Öko-Lebensmittel haben durch die aktuellen Lebensmittelskandale wie BSE und MKS enormen Aufwind bekommen. Viele Verbraucher kehren der Biobranche jedoch schnell wieder den Rücken, weil ihnen die Preise zu hoch erscheinen. Doch Bio-Produkte sind nicht zu teuer, sondern konventionelle Lebensmittel zu billig.

Noch nie haben Bundesbürger so wenig für Lebensmittel bezahlt wie heute: Seit 1962 haben sich die Ausgaben für Essen gegenüber 1998 von 37 auf 14 % des Haushaltsbudgets mehr als halbiert. Der Anteil für den privaten Verbrauch ist ebenso wie das durchschnittliche Einkommen in den letzten 40 Jahren auf das Sechsfache (nicht inflationsbereinigt) gestiegen. Dagegen erhöhten sich die Ausgaben für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren lediglich auf das Doppelte. Seit 1960 sind manche Lebensmittel wie Butter, Kaffee und Zucker kaum teurer geworden, andere Lebensmittel kosten (nur) zweimal so viel. Umgekehrt ist in diesem Zeitraum die reale Kaufkraft stark angestiegen. So brauchen wir für Lebensmittel heute nur noch einen Bruchteil der früheren Arbeitszeit zu investieren.
Konventionelle Lebensmittel sind vor allem deshalb so billig, weil sie die ökologischen und sozialen Folgekosten ihrer Herstellung, Verarbeitung und Vermarktung nicht enthalten. Durch das "Bauernhofsterben" müssen z. B. arbeitslose Landwirte unterstützt werden. Die konventionelle Produktion belastet zudem Wasser, Boden und Luft mit Schadstoffen, führt zu Erosion und Verdichtung der Böden, begünstigt Artenschwund bei Pflanzen und Tieren und verschlingt Energie und Rohstoffe. Die Beseitigung der Umweltschäden muss ebenfalls die Gemeinschaft finanzieren. Hinzu kommen potenzielle Gesundheitsgefahren für die Verbraucher, das heißt eine mögliche Schadstoffbelastung der Lebensmittel beispielsweise mit Pestiziden, Nitraten und Tierarzneimitteln.
Manche Probleme wie Bodenerosion und Artenschwund werden weitgehend auf künftige Generationen übertragen. Wenn es nach dem Verursacherprinzip einen Preisaufschlag für die Folgekosten gäbe, wären die konventionellen Erzeugnisse heute schon teurer als Lebensmittel aus ökologischer Produktionsweise.
In der ökologischen Landwirtschaft wird dagegen das Denken und Handeln in Stoffkreisläufen groß geschrieben. So baut der Bio-Bauer neben Lebensmitteln auch das Futter für das Vieh an und verwendet den Mist als Pflanzendünger. Zahlreiche Untersuchungen bestätigen, dass ökologische Landwirtschaft die Umwelt eindeutig weniger belastet: Der Energieverbrauch liegt nur bei einem Drittel der konventionellen Landwirtschaft, vor allem, weil keine energieaufwändigen synthetischen Dünge- und Pflanzenbehandlungsmittel nötig sind. Das trägt zu einem geringeren Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase bei, die für die Erwärmung der Erdatmosphäre verantwortlich sind. Auf Grund der extensiven Viehhaltung wird zudem weniger Methan und Ammoniak frei gesetzt. Weitere Vorteile: weniger Bodenerosion, geringere bzw. keine Pestizidbelastung und eine deutlich niedrigere Nitratbelastung der Böden sowie des Oberflächen- und Grundwassers und damit auch der Lebensmittel.
Neben den ökologischen Vorteilen ist die Bio-Landwirtschaft auch sozialverträglicher. Insbesondere in der hofeigenen Weiterverarbeitung und Direktvermarktung der geernteten Lebensmittel werden neue Arbeitsplätze geschaffen. Zusätzlich bieten Öko-Lebensmittel gesundheitliche Vorteile, da sie weniger Rückstände an Agrochemikalien enthalten. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten; dennoch ist für viele Menschen gerade der hohe Genussaspekt ein wesentliches Argument für den Kauf von Erzeugnissen aus ökologischer Landwirtschaft.
