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Bio-Produkte sind ihren Preis wert

Immer mehr Verbraucher erkennen die Vorzüge ökologisch erzeugter Ware. Die höheren Preise für Bio-Produkte stoßen jedoch häufig auf Unverständnis. Warum sind Lebensmittel aus ökologischem Anbau so teuer? Verdienen sich die Bio-Bauern etwa goldene Nasen?

"Wenn Bio-Produkte bloß nicht so teuer wären ..."

...hört man geplagte Verbraucher oft stöhnen. Den verschiedensten Umfragen zufolge würde die Mehrheit von ihnen Bio-Produkte bevorzugen. Denn im ökologischen Landbau wird umweltfreundlicher produziert, die Produkte enthalten weniger Rückstände, und auch die Tiere werden besser gehalten. Nur der Preis, der ist ein bichen hoch gegriffen, oder? Hierzu eine Gegenthese: Nicht Bio-Produkte sind zu teuer, sondern andere Nahrungsmittel sind im Vergleich dazu zu billig. Tatsache ist, daß die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse und zum Teil auch für verarbeitete Nahrungsmittel im Vergleich zur allgemeinen Preisentwicklung immer weiter sinken. In den letzten 40 Jahren haben die Ausgaben der Privathaushalte für Lebensmittel - gemessen an den Gesamtausgaben - kontinuierlich abgenommen. Während die Verbraucher 1960 noch rund 37 Prozent für die Ernährung ausgeben mußten, sind es heute lediglich 17 Prozent.

Schlechte Chancen für Bio-Produkte: Konventionelles ist zu billig

1. In der Landwirtschaft wird immer rationeller gearbeitet. Gleichzeitig ist in den letzten Jahrzehnten der Energieaufwand und der Verbrauch von Ressourcen wie Wasser oder Erdöl für die Nahrungsmittelerzeugung und -verarbeitung insgesamt und auch je Produkt stark angestiegen. Aufgrund der niedrigen Energiepreise hat sich dies jedoch nicht entsprechend auf die Preise der Nahrungsmittel ausgewirkt. Und die negativen Begleiterscheinungen - wie z. B. der gestiegene Energieverbrauch und die damit verbundenen Umweltbelastungen - werden erst in jüngster Zeit gesehen.

2. Die Intensivierung der Landwirtschaft hat auch zur Folge, da in der konventionellen Tierhaltung, vor allem in der Schweine- und Geflügelhaltung, heute teilweise Verfahren angewandt werden, die zwar ein äuerst rationelles Arbeiten ermöglichen, bei denen aber von einer Achtung des Nutztieres nicht die Rede sein kann.

3. Viele konventionell erzeugte Lebensmittel sind auch deshalb billig, weil die Kosten für Lagerhaltung und Exporterstattung, die in der Europäischen Union (EU) für zahlreiche Produkte aufgewandt werden, nicht in den Preisen berücksichtigt sind, sondern durch Steuergelder finanziert werden. Für die Milch- und Rindfleischpolitik beispielsweise - mit Milchseen, Butterbergen oder Rindfleischexporten nach Afrika - hat die EU in den letzten zehn Jahren rund 240 Milliarden DM ausgegeben, wovon der deutsche Steuerzahler etwa 75 Milliarden zu tragen hatte. Auch die Vernichtung von landwirtschaftlichen Überschüssen kostet Geld. Deutsche Steuerzahler werden dieses Jahr voraussichtlich mehr als 20 Milliarden DM bezahlen müssen, um Produktion, Verwaltung sowie Beseitigung von Überschüssen zu subventionieren. Pro Erwerbstätigen kommt dabei eine jährliche Belastung von 600,- DM zusammen.

4. Nicht zuletzt sind die Preise im Lebensmittelhandel so niedrig, weil billige landwirtschaftliche Erzeugnisse aus der Dritten Welt zu uns kommen, wo die Erzeuger immer weniger für ihre Produkte erhalten. Letztlich wird durch die Exportsubventionierungen der EU, finanziert mit unseren Steuergeldern, der Weltmarktpreis so unter Druck gesetzt, daß bäuerliche Betriebe in den armen Ländern kaum noch wirtschaftlich produzieren können. Altbewährte und neu entwickelte umweltverträgliche Verfahren werden mehr und mehr aufgegeben bzw. nicht in ausreichendem Maße angewandt. Dadurch entstehen hohe soziale und ökologische Folgekosten. Auch die sind in den Preisen für konventionelle Lebensmittel nicht wiederzufinden.

Man kann also sagen, da die niedrigen Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse weder die ökologische noch die soziale Wahrheit sagen. Berücksichtigt man zusätzlich noch die Folgekosten verfehlter Agrar-, Handels- und Umweltpolitik, geben sie auch nicht die ökonomische Wahrheit wieder.

