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Bewegungswelten für Kinder

Kinder lieben es, ausgelassen zu toben. Für ihre körperliche Entwicklung ist die spielerische Bewegung unerläßlich. Kreative Übungen im Sinne des psychomotorischen Bewegungskonzeptes regen ihre Phantasie an und fördern das soziale Verhalten.

Kinder haben ein natürliches Verlangen nach Bewegung. Dieses gilt es zu unterstützen und zu fördern. Im Vor- und Grundschulalter brauchen Kinder Freiraum, um sich intensiv und selbstbestimmt zu bewegen. Den eigenen Körper zu erleben und zu verstehen und über die Bewegung zu anderen Menschen Kontakt aufzubauen, ist ein wesentlicher Bestandteil der kindlichen Reifung und Entwicklung.

Wenn Bewegung vernachlässigt wird

Können Kinder ihren Bewegungsdrang nicht richtig ausleben, wirkt sich das zunächst negativ auf ihre körperliche Entwicklung aus. Muskeln bilden sich unzureichend aus und können Wirbelsäule und Fußgewölbe nicht mehr ausreichend stützen. Dadurch werden Bewegungsabläufe erschwert, die tagtäglich gebraucht werden wie Laufen, Springen oder einfach eine aufrechte Körperhaltung. Auch das Herz-Kreislauf- und Atmungssystem bleiben in der Entwicklung zurück und arbeiten unökonomisch. Bei Belastung sind diese Funktionen störanfälliger und erholen sich nur langsam. Sinne, Nerven und Muskeln, die nicht durch abwechslungsreiche Bewegungen trainiert werden, verlieren ihre optimale Funktion und arbeiten unkoordiniert zusammen. Bei dauerhaftem Bewegungsmangel macht sich dies durch Muskel- und Haltungsschwächen, geringere Ausdauer und eine veränderte Motorik bemerkbar.

Schon bei der Einschulung der Kinder werden vielfach Übergewicht, Konzentrationsschwäche, Bewegungsunlust und Ungeschicklichkeit festgestellt. Deshalb müssen von klein auf Bewegungsangebote geschaffen werden, die gerade auch leistungsschwache Kinder zur Bewegung motivieren und die Lust am Spielen und Toben wecken. Die derzeitigen Angebote in Schulen und Vereinen entsprechen leider nur selten diesen Anforderungen. Allzuoft sorgen Leistungsdruck, Mißerfolge bei Wettkämpfen oder das Nicht-Aufgestellt-Werden in einer Mannschaft dafür, daß die Heranwachsenden die Lust am Sport verlieren.

Das Selbstvertrauen der Kinder stärken

Um Bewegungsmangel vorzubeugen, hat sich das psychomotorische Bewegungskonzept bewährt. Wörtlich übersetzt bedeutet "Psycho" die Seele, das Gemüt. "Motorik" heißt die Bewegung betreffend und weist auf den engen Zusammenhang zwischen Wahrnehmen, Bewegen, Erleben und Handeln hin. Die psychomotorisch orientierte Bewegungsförderung ist am ganzheitlichen Empfinden und Wahrnehmen der Kinder ausgerichtet. Sie greift das natürliche Bewegungsbedürfnis von Kindern auf und fördert Eigeninitiative und kreatives Handeln. Dadurch gewinnen die Kleinen Vertrauen in ihre eigene Leistungsfähigkeit. Außerdem werden mit dem Programm Ängste und Unsicherheiten abgebaut und die Persönlichkeit der Kinder gefestigt. Je mehr sie ihren Körper beherrschen, desto besser finden sie sich auch in ihrer Umwelt zurecht und können mit anderen Kindern umgehen. Wichtig ist vor allem, daß die Kinder freiwillig an den Bewegungsangeboten teilnehmen, unabhängig von äußeren Zwängen wie Lehrplänen oder sonstigen Richtlinien. Wenn sich die Kleinen mit dem Sportangebot identifizieren können, sind sie viel motivierter, haben mehr Spaß und beteiligen sich dauerhaft an dem Bewegungsprogramm. Für leistungsschwache Kinder ist dies besonders wichtig. Im Sportunterricht nach Lehrplan, beim wettkampforientierten Vereinssport oder in speziellen Therapieformen wie der Krankengymnastik sind diese Voraussetzungen nur schwer herzustellen. Freie Gruppen, die z. B. durch Elterninitiativen entstehen, sind ein guter Ansatz. Darüber hinaus sind Kindergärten, Schulen und Sportvereine gefordert, bedürfnisgerechte Bewegungswelten für alle Kinder zu schaffen.

