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Naturheilkunde: Ganzheitliche Verfahren in Kliniken

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Rheuma und andere chronische Erkrankungen machen oft einen Klinikaufenthalt nötig. Immer mehr Patienten wünschen sich eine naturheilkundliche Behandlung, vor allem wenn die Medizin keinen Erfolg bringt. Ein umfassendes naturheilkundliches Angebot haben jedoch erst wenige Kliniken.

Knapp zwanzig Kliniken in Deutschland bieten Naturheilverfahren mit kassenärztlicher Zulassung an. Teils handelt es sich um Akutkliniken mit stationärer und akut therapeutischer Versorgung, teils um Rehabilitationseinrichtungen. Die Naturheilkunde stützt sich auf die Säulen Phyto-, Bewegungs-, Hydro- und Ernährungstherapie. Dazu kommt die Ordnungstherapie, die den Patienten einen ausgewogenen und regelmäßigen Tagesrhythmus nahe bringen soll. Diese fünf Verfahren zeichnen sich dadurch aus, dass sich mit ihnen ganz unterschiedliche Erkrankungen lindern oder auch heilen lassen. Gerade in chronischen Fällen erweisen sie sich oft als erstaunlich wirksam. Erfahrungen in den Kliniken ebenso wie wissenschaftliche Studien belegen das immer wieder. Eine Behandlung im Krankenhaus hat dabei den Vorteil, dass sich dank der Dichte der zur Verfügung stehenden Verfahren problemlos mehrere Methoden miteinander und auch mit der Medizin kombinieren lassen.

In manchen Kliniken kommt der naturheilkundliche Ansatz in der gesamten Einrichtung zum Tragen, in anderen handelt es sich nur um eine spezielle Fachabteilung. In der Regel haben Patienten der übrigen Abteilungen dann aber ebenfalls die Möglichkeit, geeignete alternative Behandlungen wahrzunehmen. Die Klinik Blankenstein in Hattingen etwa bietet sogar eine Ambulanz für Naturheilkunde in anderen Krankenhäusern an, die deren Patienten nutzen können. Blankenstein, das Immanuel-Krankenhaus Berlin-Wannsee, die Kliniken Essen-Mitte, die Hufeland-Klinik in Bad-Ems und einige andere spiegeln zugleich das breite Spektrum an behandelbaren Erkrankungen wieder: Von Allergien über Stoffwechsel- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis zu Krebs reicht der Katalog an Diagnosen. Dabei stehen medizinische und komplementäre Methoden gleichberechtigt nebeneinander. Benötigt ein Herzpatient beispielsweise medizinische Medikamente, erhält er diese vom behandelnden Arzt auch weiterhin verordnet. Durch geeignete Ernährungs-, Bewegungs- und Entspannungstherapie wird jedoch versucht, die Medikamente so weit wie möglich herunterzufahren. Je nach Krankheitsbild kann die Behandlung außerdem durch Akupunktur, Heilfasten, Licht-, Elektro- oder Neuraltherapie und anderes ergänzt werden.

Ernährung im Fokus

Gesunder Ernährung kommt in naturheilkundlichen Kliniken ein hoher Stellenwert zu. Die Speisen werden fast immer in der eigenen Küche frisch zubereitet. Dabei wird Bio-Produkten der Vorzug gegeben. Die Klinikköche sind sich bewusst, dass eine schmackhafte und schonende Zubereitung eine optimale Nährstoffzufuhr sichert. Von daher verzichtet zum Beispiel die Lahnhöhe auf Fabrikzucker, Auszugsmehle, raffinierte Fette und Konserven. Stattdessen stehen Vollkornprodukte und Frischkost auf dem Plan. Die TCM-Kliniken, das Bremer St. Josef und andere Einrichtungen kochen vorwiegend vegetarisch-vollwertig, schränken Rohkost aber ein. Je nach Klinik gibt es noch spezielle Ausrichtungen, etwa in Anlehnung an die 5-Elemente-Küche oder an die ayurvedische und makrobiotische Küche. Immer mehr Kliniken bieten außerdem Infoveranstaltungen und Kochkurse an. Schließlich sollen sich die Patienten auch zuhause noch gesund ernähren können.