Bio-Produkte müssen teurer sein

Preise resultieren aus Angebot und Nachfrage. Für Nahrungsmittel sollen sie die Erzeugungskosten auf dem Betrieb abzüglich der gezahlten direkten Subventionen und die Verarbeitungskosten abdecken. Tatsache ist, daß konventionell erzeugte Produkte wie Milch, Fleisch, Getreide und unverarbeitetes Gemüse unter den gegebenen ökonomischen Bedingungen billiger zu produzieren sind als die entsprechenden Bio-Produkte. Dies hat verschiedene Gründe, die durch die unterschiedlichen Wirtschaftsweisen bedingt sind. Einige Beispiele:
  • Ökologische Betriebe sind in der Regel vielseitiger organisiert und weniger spezialisiert.
  • Die Einhaltung der Richtlinien des ökologischen Anbaus bringt zahlreiche Mehraufwendungen mit sich, wie z. B. höhere Saatgutkosten, beschränkter Futterzukauf etc.
  • Der Arbeitsaufwand und damit der Einsatz von Arbeitskräften ist im ökologischen Landbau höher.
  • Zahlreiche ertragssteigernde, aber umweltgefährdende Betriebsmittel werden im ökologischen Landbau nicht eingesetzt, weshalb die Erträge vergleichsweise niedrig sind.
  • Die Umstellung eines Betriebes verursacht in vielen Fällen Kosten, die durch die gegenwärtige Umstellungsförderungen nicht gedeckt werden.
  • Bei der Verarbeitung von ökologischen Produkten entstehen höhere Kosten in erster Linie durch die geringeren Produktionsmengen.

Durch das regional sehr unterschiedliche Angebot an Bio-Ware entstehen durchaus auch unökologische Effekte, wie z. B. die weitaus höheren Abholkosten für Milch bei einer ökologischen Molkerei gegenüber einer konventionellen. Zusätzlich werden gerade in der ökologischen Nahrungsmittelverarbeitung oft handwerklich aufwendigere, vor allem personal-intensivere und damit teurere Verfahren angewandt. Dies ist nötig, um qualitativ hochwertige Lebensmittel entsprechend den Verarbeitungsrichtlinien herstellen zu können. Qualität geht hier vor Quantität. Nur wenn ein Bio-Bauer seine geringeren und arbeitsaufwendigeren Erträge zu höheren Preisen verkauft, kann er ungefähr soviel einnehmen wie sein Kollege, der konventionelle Landwirtschaft betreibt .

Auch direkte Subventionen beeinflussen sowohl in der konventionellen als auch in der ökologischen Landwirtschaft die Preise, zu denen ein Betrieb seine Produkte anbieten kann. Selbst nach den Berechnungen der Bundesregierung stammen mittlerweile 46 Prozent der deutschen Agrareinkommen im Westen der Republik aus Subventionen. Da die direkten Subventionen in verschiedenen Regionen unterschiedlich hoch sind, auf der anderen Seite die natürlichen und strukturellen Voraussetzungen für die Erzeugung von Nahrungsmitteln ebenfalls von Region zu Region schwanken, ist eine objektive Bewertung schwierig. Nur soviel sei gesagt: Ökologischer Landbau ist von seiner Zielsetzung und seiner Methode her in jeder Beziehung an den Standort gebunden, auch in der Vermarktung.

Bio-Produkte: Dennoch bezahlbar

Weil Bio-Produkte im Laden teurer sind, heißt dies noch lange nicht, dass man insgesamt mehr Geld für Nahrungsmittel ausgibt, wenn man sich von ökologisch erzeugten Produkten ernährt. Wieviel jemand für sein Essen ausgibt, hängt vielmehr von seinem Ernährungs- und Einkaufsverhalten ab: Wer sich vollwertig ernährt, das heißt, in erster Linie auf frische, unverarbeitete Ware zurückgreift, spart beim Einkaufen viel Geld für teure Fertigprodukte. Eine Studie der Universität Hohenheim bestätigt, dass Haushalte, die mehr als die Hälfte ihrer Lebensmittelausgaben für Bio-Produkte aufwenden, andere Eßgewohnheiten haben. Sie kaufen z. B. wesentlich weniger Fleisch und Fleischwaren sowie alkoholische Getränke ein. Weiterhin hängen die Ausgaben für den Haushalt davon ab, wo die Produkte bezogen werden. Kauft man direkt beim Bio-Bauern, so können Erzeuger und Verbraucher sich auf Preise verständigen, die sich kaum von Preisen im konventionellen Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt unterscheiden. Denn der zusätzliche Aufwand für Zwischenhandel, Verarbeitung, Verpackung usw. entfällt. Kostenbewußten Verbrauchern kann daher nur geraten werden, möglichst "nah am Erzeuger" einzukaufen.

Auch in Städten haben sich für Bio-Produkte direkte Vermarktungssysteme wie z. B. Gemüseabokisten bewährt. Etwas höhere Preise für Grundnahrungsmittel wie Milch, Brot und Gemüse aus ökologischer Erzeugung, die in der Stadt gekauft werden, wirken sich außerdem oft weniger auf das gesamte Haushaltsbudget aus, als man zunächst meint. Richtig an den Geldbeutel geht auch ökologische Ware erst, wenn sie durch viele Hände fließt, bevor der Verbraucher sie kauft. Auch wenn sie einer starken Verarbeitung unterzogen und in Form von Bio-Burgern, Fertigsuppen oder Öko-Schokolade aus dem Naturkosthandel angeboten wird, was an und für sich nicht im Sinne des organisch-biologischen Landbaus ist, wird es teurer.

