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Wie bedenklich sind mit Ethylenoxid belastete Sesamsamen?

Ethylenoxid ist ein verbotenes Pestizid, das seit letztem Herbst vermehrt in Sesamsamen und anderen Lebensmitteln nachgewiesen wurde. Der Stoff gilt als krebserregend und sollte möglichst nicht aufgenommen werden.

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Seit einigen Monaten rufen Überwachungsbehörden vermehrt Lebensmittel wie Sesamsamen, Gewürze, Aufstriche, Eiscremes oder Fertiggerichte zurück, die erhöhte Rückstande an Ethylenoxid enthalten. Im Sommer 2021 wurde es zudem in Produkten gefunden, die mit Ethylenoxid kontaminiertes Johannisbrotkernmehl (E410) aus der Türkei enthielten. Das Verdickungsmittel steckt beispielweise in Eiscremes, Konfitüren und vielen anderen verarbeiteten Lebensmitteln. Ethylenoxid ist in Deutschland seit 1981 und in der EU seit 1991 verboten, da es als krebserregend und erbgutverändernd gilt. Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weisen Tierstudien auch bei seinem Abbauprodukt 2-Chlorethanol auf eine erbgutverändernde Wirkung hin. In einigen Ländern, insbesondere Indien, aber auch in den USA und Kanada, wird das sterilisierend wirkende Gas Ethylenoxid aber immer noch zur Desinfektion eingesetzt, um Gewürze, Nüsse oder Ölsaaten vor einem Befall mit Bakterien und Pilzen zu schützen.

Bislang galt für Sesam und andere Ölsaaten ein Höchstgehalt von 0,05 Milligramm pro Kilogramm (mg/kg). Wird dieser Wert überschritten, der sich aus Ethylenoxid und dessen Abbauprodukt 2-Chlorethanol zusammensetzt, gilt ein Lebensmittel als „nicht verkehrsfähig“ und darf nicht in den Handel gelangen. Trotz des langjährigen Verbots meldete das Europäische Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel (RASFF) im September 2020 hohe Gehalte an Ethylenoxid bei Sesamsamen aus Indien. Da Überwachungsämter Lebensmittel erst seit letztem Jahr vermehrt auf Ethylenoxid untersuchen, besteht das Problem womöglich schon länger. Neben Produkten aus Indien beanstandeten die Behörden auch Ware aus afrikanischen Ländern und China. Die Rückstände überschritten den Höchstgehalt teilweise um das 600-Fache.

Das BfR hat im Juli 2021 zusätzlich eine „Aufnahmemenge geringer Besorgnis“ für Sesam von 0,037 Mikrogramm je Kilogramm Körpergewicht pro Tag benannt. Kinder überschreiten diese Menge bei einer großen Portion Sesam von 23,4 Gramm (etwa 2,5 Esslöffel) bereits bei Einhaltung des Rückstandshöchstgehalts von 0,05 mg/kg. Wird ein längerer Zeitraum bei mittlerem Verzehr betrachtet, gehen die Experten aber weder für Kinder noch für Erwachsene von einer bedenklichen Belastung aus. Dennoch sollten besonders Kinder sich bei sesamreichen Produkten derzeit besser zurückhalten, denn eine Aufnahmemenge ohne Gesundheitsrisiko gibt es nicht. Bioprodukte sind nach den Ergebnissen einer Stichprobe der Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter (CVUA) in Stuttgart aus dem letzten Jahr kaum betroffen. Von 22 untersuchten Sesam-Proben stammten alle fünf beanstandeten Produkte aus konventionellem Anbau; sechs der acht untersuchten Proben aus Bioanbau enthielten lediglich Spuren, die laut der CVUA auch durch Verunreinigungen verursacht sein können.

Verbraucher können sich auf der Website lebensmittelwarnungen.de über von den Behörden zurückgerufene Produkte informieren. Aufgrund der verschärften Kontrollmaßnahmen schätzen Experten, dass das Problem bei sesamhaltigen Produkten bald behoben sein wird. Nun ist es wichtig, auch andere Produkte, insbesondere solche mit Johannisbrotkernmehl, umfassend analytisch zu prüfen.

Literatur: BfR (2021). Gesundheitliche Bewertung von Ethylenoxid-Rückständen in Sesamsamen. Aktualisierte Stellungnahme Nr. 024/2021
Foodwatch (2021). Nach foodwatch-Kritik: Mars ruft belastetes Eis zurück. www.foodwatch.org/de/aktuelle-nachrichten/2021/nach-foodwatch-kritik-mars-ruft-belastetes-eis-zurueck/
Lebensmittelverband (2021). Unerwünschte Stoffe: Ethylenoxid. www.lebensmittelverband.de/de/lebensmittel/sicherheit/unerwuenschte-stoffe-kontaminanten/ethylenoxid
Scherbaum E, Anastassiades M (2021). Lieber „Kemie“ statt Keime? Teil 1: Begasungsmittel Ethylenoxid in Sesam. CVUAS Stuttgart, www.cvuas.de/pub/beitrag.asp?subid=1&Thema_ID=5&ID=3296
www.lebensmittelwarnung.de/bvl-lmw-de/liste/alle/deutschlandweit/10/0

Anne Mehring/UB, UGBforum 5/21

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