Abmelden

Der Zugang zu den Fachinformationen exklusiv für Mitglieder und Abonnenten ist jetzt für Sie freigeschaltet.

Folsäure ins Brot?

Schon heute reichert die Lebensmittelindustrie Müslimischungen, Fertigsuppen oder Speisesalz mit Folsäure an. Experten diskutieren, ob das Mangelvitamin künftig auch Mehl und Brot gesetzlich beigemischt werden soll. Die Verbraucherzentralen sehen das kritisch.

Über eine gesetzlich vorgeschriebene Anreicherung von einzelnen Lebensmitteln mit Folsäure wird schon geraume Zeit diskutiert. Ohne Frage ist Folsäure ein wichtiges Vitamin. Es ist unter anderem zuständig für Zellteilung und Blutbildung. Eine Unterversorgung zu Beginn der Schwangerschaft kann schlimme Folgen haben: Das Risiko für die Ausbildung von Neuralrohrdefekten beim Ungeborenen ist bis um das Achtfache erhöht. Zudem gibt es Hinweise, dass Fehlbildungen wie Lippen- und Gaumenspalten, angeborene Herzfehler und die akute lymphoblastische Leukämie des Kindes durch einen Folsäuremangel zu Beginn oder während der Schwangerschaft mitverursacht werden könnten. Möglicherweise kann das Risiko durch bessere Folsäureversorgung reduziert werden.

Versorgungslage in Europa mangelhaft

Folat ist das Hauptmangelvitamin in Deutschland. Empfohlen wird eine tägliche Aufnahme von 400 Mikrogramm (µg) Folat am Tag. Nach Daten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) vom Januar 2005 liegt die durchschnittliche Versorgung der Männer bei knapp 300 µg Folat-Äquivalenten, Frauen erreichen etwa 240 µg. Bei dieser Berechnung - basierend auf Daten von 1998 - wurden aber weder Nahrungsergänzungen noch angereicherte Lebensmittel berücksichtigt. Zudem dürfte die Zufuhr durch den inzwischen weiter angewachsenen Obst- und Gemüseverzehr seitdem gestiegen sein.

Die Vertreter der nationalen Lebensmittelsicherheitsbehörden und -institutionen der EU-Mitgliedsstaaten und Norwegens stimmen darin überein, dass es schwierig ist, die empfohlenen 400 µg Folat über die Nahrung zu erreichen. Um die Versorgung zu verbessern, sieht die EU-Kommission verschiedene Ansätze: Einerseits kann der Verzehr von Lebensmitteln mit einem hohen natürlichen Folatgehalt und die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln gefördert werden. Andererseits ist eine freiwillige oder gesetzlich vorgeschriebene Anreicherung von Lebensmitteln möglich.

Erste Erfahrungenin USA und Kanada

In den USA und Kanada (140 µg Folsäure pro 100 Gramm Mehl), Chile (220 µg) und Ungarn (160 µg) ist eine Supplementierung von Mehl mit Folsäure bereits heute gesetzlich vorgeschrieben. In Irland und Australien diskutieren die Experten derzeit über eine obligatorische Anreicherung von Brot. Nach Einführung der Supplementierung ist in den USA und in einigen mittelamerikanischen Ländern die Anzahl von Neuralrohrdefekten um 20-50 Prozent gesunken. Forschungsarbeiten aus den USA, China, Südafrika und Guatemala legen nahe, dass ein Zusammenhang zwischen dem Verzehr von selbst verarbeitetem Mais und dem gehäuften Auftreten von Neuralrohrdefekten besteht. Verantwortlich wird dafür das von Schimmelpilzen erzeugte Fumonisin gemacht. Das Mykotoxin fungiert quasi als Antivitamin. Auch die plötzliche Häufung von Neuralrohrdefekten in der Stadt Brownsville 1990-1991 ist wahrscheinlich auf eine besonders starke Fumonisinbelastung durch gekaufte Mais-Tortillas zurückzuführen. Bekannt ist, dass durch Fumonisine verursachte Neuralrohrdefekte durch Folat verhindert werden können. Möglicherweise beruht darauf der besonders starke Rückgang von Neuralrohrdefekten bei der in den USA lebenden Latino-Bevölkerung. Denn durch die Folatanreicherung des Mehls sind die Einwanderer besser geschützt, die traditionell selbst verarbeiteten Mais verzehren. In Deutschland besteht dieses Problem nicht. Denn der Gehalt an Fumonisinen wird hierzulande kontrolliert. Zudem ist Mais bei uns nicht gerade ein Hauptnahrungsmittel, sondern wird eher als Tierfutter verwendet. Die Toxine im Futter gehen aber nicht in Fleisch und Milch über.

Gießkannenprinzip für 80 Millionen Menschen?