Sinkende Preise?

Da die Umstellung eines Betriebes staatlich unterstützt wird, produzieren immer mehr Bauern in Ost und West nach Öko-Richtlinien. Die in der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (AGÖL) organisierten Verbände machen allerdings nur 1 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche aus. Das Angebot an ökologisch erzeugter Ware steigt also. Wohin mit den Produkten? Neue Absatz- und Vermarktungswege müssen gefunden und neue Kunden geworben werden. Es muß darüber nachgedacht werden, wie man z. B. Bio-Lebensmittel auch im Supermarkt verkaufen kann, ohne daß die Glaubwürdigkeit der Produkte leidet und ohne daß der Naturkost-Fachhandel überflüssig wird. Wenn das höhere Angebot an ökologischen Erzeugnissen auch an den Verbraucher gebracht werden kann, werden auch die Endverkaufspreise durch dann mögliche Rationalisierungseffekte sinken. Allerdings wird ökologisch erzeugte Ware nie so günstig sein wie konventionelle, so lange deren Preise nicht die Situation ihrer Erzeugung widerspiegeln.

Bio-Produkte: So wird´s preiswerter

Werden Bio-Produkte direkt vermarktet, sind sie meist günstiger als im Laden. Kaufen Sie Ihre Lebensmittel z. B.: direkt auf dem Bauernhof ein.
auf dem Wochenmarkt, Öko- oder Bauernmärkten.
bei Food-Coops, das sind Lebensmitteleinkaufsgemeinschaften von Verbrauchern, die direkt beim Bauern oder beim Naturkostgroßhandel ihre Waren bestellen und die Produkte am Lieferort untereinander verteilen. Der günstige Einkauf erfordert allerdings persönliches Engagement.
als Abo-Kisten, d. h. der Bio-Bauer liefert Obst und Gemüse der jeweiligen Saison zu festen Preisen.
bei einem Bio-Mobil, es liefert die Lebensmittel direkt in das Wohnumfeld.
von Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften, das sind Zusammenschlüsse von Bauern und Verbrauchern zu einem Verein oder einer Genossenschaft, die gemeinsam Verkaufsläden und Marktstände eröffnen können.

Entscheidend aus Verbrauchersicht und vor allem aus Sicht des ökologischen Landbaus ist bei einer Marktausweitung, dass die Richtlinien und Ziele nicht verwässert werden. Derartige Tendenzen sind teilweise festzustellen. Aufgrund der groen Nachfrage wäre das jedoch auch hinsichtlich der Preispolitik der falsche Weg. Wenn ein Preis für den Erzeuger verfällt, führt das zur Unrentabilität in zahlreichen ökologischen Betrieben. Derzeit findet so ein Preisverfall z. B. bei Milch - einem ökologischen Schlüsselprodukt - statt, wenn sie an Biomolkereien ausgeliefert wird. Die Frage heißt dann: Aufgabe der Milcherzeugung oder Ab-Hof-Vermarktung bzw. -Verarbeitung. Für viele Betriebe bleibt nur ersteres, was dem Sinn des kreislauforientierten ökologischen Landbaus eigentlich nicht entspricht.

Noch zahlen die Verbraucher von Bio-Produkten doppelt

Sie bezahlen durch ihre Steuergelder die Folgekosten verfehlter Politik wie die Beseitigung der Umweltschäden, Flächenstillegungsprämien, soziale und ökologische Folgekosten usw. Und sie müssen auch noch mehr Geld für ihre Lebensmittel ausgeben als die Verbraucher konventioneller Nahrungsmittel, obwohl sie sich volkswirtschaftlich sinnvoll verhalten. Genau wie bei allen anderen Produkten mu daher gefordert werden, da auch in Nahrungsmittelpreise alle wirklich entstehenden Vorleistungs- und Folgekosten miteinbezogen werden. In den Preisen für Lebensmittel müssen die Kosten berücksichtigt werden für

  • die Entfernung von landwirtschaftlich bedingten Rückständen aus dem Grundwasser,
  • die Erhaltung und Weitergestaltung der Kulturlandschaft (z. B. Heckenanlage und -pflege, gröere Vielfalt in Feld und Wiese, Schaffung von sinnvollen Arbeitsplätzen auf dem Land) und
  • die Folgen umweltzerstörender und ressourcenverbrauchender Nahrungsmittelerzeugung und -verarbeitung. Dies wäre z. B. durch die Besteuerung von umweltschädlichen Produktionsmitteln zu erreichen.
  • Die Preise müssen außerdem sicherstellen, daß Bauern und Verarbeiter für eine umweltgerechtere Landwirtschaft und Verarbeitung gerecht bezahlt werden.

Quelle: Schumacher, U.: UGB-Forum 3/95, S. 134-136

Dieser Beitrag ist dem UGB-Archiv entnommen.

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