiche wissenschaftliche Gremium kommt zu dem Schluss, Biokraftstoff sei im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energiequellen wie Sonnen- und Windenergie zu ineffizient und ökologisch wenig sinnvoll. Der Biosprit könne außerdem zur Verknappung von Nahrungsmitteln führen und deren Preise in die Höhe treiben. Auf dieses wissenschaftliche Statement folgte schon bald ein politisches – von Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP). Er forderte, den Verkauf von Biosprit umgehend zu stoppen und kritisierte, dass Biokraftstoff in direkter Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehe. Damit war die Debatte eröffnet, die seitdem heftig tobt. Politiker aller Colouer melden sich seit dem zu Wort. Doch statt sachlicher Argumente bringt die Diskussion eher einen von Polemik geleiteten Schlagabtausch hervor.

Was wir brauchen ist aber eine breite öffentliche Diskussion, die den Normalbürger aufklärt und eine Urteilsbildung möglich macht. Dabei geht es unter anderem um die Frage: Worüber reden wir überhaupt? Die wichtigsten Formen der Bioenergie sind Biogas, Biodiesel (B7) und Biosprit (Bioethanol E10). Rohstoffe, Herstellung, Verwendung und Wirtschaftlichkeit der drei Bioenergieträger unterscheiden sich zum Teil erheblich. Kaum ein Beteiligter definiert sauber, wovon er gerade spricht. Während Biodiesel aus Raps erzeugt wird, entsteht Bioethanol überwiegend aus Zuckerrüben, Weizen und Mais. Da bei diesem Prozess nur essbare Pflanzenteile verarbeitet werden können, steht dieser Biosprit mit der Nahrungsmittelherstellung in direkter Konkurrenz. Die Herstellung von Biogas ist dagegen in der Gesamtbilanz deutlich positiver. Denn hier können auch nicht essbare Pflanzenteile vergoren werden. Neben Mais und anderen Nutzpflanzen schlucken die Anlagen zals Restprodukt der Biogasproduktion wieder als Dünger die Fruchtbarkeit der Böden verbessern.

Bioenergie ein Teil der Energiewende?

„Teller statt Tank!“ – das Kampfargument der Bioenergie-Gegner spielt aus nationaler, das heißt aus deutscher Sicht, nur eine Nebenrolle. Derzeit werden von den zwölf Millionen Hektar Ackerland in Deutschland rund 2,1 Millionen für die Energieproduktion genutzt. Im Detail sind das 913.000 Hektar für Biodiesel (ausschließlich mit Raps bepflanzt), 962.000 Hektar für Biogas (überwiegend Mais) und gerade einmal 243.000 Hektar für Bioethanol (überwiegend Weizen und Zuckerrüben). Die Nutzung dieser Flächen für die Lebensmittelproduktion würde zu Überkapazitäten und einem Preisverfall führen. Das würde – anstatt Hungernde in der Dritten Welt satt zu machen – die Existenz der hiesigen bäuerlichen Betriebe bedrohen. So geht es national im Kern viel eher um die Frage: Welchen Beitrag kann und soll die Bioenergie neben Wasser-, Wind- und Sonnenenergie zur Energiewende leisten? International stellt sich das teilweise ganz anders dar: In großen Erzeugerländern wie den USA oder Brasilien wird Biosprit (überwiegend aus Mais, Weizen bzw. Zuckerrohr) in riesigen Dimensionen hergestellt. Kommt es dort zu Missernten, treibt das zum einen massiv die weltweiten Lebensmittelpreise hoch. Zum anderen tangiert und gefährdet es die Sicherheit der Welternährung tatsächlich in beängstigendem Ausmaß.