Ganzheitliches Menschenbild

Neben den anfangs genannten fünf Säulen der Naturheilkunde gehören die Homöopathie, die Anthroposophische und die Traditionelle Chinesische Medizin zu den etablierten Naturheilverfahren. Das Krankenhaus für Naturheilweisen in München (KFN) geht zum Beispiel auf ein 1883 gegründetes Spital für Homöopathie zurück und steht insofern für eine lange Tradition in der klinischen Anwendung dieser Methode. Heute ist sie zusammen mit weiteren Naturheilmethoden wie Hydrotherapie, Entspannungstechniken oder Schröpfen in das Behandlungskonzept einer modernen internistischen Akutklinik integriert. Als eine der größten komplementär-medizinischen Kliniken hat das KFN Modellcharakter und ist Austragungsort der Münchner Homöopathietage, bei denen sich Experten aus ganz Deutschland zum Austausch treffen.

Im Klinikum Heidenheim, einem Belegkrankenhaus mit rund 20 Betten, werden ebenfalls diverse Erkrankungen ganzheitlich behandelt, unter anderem Lungenerkrankungen und Multiple Sklerose. Ein MS-Patient bekäme gemäß dem homöopathisch-anthroposophischen Ansatz beispielsweise potenzierte Medikamente wie Apis mellifica in die Haut injiziert, spezielle Wickelanwendungen und Einreibungen, erläutert das Ärzteteam. Außerdem würde man zusätzlich zum erkrankten Nervensystem den Kräftehaushalt mitbehandeln, da MS durch den schlechter durchdringlich werdenden Körper fast immer zu einer ausgeprägten Erschöpfung führe.

Von anthroposophischer Medizin bis TCM

Im Mittelpunkt der anthroposophischen Medizin steht das Verhältnis von Leib, Seele und Geist in seiner Beziehung zu den Kräften in Natur und Kosmos. Bei jeder Erkrankung wird daher nach einem entsprechenden Arzneimittel in korrespondierenden natürlichen Prozessen gesucht. Die anthroposophischen Mittel aus mineralischen, pflanzlichen oder tierischen Substanzen werden dann ebenfalls in stark verdünnter (potenzierter) Form verabreicht. In der Krankenhausliste des Dachverbands für Anthroposophische Medizin Deutschland finden sich mit der Filderklinik und den Gemeinschaftskrankenhäusern Havelhöhe und Herdecke wiederum auch drei Akutkrankenhäuser.

In der Filderklinik kommen zum Beispiel bei Tumorpatienten zusätzlich zur medizinischen Behandlung Hyperthermie oder Misteltherapie zum Einsatz. Eine wichtige Rolle spielen daneben die typischen kreativen Begleitangebote Eurythmie, rhythmische Massagen, Kunst- und Gesangstherapie, die den Patienten ihr schöpferisches Potenzial bewusst machen sollen. Das Krankenhaus Lahnhöhe in Lahnstein hebt dabei die äußeren Anwendungen wie Wickel, Auflagen und rhythmische Einreibungen besonders hervor, da die Berührung einen sehr intensiven Kontakt zum Patienten ermögliche. Neben einem integrativen Ansatz aus Homöopathie, Anthroposophie, Ernährungsmedizin sowie der notwendigen medizinischen Medikation hat sich mit dem Zentrum für psychosomatische Medizin und ganzheitliche Heilkunde zusätzlich ein psychosomatischer Schwerpunkt herausgebildet.

Behandlungen nach der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) bieten unter anderem die Klinik am Steigerwald und die Klinik Silema an. Obwohl man bei beiden den Aufenthalt privat bezahlen muss, wird ihr Angebot gut angenommen. Zu dem breiten Diagnosespektrum gehören chronische Schmerzen und Entzündungen, neurologische Erkrankungen wie Demenz oder Polyneuropathie. In der Klinik am Steigerwald versucht man den Ansatz der TCM am Beispiel von Entzündungen zu erklären. Diese könnten als natürliche, aber fehlgeleitete Körperreaktion gesehen werden. Eine nicht ausgearbeitete Erkältung würde daher unter Umständen im Körper immunologische Steuervorgänge überlagern und Entzündungen an der Lendenwirbelsäule unterhalten. Anstatt sie zu unterdrücken, gelte es, die Entzündung zum richtigen Ort hin zu verschieben.Ziel ist zudem, die einzunehmenden Medikamente auf ein Minimum zu reduzieren. Auf dem Therapieplan stehen sanfte manuelle Therapien wie Shiatsu oder Akupressur sowie Abkochungen chinesischer Heilkräuter. Indem sie ihre Heiltees selber kochen oder Vorträge über die Methoden der Klinik hören können, werden die Patienten dabei zur Mitarbeit angeregt.

