Essen und Trinken: Glücksmomente nicht verpassen

Lebensmittel und Mahlzeiten bieten ein wunderbares Feld, glücksfördernde Fähigkeiten zu trainieren. Wenn wir unsere Mahlzeiten achtsam zubereiten und beim Essen innehalten, finden wir die Glücksmomente, die heute viel zu oft durch Stress und Hektik verloren gehen.

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Essen macht glücklich – aber wie? Da tauchen Bilder auf von cremigem Eis, von dem Mund schmeichelnden Spaghetti, von krachenden Chips oder duftender, knuspriger Pizza und – natürlich – schmelzender, zartsüßer Schokolade. Herrlich! Wenn das kein Glück ist. Oder sind es nur Lust, Appetit und Heißhunger? Oft wird Essen sogar zum Anlass für ein schlechtes Gewissen: „Ich habe heute gesündigt.“ Dann bleibt von dem Glücksgefühl nur ein kurzer Rausch. Und doch bieten Essen und Trinken vielschichtige Möglichkeiten, auf tief reichende Weise sein persönliches Glückserleben und eine grundlegende Lebenszufriedenheit zu stärken.

Achtsamkeit: ohne Ablenkung genießen

Immer dann, wenn wir „ganz bei Sinnen“ sind, befinden wir uns im Hier und Jetzt. Nehme ich gezielt wahr, was ich sehe, was ich höre, was ich mit den Händen oder den Lippen erfühle, was ich rieche und schmecke, hat für diesen Augenblick nichts anderes Platz. Wertfrei wahrnehmen statt denken – das lässt den Kopf zur Ruhe kommen und mildert Stress. Vom Einkaufen bis zum Abwaschen lassen sich Momente für eine solche Art der Achtsamkeit und Kurzentspannung nutzen. Das braucht keine Extra-Zeit, aber bewusstes Innehalten. Statt beim Einkaufswagenholen gedanklich schon vor dem Gemüseregal zu stehen und die Kinder aus der Schule zurück vor der Tür stehen zu sehen, kann ich die innere Hektik unterbrechen und bewusst einfach auf das Rattern der Wagenrollen hören. Ich schiebe und sehe, dass sich die elektrische Tür öffnet. Ach, da ist ja die nette Kassiererin. Wir schenken uns ein Lächeln. Hmmm, der Duft vom Bäckershop erreicht mich. Ein flüchtiges Bild von sahniger Butter auf warmem Krustenbrot taucht auf. Ok, was brauche ich heute? Jetzt geht es schon ruhiger und konzentrierter.

Kochen erfordert Gegenwartsklarheit

Ein anderes Beispiel von einem Spätsommermorgen zeigt, wie so etwas Simples wie „frischen Tee kochen“ zu einem meditativen Innehalten wird. Ich gehe an dem Morgen zur Kräuterspirale und schaue erst einmal nach, was nachgewachsen ist. Die Zitronenmelisse reckt sich mir entgegen. Beim Abzupfen steigt der Zitrusduft auf. Ich atme die Luft tief ein. Meine Sinne sind ruhig und offen. Ich höre Kinderstimmen und ein paar muntere Vögel zwitschern. Ich lasse den Blick einen Moment schweifen, entdecke junge Triebe frischer Himbeerblätter, die erst nächstes Jahr tragen werden, auch ein paar rote Früchte, die nachgereift sind. Ich richte meine Aufmerksamkeit nach innen und merke, mein Hals fühlt sich etwas rau an. Also nehme ich noch eine Spitze vom Salbeistrauch. Für die Seele gebe ich noch ein paar Rosenblütenblätter dazu. Das Ganze hat nur wenige Minuten gedauert, mir aber einen sinnreichen Ruhe­moment geschenkt. Und wenn ich später am Vormittag den Tee trinke, erinnere ich mich an diesen schönen Moment. Natürlich beginnt nicht jeder Tag so. Aber solche Momente ab und zu in den Alltag gestreut, überdauern eine Zeitlang und wirken nach.

Bin ich in der Küche unachtsam, kocht das Nudelwasser über, habe ich mir plötzlich in den Finger geschnitten oder Zucker statt Salz genommen. Doch das berührt nur die Oberfläche. Wie Nigel Slater, ein begnadet sinnlicher Koch und Foodjournalist, sagt: „Niemand muss kochen. Aber Sie verpassen eine der größten Freuden, die man tagsüber haben kann.“ Es bereichert, weil es umfassend sinnlich ist. Wenn ich wach im Moment bin, sehe ich, wie die Schale einer Aubergine glänzt oder das Wasser vom gewaschenen Salat abtropft. Ich fühle glatte und unebene Schalen. Ich spüre beim Schneiden das schwere Messer in der Hand, die Knackigkeit der Möhren, die feste Weichheit der Pilze. Ich schenke dem Aufmerksamkeit, was gerade vor mir ist, was jetzt gerade geschieht.

Kochen erfordert Gegenwartsklarheit

Beim Zubereiten und Kochen werden vielfältige Düfte frei. Lippen, Mund, Zunge und Nase erfahren beim Probieren Kälte und Hitze, Hartes und Weiches und zahlreiche Aromen. Hat die Möhre noch Biss? Wie schmeckt die Linsensuppe vor dem Würzen mit Essig? Wie nachher? Was fehlt noch? Kochen fordert dazu auf, selbst zu erfahren, eigenen Wahrnehmungen zu vertrauen und zu entscheiden. Im Kochalltag heißt das, sich getrost von Rezepten zu lösen, sie als Idee, als Orientierung zu nutzen, aber nicht als Korsett und fest vorgegebenes Ziel, das ich erreichen muss. Hier kann man auch üben, das zu nehmen, was noch da ist, flexibler zu reagieren und gelassener mit Gegebenem umzugehen.