Muss die Devise heißen: „Ja“ zu Bioenergie, aber dann Biogas statt Bioethanol? Die Leopoldina-Studie rät keineswegs kategorisch von Bioenergie ab: „Pflanzenbiomasse, Hausmüll, Abwasser und landwirtschaftliche Abfälle einschließlich Gülle werden mit guter Effizienz zu Biogas fermentiert. Dabei entsteht als Nebenprodukt ein Abfallschlamm, der gut als landwirtschaftlicher Dünger genutzt werden kann, um Stickstoff- und Phosphor-Verbindungen rückzuführen. Biogas-Anlagen können effizienter in kleinem und mittlerem Maßstab in landwirtschaftlichen Gegenden dezentral betrieben werden als in Großanlagen, da der Aufwand für den Transport von Substraten und Produkten in der Regel geringer ist.“ Dazu sollte man wissen, dass Bioethanol in einer Handvoll großtechnischer Anlagen hergestellt wird, die von großen Unternehmen wie Südzucker betrieben werden. Biogas dagegen kommt aus derzeit ca. 7500 dezentralen, vorwiegend kleineren und mittleren Anlagen und bundesweit verteilten Bioreaktoren.

Fehlentwicklungen vermeiden

Tatsächlich führt der Bioenergie-Boom teilweise zu ökologisch bedenklichen Entwicklungen und treibt seltsame Blüten, die die Politik als ihr Geburtshelfer so nicht gewollt haben kann. Der Staat lenkt – der Bauer denkt, und zwar in Richtung auf die Maximierung seiner Gewinne. Weil es einfacher und rentabler ist, die Biogasanlagen mit Mais zu beschicken statt mit Abfällen oder Luzerne, Klee und Hanf, die die Bodenfruchtbarkeit verbessern, stieg die Anbaufläche für Energiemais in den letzten sieben Jahren von 70.000 auf über 900.000 Hektar. Das ist eine Steigerung um 1300 Prozent. Die Mais-Monokulturen sind verbunden mit vielen ökologischen Problemen – angefangen von der Bodenerosion bis zum hohen Bedarf an Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. Um ihre Anlagen optimal zu fahren, brauchen gerade Betreiber größerer Anlagen mehr Mais, als auf den betriebseigenen Flächen wächst. Dadurch kommt es in vielen Regionen zum erbitterten Kampf um Pachtland: Die Pachtpreise sind in den letzten fünf Jahren mancherorts um das Drei- bis Vierfache gestiegen. Beträge zwischen 1.200 und 1.500 Euro pro Hektar sind dabei inzwischen keine Seltenheit. Das wiederum könnte die Existenzfähigkeit von solchen ökologisch wirtschaftenden Betrieben bedrohen, die auf Pachtland angewiesen sind und die hohen Pachtpreise nicht mehr zahlen können – während eine Generation von Landerben zu unverhofftem Reichtum kommt.

Intelligente Energiewende

Der renommierte Bonner Agrarökonom Joachim von Braun fordert: „Schluss mit dem simplen Verbrennen von Biomasse und Getreide, Schluss mit der Konkurrenz von Energiegewinnung und Ernährung.“ Und fordert eine ganzheitliche, intelligente Bioenergiewende: „Ganz Schluss zu machen mit Bioenergie wäre ein unsachgemäßer Kurzschluss. Die Biomasse gehört in ein gutes Energiekonzept, weil sie es ermöglicht, Energie zu speichern und die Mengen zu regulieren – anders als bei Wind und Sonne.“ Sein Vorschlag lautet: „Wir brauchen Forschungsinvestitionen in die nachhaltige Produktion und Verarbeitung von Biomasse, nicht Subventionen, die die gegenwärtigen Techniken zementieren.“

Tatsächlich kommt die Diskussion nun auch auf politischer Ebene in Bewegung. Mitte September legte die EU-Kommission einen Entwurf vor, nach dem ab 2020 Biotreibstoffe nur noch gefördert werden sollen, wenn sie zu einer deutlichen Senkung der Treibhausgase beitragen und nicht aus Nutzpflanzen wie Getreide oder Mais hergestellt werden, die für Nahrungs- oder Futtermittel genutzt werden können. Wird der verabschiedet, wäre das ein sinnvoller Schritt in eine gute Richtung.

Literatur + Links

Quelle: Mühleib F: UGB-Forum 5/12, S. 256-257
Foto: C. Schubbel/Fotolia.com

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