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Die Wechseljahre des starken Geschlechts

Auch Männer werden älter. Auch sie klagen über Antriebslosigkeit, nachlassende Lust und schwindende Muskelpakete. Schuld daran sind - wie bei den Frauen - Veränderungen im Hormonhaushalt.

Noch immer meinen die meisten Männer, sie brauchen keinen Arzt. Männer haben auch gar nicht die Zeit, stundenlang in Wartezimmern herumzusitzen. Sie arbeiten 14 Stunden und länger, ernähren sich im Stehen oder sitzen noch spät bei ausgiebigen Geschäftsessen, wo der Alkohol ein besseres Verhandlungsklima schafft. Sie düsen um die ganze Welt, sie ignorieren Zeitumstellung und Klimawechsel. Sie stehen unter Konkurrenzdruck, sie brauchen Erfolg. Männer sind gut drauf. Sie sterben nur früher. Statistisch betrachtet hat ein im Jahr 2000 geborener Junge in Deutschland eine mittlere Lebenserwartung von 74 Jahren, ein Mädchen desselben Jahrgangs wird mehr als sechs Jahre älter. Wissenschaftler lernen die Gründe für den früheren Tod des Mannes mehr und ehr kennen. Beteiligt scheinen genetische Veranlagung und der typische maskuline Lebensstil. Nicht zuletzt sind es aber auch hormonelle Einflüsse, die den Mann früher sterben lassen.

Die Lebenskrise hat
biologische Gründe

Es gilt keineswegs nur für Frauen, dass die biologische Lebenskurve über Kindheit und Jugend ansteigt und sich von der Lebensmitte an langsam absenkt. Bei Frauen wird dieser Prozess mit dem Ausbleiben der Monatsblutung lediglich deutlicher. Doch auch Männer - diese Erkenntnis bricht sich in der modernen Medizin immer mehr Bahn - kommen in die Wechseljahre, Klimakterium virile genannt. Der Prozess verläuft bei ihnen allerdings langsamer. Die vielzitierte "midlife crisis" tritt also nicht nur auf, wenn sich die Karriere festgefahren hat, sie hat auch handfeste biologische Ursachen.

Man(n) muss ja nicht gleich krank sein. Zuerst schleicht sich nur ein leichtes Unbehagen ein. "Befindlichkeitsstörungen" sagt der Arzt dazu. Veränderungen des allgemeinen Wohlbefindens, Nachlassen der sexuellen Lust (Libido), Haarausfall, Muskelschwäche, Neigung zum Schwitzen, Schmerzen in den Gelenken, unruhiger Schlaf, Gewichtszunahme, Herz- und Kreislaufprobleme, häufigere Infekte, Depressionen, Erschöpfung, gereizte Stimmung - die Liste der Beschwerden, welche die Medizin heute mit den männlichen Wechseljahren in Zusammenhang bringt, ist lang. Sie wirken sich nicht nur auf die Arbeitsleistung, sondern auch erheblich auf die Lebensfreude aus. Deshalb beginnen viele Ärzte jetzt umzudenken. Sie haben erkannt, dass ähnlich wie in der Gynäkologie auch bei den Männern die gesundheitliche Betreuung viel früher und vorbeugend ansetzen muss.

Körperliche Anzeichen beobachten

Jedes der oben genannten Symptome kann natürlich eine organische Ursache haben. Am Anfang steht daher eine sorgfältige Betrachtung der eigenen Lebens- bzw. Krankheitsgeschichte. Für diese Aufgabe sollte man sich einen Arzt suchen, der sich Zeit und Ruhe nimmt. Die Praxis zeigt, dass sich in jedem zweiten Fall bereits aus der ersten Befragung die richtigen Hinweise auf den Gesundheitszustand ergeben. Finden sich keine organischen Ursachen, keine Umweltgifte, kein Virus, zeigt sich kein Gallenstein und der Patient fühlt sich trotzdem nicht wohl, dann ist ganz einfach an das Älterwerden zu denken. Lässt die Hormonproduktion nach - und das beginnt bei manchen Männern bereits um das 30. Lebensjahr herum - dann gerät das komplexe Informationssystem des Körpers allmählich aus dem Gleichgewicht. Die Kommunikation innerhalb des Organismus stimmt nicht mehr.

Der Körper produziert weniger Testosteron

Männliche Geschlechtshormone werden als Androgene bezeichnet. Am bekanntesten ist sicherlich das Testosteron. Es spielt eine Schlüsselrolle im Leben des Mannes. Durch seine Einwirkung kommt es in der Pubertät zum Stimmbruch, es lässt Bart- und Brusthaare sprießen und sorgt für die typischen männlichen Körperproportionen. Das Hormon beeinflusst das Wohlbefinden, steigert ganz allgemein die Aktivität und das Leistungsvermögen, fördert die Durchsetzungskraft und macht Männer insgesamt aggressiver als Frauen. Zudem ist es unerlässlich für die Fortpflanzung, da es die Samenfäden reifen lässt. Gebildet wird Testosteron in den Hoden. Ein Erwachsener produziert täglich etwa sechs Milligramm. Die höchste Konzentration ist in den Hoden selbst vorhanden, nur ein geringer Teil wandert ins Blut.