Die Folsäureanreicherung wird gerne mit der Jodanreicherung verglichen. Im Unterschied zur Jodversorgung, zu der lediglich Seefisch auf natürliche Weise beiträgt, lässt sich die Folatversorgung aber durch mehr Gemüse und Hülsenfrüchte in der täglichen Kost verbessern. Zudem war ein deutlich größerer Anteil der Bevölkerung von echten Jodmangel-Symptomen in Form eines Kropfes betroffen. Mit angeborenen Neuralrohrdefekten werden dagegen in Deutschland nur 470-800 Säuglinge pro Jahr geboren. Hinzu kommen etwa 500 Schwangerschaftsabbrüche aufgrund der Diagnose. Zusammen kann man von etwa 1-1,5 Fällen pro 1000 Schwangerschaften ausgehen. Natürlich ist jeder Neuralrohrdefekt einer zu viel. Aber muss man deswegen 80 Millionen Menschen zwangsweise supplementieren?

Wie viel ist nötig?

Die Zufuhr des Vitamins wird in Folat-Äquivalenten berechnet. Ein Äquivalent entspricht 1 µg Nahrungsfolat bzw. 0,5 µg (synthetischer) Folsäure. Natürliche Quellen für das Vitamin sind vor allem grüne Gemüse, diverse Kohlarten, Erbsen, aber auch Orangen oder Bananen. Die Ernährungsgesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (D.A.CH) empfehlen für Erwachsene 400 µg Folat-Äquivalente pro Tag. Schwangeren und Frauen, die schwanger werden möchten, raten die Ernährungsinstitutionen zu einer zusätzlichen Zufuhr von 400 µg als Supplement.


Als weiteres Argument für eine Folsäureanreicherung wird der mögliche Schutz vor Arteriosklerose und koronarer Herzkrankheit genannt. Bis zu 15.000 Todesfälle durch Herz-Kreislauferkrankungen ließen sich mit einer flächendeckenden Anreicherung vermeiden, rechnen Experten hoch. Denn Folsäure ist am Abbau von Homocystein beteiligt. Tatsächlich bringen verschiedene Studien einen hohen Homocysteinspiegel mit Herz-Kreislauferkrankungen in Zusammenhang. Drei große Studien in den USA, Kanada und Norwegen haben aber gezeigt, dass das Homocystein wohl gar nicht der eigentliche Risikofaktor ist.

Folsäurezusatz steigert die Umsätze

In Deutschland gibt es bereits zahlreiche von der Lebensmittelindustrie freiwillig angereicherte Produkte. Die Hersteller mischen vor allem Frühstückscerealien, Milchprodukten, Multivitamingetränken, Müsliriegeln, Fertigsuppen und Speisesalz synthetische Folsäure bei und werben mit dem Vitaminzusatz. Insgesamt hat die Zahl mit Folsäure angereicherter Produkte in den letzten drei Jahren erheblich zugenommen. Die Berichterstattung über Folsäure als Problemvitamin in den Medien hat die Anreicherung als Verkaufsargument etabliert und zur Popularität der Supplementierung beigetragen.

Beschränkte Anreicherung sinnvoll

Da angereicherte Produkte aber nicht von allen Verbrauchern gleichermaßen konsumiert werden, hält es das Robert-Koch-Institut aufgrund einer Simulationsrechnung für wirkungsvoller, ausgewählte Grundnahrungsmittel wie Mehl oder Brot anzureichern. Das BfR, das ebenfalls an dieser Modellrechnung beteiligt war, bewertet die Mehlanreicherung zur Verbesserung der Versorgungslage der Bevölkerung zwar als gut geeignet, aber nur, wenn die Folatanreicherung für andere Lebensmittel beschränkt wird. Diese sollten dann pro Portion maximal 100 µg Folsäure enthalten. Erfrischungsgetränke und Lebensmittel, deren Verzehr nicht durch einen Sättigungseffekt zu begrenzen ist, sollten dann ebenso wie Salz gar nicht mehr angereichert werden. Diese Einschränkungen sind nach Auffassung des BfR unbedingt nötig, um ein Überschreiten der höchsten tolerierbaren Tagesdosis durch einen Teil der Bevölkerung zu vermeiden. Solche Einschränkungen sind aber im EU-Binnenmarkt derzeit nicht durchsetzbar. Denn Lebensmittel, die in einem EU-Land verkehrsfähig sind, müssen es automatisch auch in allen anderen Ländern sein. Und die Bedenken des BfR sind durchaus realistisch. Bereits heute ist es ohne weiteres möglich, mit wenigen angereicherten Produkten den Upper Level (UL) von einem Milligramm (1000 µg) für synthetische Folsäure zu erreichen. Neben seiner protektiven Wirkung auf den Homocystein-Stoffwechsel kann Folsäure unter Umständen auch schädigende Einflüsse auf die Gefäßwände haben. Aus den USA ist bekannt, dass seit Einführung der Folatanreicherung bei über 60-Jährigen vermehrt Karzinome beobachtet wurden. Und es gibt Menschen mit einem bestimmten Genotypus, bei denen mehr als 440 µg Folat am Tag das Risiko für die Entstehung von Dickdarmkrebs zu erhöhen scheint. Möglicherweise ist der nur empirisch ermittelte Wert für den Upper Level mit 1000 µg pro Tag zu hoch angesetzt. Nicht zuletzt sollten die negativen Erfahrungen mit Supplementierungen der letzten Jahre - sei es mit Betacarotin, ACE, Vitamin E oder Östrogenen - besonders kritisch machen.