Verbraucherbefragungen zeigen, dass die höheren Preise der Öko-Lebensmittel für viele eine Kaufbarriere sind. In verschiedenen Umfragen geben Verbraucher an, dass sie einen Mehrpreis bis zu 30 % akzeptieren würden - tatsächlich liegen ökologische Erzeugnisse jedoch mit durchschnittlich mehr als 50 % deutlich darüber. Während der Preisunterschied beim ohnehin teuren Kalbfleisch nur sehr gering ausfällt (19 %), ist er bei dem billigen Grundnahrungsmittel Kartoffel mit 116 % am höchsten.
Weiterhin beklagen die Kunden, dass Bio-Lebensmittel nicht dort angeboten werden, wo sie sie gerne kaufen würden, z. B. in ihren gewohnten Geschäften. Einige potenzielle Käufer sind auch durch zu viele Labels und Marken verwirrt. Zweifel an der Echtheit von Öko-Produkten sind ein bedeutsamer Hemmfaktor für ihren Kauf. Dabei gibt es seit Jahren ein flächendeckendes und effektives Kontrollsystem. Hierzu gehören die Richtlinien der anerkannten Anbauverbände und der Handelsorganisationen (eigene Warenzeichen), das Öko-Prüfzeichen und die EU-Öko-Verordnung. Das neue Zeichen des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft kommt hinzu Die umfangreichen Kontrollen kosten Geld und belasten zusammen mit den Mitgliedsbeiträgen der Anbauverbände und den Lizenzgebühren zur Vermarktung zusätzlich das Budget der Öko-Landwirte. Auch deshalb sind Bio-Produkte teurer, denn dieser Anteil muss über den Verkauf der Lebensmittel aufgebracht werden.
Die Bundesregierung hat das Ziel, die ökologisch bewirtschafteten Flächen in den nächsten 10 Jahren auf 20 % der Gesamtfläche auszuweiten. Dazu sind jedoch die Rahmenbedingungen für den Öko-Landbau weiter zu verbessern. Denn trotz der politischen Willenserklärung gibt es für Betriebe, die auf Öko-Landbau umstellen wollen, zurzeit nur relativ geringe finanzielle Hilfen. Dagegen fördern die Agrarausgleichszahlungen noch immer eine Intensivierung der Landwirtschaft, besonders in konventionellen Großbetrieben. Für den Öko-Landbau geben die EU-, Bundes- und Landesprogramme zusammen deutlich weniger als 1 % des deutschen Beitrags an den Ausgleichszahlungen aus. Die ökologischen Zusatzleistungen wie Schutz der Landschaft, der Artenvielfalt und des Trinkwassers werden bis jetzt nicht angemessen honoriert.
Auch das Öko-Institut in Freiburg stellte Berechnungen hierzu an: Wenn zehn Grundnahrungsmittel, das heißt Milch, Butter, Eier, Kartoffeln, Weizenmehl, Reis, Teigwaren, Brot, Kaffee und Bananen, statt in konventioneller in ökologischer Qualität gekauft werden, erhöhen sich die Ausgaben eines durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalts nur um 80,- DM pro Monat. Annähernd gleich waren die Ausgaben, wenn die Haushalte ein Drittel weniger Fleisch, Fleischwaren, Zucker, Süßwaren und Marmelade einkauften.
Die Entscheidung, mehr Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft zu verwenden, ist also weniger eine Frage des Einkommens als viel mehr der Einstellung. Jeder hat es selbst in der Hand, Prioritäten für seinen Lebensstil zu setzen. Wer vermehrt Bio-Lebensmittel kauft, weiß die eigene Gesundheit, die Umwelt und die sozialen Aspekte des Ernährungssystems wertzuschätzen.
Quelle: von Koerber, K.; Kretschmer, J.: UGB-Forum 5/01, S. 262-265| Zum Ausdrucken und/oder Abspeichern können Sie sich den Artikel hier auch herunterladen: Um das PDF aufzurufen, benötigen
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