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Biologische Vielfalt: Wie viel ist sie (uns) wert?

Nahrung, sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Brennstoffe und Medikamente - all dies liefert uns die Natur kostenlos und frei Haus. Erst jetzt, wo die biologische Vielfalt bedroht ist, wird uns ihr Wert bewusst. Wirtschaftsexperten haben berechnet: In die Natur zu investieren lohnt sich auch ökonomisch.

Der Schutz der biologischen Vielfalt ist neben dem Klimaschutz eine der dringlichsten Aufgaben internationaler Politik. Bereits im Jahr 2002 haben die Staats- und Regierungschefs beim Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg beschlossen, den anhaltenden Verlust der biologischen Vielfalt bis zum Jahr 2010 entscheidend zu verringern. Trotz dieses Bekenntnisses schreitet die Zerstörung von Tier- und Pflanzenarten, Lebensräumen und der genetischen Vielfalt weltweit voran. Und zwar in einer Geschwindigkeit, die in der bisherigen Geschichte noch nicht beobachtet wurde.Nach Daten der Weltnaturschutzorganisation IUCN sind derzeit weltweit mehr als 16.000 Arten vom Aussterben bedroht, darunter etwa ein Viertel aller Säugetiere, ein Drittel aller Amphibienarten und zwölf Prozent der Vogelarten. Gemäß der jüngsten Zahlen der Welternährungsorganisation FAO gelten mehr als die Hälfte aller Fischbestände als völlig ausgebeutet. Jährlich wird eine Waldfläche von 13 Millionen Hektar zerstört. Karibische Korallenriffe sind bereits zu 80 Prozent kaputt und 35 Prozent aller Mangroven wurden innerhalb der letzten 20 Jahre vernichtet. Dieser Verlust an biologischer Vielfalt hat folgenschwere Auswirkungen. Denn die biologische Vielfalt ist die „Datenbank der Natur“, sie ist Rohstoffbasis einer wachsenden Weltbevölkerung und Lebensversicherung vor allem für die Menschen in armen Ländern. Kurz: Sie sorgt für die Grundlagen unserer Existenz.

Dienstleistung Ökosystem

Die Natur liefert Nahrung, sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Brennstoffe und Medikamente. Insekten sichern unsere Ernten, indem sie Obst- und Gemüsepflanzen bestäuben. Wälder schützen uns vor Überschwemmungen, speichern große Mengen Kohlendioxid und wirken damit gegen den Klimawandel. Die Palette der Leistungen der Natur ist so vielfältig wie die Natur selbst. In ganz besonderem Maße ist die Bevölkerung in Entwicklungsländern von den Dienstleistungen der lokalen Ökosysteme abhängig. Beispielsweise decken ca. 70-80 Prozent der Bevölkerung in den Ländern des Südens die primäre Gesundheitsversorgung mit traditionellen Heilmitteln, hauptsächlich Heilpflanzen ab. Etwa 80 Prozent der ländlichen Bevölkerung Afrikas hängen mehr oder weniger von dem ab, was in der freien Natur geerntet werden kann. Diese Beispiele zeigen deutlich, dass die biologische Vielfalt nicht einen Wert hat, sondern mehrere verschiedene Werte: ökologische, ethische, existenzielle, aber auch knallharte ökonomische Werte. Entsprechend gibt es auch unterschiedliche Motivationen, die biologische Vielfalt zu schützen.

Wirtschaftsfaktor Natur

Bislang wurden die biologische Vielfalt und ihre Dienstleistungen als selbstverständlich angenommen und kostenfrei genutzt. Das hat uns zu der Annahme verleitet, dass sie keinen Wert haben. Bei planerischen und politischen Entscheidungen wird die Erhaltung der biologischen Vielfalt daher häufig vernachlässigt. Dabei ist es relativ einfach, den materiellen Wert einiger Dienstleistungen des Ökosystems zu berechnen. Wird beispielsweise ein ökologisch wertvolles Gebiet als Nationalpark ausgewiesen, kann dies den Tourismus in ländlichen Regionen ankurbeln, Arbeitsplätze schaffen und damit einen beachtlichen Wirtschaftsfaktor darstellen. Fast die Hälfte aller zugelassenen Medikamente in Deutschland wird aus Pflanzenmaterial gewonnen. Der weltweite Handel mit Medikamenten auf pflanzlicher Basis beläuft sich auf jährlich schätzungsweise 500 Milliarden US-Dollar.

Deutlich schwieriger zu berechnen sind dagegen andere Dienstleistungen des Ökosystems wie die CO2-Speicherung von Wäldern und Mooren oder der Erosionsschutz. Der Wert dieser Dienstleistungen wird meist erst dann genau bezifferbar, wenn das Ökosystem, das die Leistung erbracht hat, seine Funktionen nur noch begrenzt wahrnehmen kann und technische Ersatzmaßnahmen ergriffen werden müssen. Der Wert der Biodiversität wird beispielsweise für viele Bauern erst dann offensichtlich, wenn der Boden ihrer Äcker erodiert. Die Kosten, die dem Landwirtschaftsbetrieb durch die Verluste von Bodenmaterial entstehen, können konkret in Euro angegeben werden.