Für eine psychomotorisch orientierte Bewegungsförderung wird eine Gruppe von acht bis maximal zwölf Kindern empfohlen. Eine Gruppenstunde von 45-60 Minuten läßt sich in vier Phasen unterteilen: Ziel der Einstiegsphase ist es, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Kinder frei bewegen und austoben können. In der zweiten Phase, der Spielphase, wird eine Spielidee entwickelt und in der Erarbeitungsphase durch Anregungen des Kursleiters vertieft. Am Ende können die Eltern in die Abschlußphase einbezogen werden. Das gibt ihnen Gelegenheit, sich mit ihren Kindern gemeinsam zu betätigen und sie so in einer neuen Rolle kennenzulernen.

Spielend den Körper entdecken

Übungen zur Körpererfahrung ermöglichen es, den Körper in seiner Gestalt, Funktion und Bewertung bewußt zu erleben. Durch das An- und Entspannen ihrer Muskeln lernen Kinder ihren Körper genauer kennen. Die angegebenen Spielideen können von den Kindern selbst variiert und erweitert werden.

Ballons aufblasen
Der Gruppenleiter bläst einen Luftballon auf. Die Kinder sitzen im Kreis und machen die Bewegungen des Luftballons nach: schlapp, halbgroß, riesengroß; Luftballon, der langsam Luft verliert, der schnell durch den Raum fliegt und ganz schlapp am Boden liegen bleibt usw.Das Gleiche kann auch paarweise oder stehend in der Gruppe - wie ein riesengroßer Luftballon - gespielt werden.

Verzaubern
Alle Kinder laufen durch den Raum. Ein Kind oder der Gruppenleiter besitzt einen Zauberstab (z. B. mit Geschenkpapier umwickelte Papprolle). Fällt der Zauberstab zu Boden, werden alle Kinder eingefroren und müssen in der Stellung, in der sie sich gerade befinden, verharren.
Spielvarianten:

  • Alle Kinder werden erlöst, wenn der Zauberstab wieder aufgehoben wird.
  • Die Kinder werden einzeln nach Berührung mit dem Zauberstab erlöst.
  • Der Zauberer wechselt jedes Mal, z. B.: Wer zuletzt eingefroren oder erlöst ist, erhält den Zauberstab.

Balancestopp
Jedes Kind balanciert einen Gegenstand durch den Raum (z. B. Bohnensäckchen auf dem Kopf, Pappdeckel auf dem Handrücken). Fällt der Gegenstand auf den Boden, ist das Kind sofort eingefroren.
Spielvarianten:

  • Erlösen durch Anticken oder "Zauberformel aufsagen" anderer Kinder.
  • Erlösen durch Aufheben des Balanceobjekts durch andere Kinder.

Klein und groß erleben
Die Kinder bewegen sich nach Musik. Wenn die Musik stoppt, machen sich die Kinder ganz groß oder ganz klein.

  • Die Gruppe wird in "Kleine" und "Große" eingeteilt. Wenn die Musik stoppt, nehmen die Gruppen die entsprechende Position ein.
  • Wenn die Musik stoppt, heben die Kinder einen großen oder kleinen Gegenstand hoch und nehmen die entsprechende Position ein.

Bewegungsbedürfnis entfalten

Durch die Kombination alltäglicher Materialien wie Bierdeckel oder Pappkartons mit Turnkästen, Rollbrettern und anderen Geräten lassen sich vielfältige Spielsituationen schaffen, die Kinder immer wieder auf neue Spielideen bringen.

Lauf- und Transportspiele
Die Kinder lassen Pappdeckel als "fliegende Untertassen" durch den Raum fliegen. Als Ziel benutzen sie Kartons, Matten oder Eimer. Weitere Materialien wie Sandsäckchen, Papprollen, Luftballons etc. können als Transport- oder Wurfgegenstände gewählt werden.

  • Die Kinder laufen und springen über Pappdeckel, die auf dem Boden verteilt liegen.
  • Die Kinder schieben Kartons alleine oder zu zweit durch den Raum und transportieren Gegenstände mit Hilfe der Kartons von einer Matte zur anderen.
  • Die Kinder verstecken sich in und um die Kartons.

Klettern
Das Klettern erfordert erhöhten Krafteinsatz und wird besonders dem Bedürfnis nach Anstrengung und Erlebnis gerecht. In einer Halle können mit einfachen Mitteln, z. B. mit einem schräg an eine Sprossenwand gelehnten Weichboden (großer Kasten als Unterstützung) und einer eingehängten Turnbank als Rutsche, "Gipfelbesteigungen" erprobt werden.

