Nährstoffe in Pillenform

Gesundheit, Schönheit und Vitalität versprechen die Hersteller von Vitamintabletten und Mineralstoffdragees. Das Angebot auf diesem zweifelhaften Gesundheitsmarkt boomt wie nie zuvor. Das heißt aber noch lange nicht, daß Nahrungsergänzungen tatsächlich notwendig sind.

Dipl. oec. troph. Iris Wölfler-Rockel

Susanne Sommer tut einiges für ihre Gesundheit. Sie ißt viel Obst und Gemüse, raucht nicht und geht regelmäßig Joggen. Damit ihr auch wirklich nichts fehlt, schluckt sie jeden Tag eine Multivitamintablette. Und weil es so gut für die Leistungsfähigkeit sein soll, nimmt sie zusätzlich Carnitin ein. Die Präparate kosten sie etwa vierzig Mark im Monat. Doch für ihre Gesundheit ist Susanne Sommer nichts zu teuer. Ob ihr die Mittel wirklich etwas nützen, ist allerdings fraglich.

Abenteuerliche Wirkungen

Ähnlich wie Susanne Sommer geht es vielen Verbrauchern. Besonders Personen, die sowieso schon gesundheitsbewußt leben, greifen gerne zu einer Extraportion Nährstoffe. Die Angebote in Drogerien, Reformhäusern, Apotheken und zum Teil sogar in Supermärkten verlocken und verunsichern zugleich: Nehme ich wirklich genug Folsäure auf? Brauche ich nicht doch regelmäßig Fischöl für mein Herz? Am häufigsten befinden sich Vitamine und Mineralstoffe in den Tabletten, Kapseln, Trinkampullen oder Granulaten. Aber auch eine Vielzahl anderer, zum Teil recht abenteuerlicher Präparate versprechen Gesundheit und Vitalität: Gelatine, Carnitin, Aminosäuren, Nachtkerzenöl, Fischöl, Kürbiskernöl, Lecithin, Coenzym Q 10, Kieselerde, Ginseng, Hefe, Gelee Royale, Blütenpollen, Algen, Haifischknorpelpulver, getrocknetes Muschelfleisch oder Pilzextrakte. Den Preisen sind keine Grenzen gesetzt. Je umfangreicher und exotischer die Zutatenliste, desto teurer sind die Produkte im allgemeinen.

Warum sind Nahrungsergänzungen so beliebt?

Die meisten Bundesbürger wissen inzwischen gut über gesunde Ernährung Bescheid, an der praktischen Umsetzung scheitert es jedoch. Weil es so bequem ist und um das Gewissen zu beruhigen, greifen viele zu Nährstoffen in Pillenform. Aber auch Menschen, die sich bereits optimal ernähren, nehmen nach der Devise "sicher ist sicher" zusätzlich Nährstoffe ein. Denn angeblich benötigt der Mensch von heute wesentlich mehr Nährstoffe als noch vor wenigen Jahren. Wer nicht vorzeitig altern will, kommt nach Aussagen von Herstellern und einigen Wissenschaftlern nicht mehr ohne zusätzliche Vitamine und Mineralstoffe aus. Der Verbraucher scheint es zu schlucken. Nach einer Markterhebung werden jedes Jahr Nährstoffpräparate im Wert von zwei Milliarden Mark gekauft - Tendenz steigend. Die meist freiverkäuflichen Produkte kommen dem Trend entgegen, sich bei sogenannten Alltagsunpäßlichkeiten selbst zu behandeln. Die Hersteller indes freut es, daß sie einen Markt gefunden haben, auf dem sich gut Geld verdienen läßt. Da die langwierige und teure Zulassungsprozedur im Gegensatz zu Arzneimitteln entfällt, ist ihr Drang, immer neue Nahrungsergänzungen anzubieten, schier unerschöpflich.

Wieviel Nährstoffe brauchen wir?