Sinnliches führt uns nach innen

Wenn ich die Farben bunten Gemüses auf meinem Teller sehe, Röstaromen schnuppere oder die Zähne im weichen Schokoladenkuchen versenke, bin ich bei mir. Solche intensiven Augenblicke können das Herz und eine ungeahnte Tür zu eigenen Bedürfnissen öffnen. Mag ich gerade Süßes-Weiches, ist mir eher nach Scharfem? Brauche ich etwas Krachendes? Wer sich immer wieder so dem Essen öffnet, spürt mit der Zeit, was ihm wann gut tut. Das bedarf auch neuer Geschmackserfahrungen. Wenn ich zum Beispiel nur die Tütensuppe kenne, weiß ich nicht, wie eine aus frischen Zutaten gekochte Hühnersuppe schmeckt. Je häufiger ich in Esssituationen bewusst nach innen spüre, desto leichter wird es mir gelingen, ebenso in anderen Situationen herauszufinden, wie es mir geht und was ich brauche. Essen hat damit das Potenzial eines niedrigschwelligen Zugangs zu Stimmungen, Gefühlen und zugrunde liegenden Bedürfnissen. Und damit – wenn ich dem nachgehe – zu mehr Zufriedenheit.

Selbstwirksamkeit wird durch Kochen erlebbar

Stress und Sinnlichkeit passen nicht zusammen. Sobald ich ganz bei Sinnen bin, entspanne ich automatisch. Stellen Sie sich vor, Sie tauchen den Finger in dickcremigen Quark oder süßen Honig, Sie wischen mit Brot Soßenreste aus der Pfanne und schlecken langsam die Finger ab. Da ist Loslassen für den Moment leicht. Sich sinnlich-­genießend dem Erlebnis Essen und Trinken zu öffnen, ändert langfristig, was und wie man isst. Gleichzeitig beugt es freudlos kontrollierten Ernährungsweisen vor, die im Kopf verortet bleiben und Herz und Seele außen vor lassen.

In Ruhe etwas zu kochen befriedigt: Es stimmt friedlich und macht zufrieden. So wie wir heute leben, haben wir nicht mehr viele Möglichkeiten, ein direktes Ergebnis unseres Tuns zu erfahren. Im Auswählen und Zubereiten von Lebensmitteln und im Genießen als Speise ist unmittelbar erlebbar, was ich selbst bewirkt habe. Selbstwirksamkeit zu spüren, steckt auch in dem Trend, Marmelade zu kochen oder etwas anzubauen – und sei es die Kresse auf dem Watteteller. Ich habe etwas in Gang gesetzt, mich gekümmert, ich ernte und freue mich über das Gelingen. Dadurch entsteht eine besondere Beziehung zum Ergebnis. Selbst eingewecktes Obst oder gezogene Kräuter werden immer ein Stück besser schmecken. Ihr Wert wird transparent.

Essen in Gemeinschaft schafft Glücksmomente

Essen nährt uns nicht nur über Inhaltsstoffe und Sinnlichkeit. Essen und Trinken bringt Menschen zusammen. „Gemeinsam zu essen ist einer der ursprünglichsten Wege, mit anderen eine Verbindung einzugehen“, schreibt der amerikanische Zen-Mönch und Koch Edward Espe Brown. Es fördert Kommunikation, zwanglosen Austausch und stiftet Gemeinschaft. Entspannen, Genießen und Geselligkeit erscheinen als nette Worte, wenn es um alltägliche Pflichten geht. Kochen und Essen bieten auch hier die Chance, etwas einzuüben, was darin stärkt, (Lebens-)Glück zu fühlen: meinen Blick auf das Alltägliche zu verändern – umzudeuten. Das Pflichtkochen für die Familie oder sich selbst geht leichter, wenn ich mir bewusst mache, ich tue etwas Wichtiges. Es hat Sinn und Bedeutung: Ich versorge mich, meine Familie oder Freunde. Ich trage dazu bei, mich und andere zu nähren – mit guten Lebensmitteln, mit meiner Zeit und Zuwendung, die im Zubereiten liegen.

Dazu bedarf es keiner kulinarischen Höhenflüge. Das Gute liegt oft im Einfachen. Die vollreifen, fruchtigen Tomaten aus dem eigenen Pflanzkübel oder vom Markt, mit wenig Zwiebeln in gutem Olivenöl gedünstet, abgerundet mit etwas Honig, Pfeffer, Salz und ein paar Blättern frischem Basilikum. Dazu ein knusprig-frisches Ciabatta …. Mehr braucht es nicht, um Glück zu schmecken. „Mancher Hunger kann nicht durch Essen gestillt werden, aber gut zu essen, zeigt einem, dass die Welt sich um einen kümmert“, sagt Edward Espe Brown. Wenn ich erkenne, dass mein Essen anderen schmeckt, anderen gut tut, wirkt es auf mich zurück und macht auf einfache, tiefe Art zufrieden. Auch das ist Glück.

Es genügt ab und zu, aber immer wieder diese vielschichtigen Glücksmöglichkeiten rund um das Essen einzusetzen. Wir müssen sie nur entdecken wollen, es wird Wirkung zeigen. Probieren Sie es aus!

Quelle: Fromme S. UGBforum 6/15, S. 273-275

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