Lohnende Investitionen

Wer sich mit der ökonomischen Bedeutung der Natur beschäftigt, dem wird früher oder später vorgeworfen, dass er ein grundlegend falsches Verständnis von Natur vermittelt. Selbstverständlich sind es nicht nur ökonomische Argumente, die den Schutz der Biodiversität rechtfertigen. Ethische Gründe spielen eine mindestens ebenso große Rolle. Für viele Menschen ist eine intakte Natur ein Ausdruck von regionaler Verwurzelung und Heimat. Letztlich wird der Schutz der Natur nur Erfolg haben, wenn die Menschen die Natur – aus welchen Gründen auch immer – als schützenswert und die Zerstörung der biologischen Vielfalt als Unrecht ansehen.Es muss aber auch deutlich gemacht werden, dass Investitionen in Natur- und Umweltschutz – gerade in Krisenzeiten – nicht in Konkurrenz zur wirtschaftlichen Entwicklung stehen. Im Gegenteil: Sie können zur globalen wirtschaftlichen Erholung und zur Armutsbekämpfung beitragen. Das ökologisch Notwendige ist inzwischen längst identisch mit dem ökonomisch Vernünftigen. Ökologie ist die Ökonomie von heute und mehr noch von morgen.

Billionen US-Dollar wert

Mit Unterstützung der G8 Staaten und der fünf wichtigsten Schwellenländer (Brasilien, China, Indien, Mexiko und Südafrika) initiierte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel im Jahr 2007 gemeinsam mit der EU-Kommission eine Studie, die den ökonomischen Wert der Leistungen der Natur einschätzen soll. Geleitet wird diese Studie „The Economics of Ecosystems and Biodiversity – TEEB“ von dem indischen Ökonomen Pavan Sukhdev. Ein erster Zwischenbericht der TEEB-Studie wurde auf der 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) im Mai 2008 in Bonn vorgelegt. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeigte sich, dass der wirtschaftliche Wert der Leistungen der Ökosysteme für die menschliche Gesellschaft deutlich höher ist, als bisher angenommen. Beispielsweise versorgen die rund 100.000 Schutzgebiete der Erde die Menschen mit Ökosystem-Dienstleistungen im Wert von 4,4 bis 5,2 Billionen US-Dollar pro Jahr. Das sind mehr als die Umsätze des weltweiten Automobilsektors, Stahlsektors und IT-Dienstleistungssektors zusammen. Die Investitionen wiederum, die notwendig sind, um diese Leistungen zu erhalten, betragen nach Expertenschätzungen jährlich etwa 40 bis 45 Milliarden US-Dollar – also nur etwa ein Prozent des Wertes der Erträge.

Naturschutz zahlt sich aus

In der zweiten Phase der TEEB-Studie wird derzeit genauer untersucht, wie ökonomische Modelle und die Politik optimiert werden können, um den Erhalt der biologischen Vielfalt und ihrer Dienstleistungen sicherzustellen. In den nächsten zwei Jahren werden nach und nach Einzelberichte für politische Entscheidungsträger, lokale Verwaltungen, Wirtschaftsunternehmen sowie Bürger erarbeitet. Diese sollen den handelnden Akteuren ermöglichen, den Wert der Natur und ihrer Leistungen zu erkennen und deren wahren Preis in den eigenen (Konsum-)Entscheidungen zu berücksichtigen. Der Abschlussbericht der Studie wird bei der 10. Vertragsstaatenkonferenz der CBD 2010 in Japan vorgestellt werden.Die Natur mit ihrer Vielfalt ist die Grundlage allen menschlichen Lebens. Ihr Reichtum und die von ihr erbrachten Leistungen sind existenziell für die Menschheit. Das Bundesumweltministerium wird daher neben seinen nationalen und internationalen politischen Aktivitäten zum Schutz der Natur weiterhin verstärkt der Aufgabe nachgehen, das Thema biologische Vielfalt einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln und die gesamtgesellschaftlichen Folgen und Kosten des Verlustes an Biodiversität zu kommunizieren. Dabei setzt sich zunehmend die Einsicht in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft durch, dass der Schutz der natürlichen Ressourcen sich allemal auszahlt: Die Welt ist reich genug, um die Kosten für einen aktiven Schutz von Natur und Klima zu bezahlen – sie ist aber zu arm, um die Folgen unterlassenen Umweltschutzes zu schultern!

Quelle: Flasbarth, J.: UGB-Forum 3/2009, S. 58-61
Foto: M. Kazim/Fotolia.com

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