Der Weg in die Klinik

Die Bereitschaft des Patienten, sich auf die Methoden einzulassen, ist eine der Voraussetzungen für den Erfolg einer ganzheitlichen Behandlung. Eine wichtige Rolle spielt aber auch der Zeitfaktor. Von daher nehmen sich Ärzte und Pflegepersonal in naturheilkundlichen Einrichtungen in der Regel wirklich Zeit und gehen individuell auf jeden Patienten ein. So erfassen die Ärzte bei der am Anfang jeder Klinikbehandlung stehenden Anamnese neben der normalen Diagnostik in einem ausführlichen Gespräch auch die Persönlichkeit und den sozialbiographischen Hintergrund des Patienten, in Häusern mit TCM zusätzlich mittels Puls- und Zungendiagnose. Um den Verlauf des Gesundungsprozesses zu beobachten und den Behandlungsplan immer wieder anzupassen, findet zudem täglich eine Visite mit dem Chef- oder Oberarzt statt.

Neben Krankenhäusern, deren Naturheilkunde-Abteilungen in den jeweiligen Landeskrankenhausplan aufgenommen sind, gibt es ausgewählte Reha-Einrichtungen mit einem ähnlich breiten Diagnosespektrum und umfassendem naturheilkundlichen Angebot. Hier, etwa in der Habichtswaldklinik, nehmen Krankengymnastik einschließlich Sport- oder Cranio­sakraltherapie und Ernährungsmedizin eine wichtige Rolle ein. Sogar baubiologische Kriterien werden vielerorts berücksichtigt und elektromagnetische Störungen in den Räumen weitgehend ausgeschaltet. Wie Studien der Deutschen Klinik für Integrative Medizin und Naturheilverfahren (DEKIMED) belegen, sind naturheilkundliche Methoden auch in einer Reha sinnvoll: Noch ein Jahr nach der Maßnahme konnte ein Rückgang der Krankheitstage und des Medikamentenverbrauchs verzeichnet werden.

Kassen erstatten die Kosten

Trotz der wissenschaftlich belegten Erfolge stehen Krankenkassen und Rentenversicherer der Naturheilkunde unterschiedlich aufgeschlossen gegenüber. Nach den Erfahrungen vieler Kliniken sind zum Beispiel die Securvita, die Techniker Krankenkasse, die Barmer und die BKK-Advita besonders offen für Naturheilverfahren. Dabei dürfen die etablierten Verfahren durchaus als Kassenleistung übernommen werden, wenn die stationäre Behandlung aus Sicht des behandelnden Arztes erforderlich ist. Akutkrankenhäuser, die in den Krankenhausplan der Länder aufgenommen sind, können die Kosten der naturheilkundlichen Behandlung dann wie in anderen Abteilungen üblich abrechnen. Darunter fallen zum Beispiel eine Akupunktur bei chronischen Schmerzen, Heilfasten bei rheumatischen Erkrankungen oder Neuraltherapie bei Narbenschmerzen.

Anders als Akutkrankenhäuser verfolgen Rehabilitations- und Vorsorgeeinrichtungen das Ziel, durch den stationären Aufenthalt eine drohende Behinderung oder Pflegebedürftigkeit abzuwenden oder zu mildern. Der Aufenthalt dient außerdem dazu, gesundheitsbedrohende Schwächen zu beseitigen, Krankheiten zu heilen und den Erfolg einer Krankenhausbehandlung zu sichern. Stehen die Einrichtungen unter ständiger ärztlicher Verantwortung und verfügen sie über entsprechend geschultes Personal, ist aber auch hier die Kostenübernahme durch die Kranken- bzw. Rentenversicherung in der Regel gewährleistet.

Naturheilkliniken mit gesicherter Kostenerstattung

  • Krankenhaus für Naturheilweisen, München, www.krankenhaus-naturheilweisen.de, 089/ 62505-0
  • Hufeland-Klinik, Bad Ems www.hufeland-klinik.com, 02603/92-0
  • Immanuel-Krankenhaus, Berlin www.immanuel.de/einrichtungen/berlin-wannsee, 030/80505-0
  • St. Josef-Stift, Bremen www.sjs-bremen.de, 0421/3471763
  • Klinik Blankenstein, Hattingenwww.klinik-blankenstein.de, 02324/396-0
  • Kliniken Essen-Mitte, www.kliniken-essen-mitte.de, 0201/174-25008
  • Waldhausklinik Deuringenwww.waldhausklinik.de, 0821/4305-0

Weitere Kliniken finden Sie hier.

Onlineversion von:
Pabel B. Ganzheitliche Verfahren in Kliniken. UGB-Forum 6, S 270-273, 2011
Foto: Klinik Blankenstein

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