Vitamine und Mineralstoffe sind lebensnotwendig. Da der Körper sie nicht selbst herstellen kann, müssen sie regelmäßig über die Nahrung zugeführt werden. Einseitige Lebensmittelauswahl, Streß, überhöhter Alkoholkonsum, Rauchen, Krankheiten und vieles mehr können die Versorgung mit den lebenswichtigen Verbindungen gefährden. Bei ungenügender Zufuhr macht der Körper durch andauernde Müdigkeit, Kopf- oder Gliederschmerzen sowie Konzentrationsmangel, schlechte Haut, brüchige Nägel oder Haare auf sich aufmerksam. Nahezu jeder, der einmal genauer in sich hineinhorcht, kann solche oder ähnliche Symptome an sich feststellen. Ob allerdings mangelnde Vitamine oder Mineralstoffe dafür verantwortlich sind, ist ohne gründliche Analysen kaum zu beurteilen. Trotzdem werden häufig wahllos verschiedene Ergänzungsmittel ausprobiert. Nach dem Motto "viel hilft viel" wird lieber eine Pille geschluckt, als sich mit den eigenen Ernährungsgewohnheiten auseinanderzusetzen. Doch gerade dieses Motto gilt für Nährstoffe nicht: Von einigen Stoffen nimmt der Körper nur soviel auf, wie er benötigt. Der Rest wird ungenutzt ausgeschieden. Andere Stoffe wie Vitamin A und D wirken in hohen Dosen toxisch. Vitamin- und Mineralstoffpräparate können daher nur das Wohlbefinden von unzureichend versorgten Personen verbessern. Wer bereits genügend Vitamine und Mineralstoffe aufnimmt, dem bringt eine zusätzliche Zufuhr keinen Nutzen.

Für Gesunde überflüssig

Befürworter von Nahrungsergänzungen sind häufig der Auffassung, daß heutzutage fast jeder mehr oder weniger mangelhaft versorgt ist. Durch Streß, Schadstoffe, UV-Strahlung und Ozon bräuchten die Menschen mehr Nährstoffe als früher. Zudem enthielten Nahrungsmittel immer weniger Nährstoffe, da sie in halbreifem Zustand geerntet, lange transportiert und gelagert sowie falsch zubereitet würden.

Die Mehrzahl der Ernährungswissenschaftler hält Nahrungsergänzungsmittel in den allermeisten Fällen jedoch für unnötig. Nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt es für gesunde Menschen nur zwei Substanzen, die zusätzlich zugeführt werden sollten: Jod - in Form von jodiertem Speisesalz - und Folsäure für Schwangere. Alle anderen Nährstoffe sind in ausreichender Menge in unseren Lebensmitteln enthalten. Vor einer unkontrollierten Einnahme raten Ernährungswissenschaftler auch deshalb ab, weil ein Laie nicht beurteilen kann, welcher Nährstoff dem Körper möglicherweise fehlt. Unwohlsein und Erkrankungen sind nicht unbedingt Zeichen für einen Nährstoffmangel.

Zusammenspiel der Nährstoffe kann gestört werden

Wer ein Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, verspricht sich eine positive Wirkung. Die kann jedoch nur dann eintreten, wenn es im Körper wirklich etwas zu ergänzen gibt. Wo das nicht zutrifft, ist die Einnahme überflüssig. Sie kann unter Umständen sogar zusätzliche Probleme verursachen. Möglich ist das besonders bei Monopräparaten, die nur einen einzigen Nährstoff, meist in hoher Konzentration, enthalten. Da alle Nährstoffe im Körper in enger Wechselwirkung zueinander stehen, kann die überhöhte Zufuhr eines einzelnen Stoffes das empfindliche Gleichgewicht der anderen sehr schnell stören. Eine zu hohe Eisenaufnahme verschlechtert beispielsweise die Verwertung von Zink. Und wer zuviel Calcium schluckt, erhöht das Risiko für Nierensteine. Daher sollten solche Präparate nur nach Rücksprache mit dem Arzt oder einem Ernährungsexperten eingenommen werden. Weniger problematisch sind Nahrungsergänzungsmittel aus Nährstoffkombinationen. Allerdings nur, wenn die Konzentrationen der einzelnen Substanzen gut aufeinander abgestimmt sind. Dies ist bei einigen im Handel angebotenen Präparaten jedoch nicht gewährleistet.