Langzeitwirkungen noch unerforscht

Laut BfR gibt es noch viele ungeklärte Fragen und Wissenslücken. Bevor Grundnahrungsmittel mit Folsäure angereichert werden, muss klar sein, wie sich die langfristige Gabe synthetischer Folsäure auswirkt. Bisher gibt es keine systematischen toxikologischen Untersuchungen für synthetische Folsäure. Zu hinterfragen ist auch, ob die gesundheitspolitische Dimension tatsächlich so groß ist, wie derzeit diskutiert wird oder ob da nicht auch wirtschaftliche Interessen von Mühlenbetrieben und Salzherstellern eine Rolle spielen. Sinnvoller wäre es, in der Vorschwangerschaftsberatung gezielter über eine ausreichende Folsäureversorgung aufzuklären. Dass 40-50 Prozent der Schwangerschaften ungeplant sind, macht die Sache nicht einfacher. Eine Untersuchung in Nachbarländern wie England, Irland, Italien, Niederlande und Portugal hat zwar gezeigt, dass die bisherigen Aufklärungsmaßnahmen nicht besonders erfolgreich waren. Aber muss man dann nicht zunächst versuchen, die Aufklärung zu verbessern?

DGE: Folsäure ins Mehl

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) spricht sich in einer am 19.10.2006 veröffentlichten Stellungnahme für eine flächendeckende Folsäureanreicherung von Mehl aus. Die Experten schlagen vor, den so genannten Bäckermehlen (Type 550 und 630) 150 µg Folsäure pro 100 g Mehl zuzusetzen. Pro Tag werde damit eine zusätzliche durchschnittliche Aufnahme von 135 µg bei Männern und 106 µg bei Frauen erreicht. Die damit verbundenen Risiken hält die DGE gegenüber den zu erwartenden gesundheitlichen Vorteilen für vernachlässigbar, obwohl andere Institutionen wie das BfR, die Verbraucherzentralen oder der UGB hier noch Forschungsbedarf sehen.

Kritik am Zusatz für alle

Aufgrund der vielen Unwägbarkeiten sprechen sich die Verbraucherzentralen derzeit gegen eine flächendeckende Anreicherung von Mehl aus. Sie empfehlen bei Kinderwunsch und zumindest im ersten Schwangerschaftsdrittel eine gezielte Folsäuresupplementierung über Nahrungsergänzungspräparate. Gleichzeitig sind die betroffenen Frauen aber auch über die Möglichkeiten der nicht ganz einfachen Deckung mit normalen Lebensmitteln aufzuklären. Denn die Gießener Vollwert-Ernährungs-Studie zeigt, dass die Vollwert-Ernährung mit viel grünem Gemüse und einem hohen Frischkostanteil den Folatstatus auch in der Schwangerschaft verbessern und das Risiko eines Folatmangels reduzieren kann. Aufklärung sollte vor Anreicherung stehen. Eine Änderung dieser Position vermag sich aufgrund überzeugender neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse ergeben. Auf jeden Fall ist hier noch sehr viel mehr Forschung nötig - und zwar unabhängige Forschung, die nicht von Interessensvertretern finanziert ist.

Bedarf natürlich decken

Wer häufig frische, möglichst unerhitzte Gemüse, Obst, Salate und Vollkornprodukte isst, kann seinen Folatbedarf auch ohne angereicherte Lebensmittel decken. Mit einer Portion Spinat (300 g), einer Apfelsine (150 g) und drei Scheiben Vollkornbrot (150 g) kommt man schon auf über 500 µg. Gemüse wie Brokkoli, Spargel und Rosenkohl oder Erbsen, Blattsalate und Tomaten enthalten größere Mengen Folat. Auch Trauben, Kirschen, Erd- und Himbeeren sind gute Lieferanten.


Quelle: Clausen, A.: UGB-FORUM 6/06 S. 296-299

Im PDF-Format herunterladen




Zurück zur Auswahlliste