Mit Gefühlen umgehen lernen

Den engen Zusammenhang zwischen Emotion und Bewegung zu erfahren, vermittelt schon Vorschulkindern positive Bewegungserlebnisse. Eingebunden in eine spannende Geschichte lernen die Kinder, unterschiedliche Gefühle zu erleben und durch Bewegung auszudrücken. Solche Aufgaben fördern die Haltung und Kontrolle der Bewegungen (z. B. stolz oder freudig gehen).

Lauf durch den Engpaß
Die Kinder laufen so schnell wie möglich durch ein Labyrinth aus senkrecht stehenden Matten oder Schaumstoffteilen.

Gefühle durch Bewegung ausdrücken
Die Kinder bewegen sich innerhalb eines abgesteckten Feldes, z. B. in einem mit Matten gekennzeichnetem Rechteck. Der Untergrund verändert sich zu einem glitschigen Matschboden, zu ekligem Moor mit Fröschen, zu heißem Wüstensand usw. Die Kinder bewegen sich entsprechend. Weitere Anregungen der Kinder können aufgegriffen werden.

Gefühle handlungsbezogen ausdrücken
Die Kinder bewegen sich, als wäre ein Wespenschwarm hinter ihnen her, tun so, als hätten sie ihre Brille verloren oder bewegen sich, als würde ein fürchterlicher Sturm toben.

Sprung ins Ungewisse
Für Kinder mit überhöhtem Bewegungsdrang und einer Neigung zu Aggressivität haben sich Bewegungssituationen bewährt, die Risikobereitschaft und Körperkontrolle herausfordern.Die Kinder springen von einem halbhohen Kasten in ein Schwungtuch (z. B. Bettlaken), das von anderen Kindern in Wellen oder als große Blase hoch- und runterbewegt wird.

Soziales Verhalten fördern

Körper- und Bewegungserlebnisse können auch soziale Lernprozesse unterstützen. Sie helfen, einzelne Kinder in partner- und gruppenbezogene Situationen einzubinden. Die folgenden Vorschläge zur Wahrnehmung der Füße dienen als Anregung und sind auf das Interesse der Kinder abzustimmen. Die Aufgaben sollten möglichst barfuß durchgeführt werden. Dabei ist darauf zu achten, daß die Kinder warme Füße haben, z. B. durch vorheriges Laufen oder einen warmen Untergrund.

Aufmerksamkeit für die Füße wecken
Die Kinder malen sich mit Schminkstiften Gesichter auf die Füße. Die "Fußpersonen" können unterschiedliche Dinge unternehmen: Sie können durch den Raum laufen oder hüpfen, sie können sich begegnen und begrüßen oder miteinander ins Gespräch kommen.

Soziale Sensibilisierung
Die Kinder sitzen frei im Raum oder im Kreis. Sie befühlen ihre eigenen und die Füße der anderen Kinder mit ihren Füßen. Die Kinder schauen ihre Füße genau an. Entdecken sie z. B. Schwielen?Die Kinder sitzen sich paarweise gegenüber, die Fußsohlen stoßen aneinander. Ein Kind macht langsam Bewegungen vor, die von dem anderen Kind gleichzeitig spiegelbildlich mit den Füßen nachgemacht werden.

Kontakt- und Beratungsadressen:

Bundesarbeitsgemeinschaft zur Haltungs- und Bewegungsförderung,
Friedrichstr. 14,
D-65185 Wiesbaden

Arbeitskreis Psychomotorik,
Kleiner Schrotweg 32,
D-32657 Lemgo

LITERATUR:
ZIMMER, R. u. a.: Bewegung, Sport und Spiel mit Kindern. Lehr- und Lernmaterialien zur frühkindlichen Bewegungserziehung. Meyer & Meyer, 2. Aufl., Aachen 1990
ZIMMER, R.: Kreative Bewegungsspiele. Psychomotorische Förderung im Kindergarten. Herder Verlag, Freiburg 1992
ZIMMER, R.: Handbuch der Bewegungserziehung. Herder Verlag, Freiburg 1993
ZIMMER, R.: Handbuch der Sinneswahrnehmung. Herder Verlag, Freiburg 1995 ZIMMER, R.; CIRUS, H.: Psychomotorik. Neue Ansätze im Sportförderunterricht und Sonderturnen. 4. Aufl., Hofmann, Schorndorf 1995

Quelle: Koschel, D.: UGB-Forum 3/98, S. 135-138

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Dieser Beitrag ist dem UGB-Archiv entnommen.

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