Kein Ersatz für gesunde Kost

Auch wenn niedrig dosierte Nahrungsergänzungsmittel nicht schaden, sollten sie eine Ausnahme bleiben. Der menschliche Organismus ist nach wie vor darauf programmiert, Nahrungsmittel mit ihren vielfältigen Nährstoffkombinationen zu verarbeiten. Etwa 10.000 verschiedene Stoffe aus Lebensmitteln beeinflussen unser Wohlbefinden. Nur ein Teil davon ist bekannt, über ihre gegenseitigen Wechselwirkungen weiß man noch viel weniger. Künstlich erzeugte Präparate können daher niemals ein Ersatz für eine vollwertige Ernährung sein. Im übrigen essen und trinken wir heute sowieso schon vieles, was von der Lebensmittelindustrie künstlich mit Vitaminen bzw. Mineralstoffen angereichert ist. Wer morgens ein Fertigmüsli mit Schokotrunk und mittags einen angereicherten Fruchtquark verzehrt, kann die empfohlene Tagesdosis einiger Vitamine oder Mineralstoffe bereits erheblich überschreiten. Das erweist sich nicht immer als günstig: Im Fall von Eisen vermuten Wissenschaftler mittlerweile, daß eine zu hohe Zufuhr das Risiko für Infektionen und Arteriosklerose erhöht. Und Studien mit Rauchern haben ergeben, daß bei einer erhöhten Beta-Carotin-Aufnahme die Gefahr für Lungenkrebs möglicherweise ansteigt.

Am besten versorgt ist der Körper immer noch mit frischem Gemüse, Obst und Vollkornprodukten, dazu Milch, Joghurt, Quark und ab und zu etwas Fleisch, Fisch und Eier. Wer außerdem wenig Fett bzw. fettreiche Lebensmittel verzehrt, nur in Maßen Alkohol trinkt und nicht raucht, tut seiner Gesundheit mehr Gutes als durch die Einnahme von Nahrungsergänzungen. Eine gesunde Kost schmeckt zudem nicht nur besser als trockene Pillen, sondern ist auch wesentlich preisgünstiger.

LITERATUR:
BINDER, F.; WAHLER, J.: Handbuch der gesunden Ernährung. dtv, München 1993
DGE-INFO: Abgrenzung Nahrungsergänzungsmittel - Arzneimittel. In: Heft 2, S. 19-20, 1997
KUNZE, R.; SCHÖLLMANN, C.: Orthomolekulare Medizin und Immunsystem. Schriftenreihe Orthomolekulare Medizin, Forum Medizin Verlagsgesellschaft, Gräfelfing 1995
N.N.: Melatonin ist kein Nahrungsergänzungsmittel. In: DGE-Info 1, S. 5, 1996
N.N.: Derzeitige Nährstoffanreicherung von Lebensmitteln in Deutschland. In: DGE-Info 2, S. 21-23, 1996
N.N.: Nahrungsergänzungen - Lebensmittel, diätetisches Lebensmittel oder Medikament? In: Gesundheitspolitische Umschau 6, S. 121-122, 1996
N.N.: Angereicherte Lebensmittel In: Test 2, S. 77-80, 1998
STROKA, J.: Nahrungsergänzungen Übersicht - rechtlicher Status - Anwendung. In: AID-Verbraucherdienst 9, S. 212-216, 1997 VERBRAUCHER ZENTRALE NRW (Hrsg.): Gesundheitskost - gesunde Kost? Ein Wegweiser durch Werbung und Wirklichkeit. Düsseldorf 1996

Quelle: Wölfler-Rockel, I.: UGB-Forum 2/98, S. 75-78

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