Ab dem 40. Lebensjahr sinkt der Testosteronspiegel jährlich um etwa ein bis zwei Prozent. Allerdings sind die individuellen Schwankungen hier sehr groß, bei manchen Männern findet man auch in höherem Alter noch Hormonmengen wie bei einem Dreißigjährigen. Experten gehen davon aus, dass bei jedem fünften Mann zwischen 60 und 80 Jahren ein mehr oder weniger stark ausgeprägter Testosteronmangel vorliegt. Der männliche Organismus ist aber auch auf das ,,weibliche" Hormon Östrogen angewiesen. Es sorgt beim Mann nicht nur für die Fruchtbarkeit und die Beweglichkeit der Samenzellen, sondern senkt auch die Anfälligkeit für Herz-Kreislauferkrankungen und stimuliert den Knochenaufbau. Hitzewallungen, Schlafstörungen und Depressionen werden durch Östrogengaben positiv beeinflusst. Das Hormon Melatonin reguliert den Schlaf- und Wachrhythmus, senkt den Cholesterinspiegel, stimuliert das Immunsystem und neutralisiert das ,,Stresshormon" Cortisol.

Das Risiko für Erkrankungen steigt

Auch der Körper verändert sich durch die sinkenden Hormonspiegel. Die einstigen Muskelpakete werden weniger und der Fettanteil nimmt zu. Die Haare wachsen langsamer, die Haut sieht nicht mehr so frisch aus, sondern wird blass, fahl und faltig. Das liegt unter anderem daran, dass die Produktion des Blutfarbstoffes Hämoglobin durch den sinkenden Tes-tosteronspiegel nachlässt. Ein ausgeprägter Testosteronmangel verringert nicht nur die allgemeine Lebensqualität, sondern kann auch zu schwerwiegenden Erkrankungen wie Osteoporose, das heißt Knochenschwund führen. Zwar haben Männer nur ein halb so großes Risiko für diese Erkrankung; doch sind sie einmal betroffen, verläuft das Leiden mit Wirbelbrüchen und Schmerzen weitaus dramatischer als bei Frauen. Der sinkende Hormonspiegel ist vermutlich auch daran beteiligt, dass sich die Prostata verändert. Ab 50 hat etwa die Hälfte aller Männer eine vergrößerte Drüse.

Hormonpillen als Anti-Aging-Mittel?

Die moderne Gynäkologie hat Hormonbehandlungen entwickelt, welche die Beeinträchtigung des allgemeinen Wohlbefindens in den Wechseljahren weitgehend auffangen. Nach dem gleichen Prinzip kann heute auch Männern in der Lebensmitte zu mehr Gesundheit und Schaffenskraft verholfen werden. Es ist eigentlich kein Wunder, dass es ein Frauenarzt war, der die ersten Erfahrungen mit der Hormonbehandlung von Männern gesammelt hat. In einer breit angelegten Studie über einen Zeitraum von sechs Jahren hat er eine stattliche Liste von Symptomen zusammengetragen, die durch hormonelle Störungen bedingt und durch Hormongaben zu bessern waren.

So vielseitig und hilfreich Hormone im Rahmen der Anti-Aging-Behandlung eingesetzt werden können, Hormonpräparate sind keine Vitaminbonbons. Zuviel des Guten kann schlimme Folgen haben. Durch die Einnahme kann sich z. B. das Risiko für Prostata-Krebs erhöhen. Auf jeden Fall muss zuerst eine exakte Analyse des Hormonstatus in einem Fachlabor durchgeführt werden. Zudem sollte das Prostata-Spezifische-Antigen (PSA) bestimmt werden, das eine Aussage über das Risiko für Prostatakrebs zulässt, und eine urologische Untersuchung erfolgen. Erst wenn ein Hormondefizit festgestellt wurde und auch zu den Beschwerden passt, die der Patient angibt, ist eine Einnahme von Hormonen sinnvoll.

Übrigens wirken Hormone bei nachlassender Potenz nur selten. Zwar klagt jeder fünfte Mann über 40 und jeder dritte über 70 über eine mangelnde Erektion. Doch hat eine Potenzstörung meist noch viele andere Ursachen, z. B. Stress, und sollte dementsprechend behandelt werden.

Natürlich dem Altern begegnen

Die Symptome des Alterungsprozesses können auch mit anderen Maßnahmen angegangen werden. Einige Therapeuten setzen erfolgreich die Orthomolekulare Therapie ein, das heißt sie verabreichen Vitamine, Mineralien und Spurenelemente. Auch die Phytotherapie, bei der natürliche Pflanzenwirkstoffe und Phytohormone gegeben werden, ist eine Alternative. Vor jeder medikamentösen Therapie aber gilt: Eine gesunde Lebensweise ist besser als jede Medizin. Und gesund Leben heißt in erster Linie: Bewegung. Sport, maßvoll betrieben, kann den natürlichen Alterungsprozess verzögern. Den vielen Wunderdiäten, die als Geheimtipp gehandelt werden, soll hier keine neue hinzugefügt werden. Es macht auch keinen Sinn, Essen und Trinken ständig mit Verboten zu belegen. Beides ist schließlich eine Quelle von Freude und Genuss. Mit ein paar einfachen Grundregeln wie mäßigem Konsum von Genussmitteln wie Kaffee, Zucker oder Alkohol, mehr Vollkornprodukten, weniger Fleisch, dafür mehr Fisch und reichlich frischem Gemüse und Obst auf dem Speiseplan kann jeder selbst für seine Gesundheit aktiv werden.

Als Fazit bleibt: Männer müssen mehr für sich tun. Sie müssen lernen, auf ihren Körper zu achten und auch leichtere Beschwerden ohne Scheu mit einem Arzt zu besprechen. Nur so haben sie eine Chance, die Frauen in punkto Lebenserwartung einzuholen.

Quelle: Matheis, K.: UGB-Forum 6/01, S. 289-292
Foto: R. Eisele

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Dieser Beitrag ist dem UGB-Archiv entnommen.

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