Mit unserer Ernährungsweise lösen wir - bewußt oder unbewußt - gesundheitliche, ökologische, ökonomische und soziale Wirkungen aus. Durch gezieltes Einkaufen und vollwertige Ernährung können wir eine nachhaltige Ernährung fördern.
Der Begriff der "Nachhaltigen Entwicklung" ist seit dem Umweltgipfel von Rio 1992 in aller Munde. Nach einer Studie von BUND und Misereor ist darunter eine Entwicklung zu verstehen, "in der die Bedürfnisse heutiger Generationen befriedigt werden sollen, ohne die Bedürfnisse kommender Generationen zu gefährden". Um die Nachhaltigkeit zu bewerten, müssen ökologische, ökonomische und soziale Dimensionen berücksichtigt werden. Für einen nachhaltigen Ernährungsstil bietet es sich an, auch die gesundheitlichen Auswirkungen einzubeziehen, da eine Kostform nur zukunftsfähig sein kann, wenn sie den Menschen ein hohes Maß an Gesundheit und Lebensqualität ermöglicht.
Die Industrienationen tragen zu einem weitaus größeren Teil zur Umweltbelastung bei als die Entwicklungsländer. Erzeugung, Verarbeitung, Transport und Zubereitung unserer Lebensmittel verschlingen etwa 20 Prozent der in Deutschland genutzten Primärenergie, die vor allem aus fossilen Brennstoffen wie Erdöl, Erdgas und Steinkohle gewonnen wird. Etwa vier Fünftel davon werden für die Nahrungsmittelerzeugung, -verarbeitung und -vermarktung verwendet. Das restliche Fünftel verbrauchen die Haushalte für die Nahrungszubereitung. Die Ernährung ist deshalb erheblich am Ausstoß klimabelastender Treibhausgase beteiligt. Die Hälfte dieser Emissionen entstehen in der Landwirtschaft - allein 85 Prozent davon werden bei der Produktion tierischer Nahrungsmittel freigesetzt, besonders bei der Erzeugung von Rindfleisch und Milchprodukten. Ferner tragen Transporte von Lebensmitteln einschließlich der Einkaufsfahrten privater Haushalte mit etwa 9 Prozent zum Ausstoß von Treibhausgasen im Ernährungssystem bei.
Von den weltweit hin und her transportierten Stoffen wie pflanzliche und tierische Rohstoffe oder fossile Energieträger werden allein 20 Prozent für die Ernährung verwendet. Vor allem Fleisch und Fleischerzeugnisse tragen wegen der großen Futtermittelmengen, die ihre Erzeugung verschlingt, den größten "ökologischen Rucksack". Für ein Kilogramm Fleisch ist ein Materialeinsatz von 17 Kilogramm erforderlich. Zucker sowie pflanzliche Öle und Fette stehen mit 13 bzw. 12 Kilogramm ebenfalls ganz weit oben auf der Liste rohstoffverzehrender Lebensmittel. Am günstigsten schneiden Obst und Gemüse (1,4 kg) sowie Getreide, Kartoffeln und Hülsenfrüchte (2-4 kg) ab, vorausgesetzt sie werden nicht im Treibhaus angebaut und nicht weit transportiert. Ein weiteres ökologisches Problem ist die Verpackung. Mehr als ein Viertel des Hausmüllgewichts besteht aus Lebensmittelverpackungen. Pro Person fallen im Jahr etwa 100 Kilogramm an Verpackungsmüll an.
Obwohl genügend Lebensmittel zur Deckung des Nahrungsbedarfs der gesamten Weltbevölkerung zur Verfügung stehen, leiden rund 840 Millionen Menschen an Hunger, Unterernährung und deren Folgen. Ein nicht unwesentlicher Teil unserer Ernährung basiert auf Agrarimporten aus Entwicklungsländern wie Futtermittel, Kaffee, Südfrüchte, Kakao oder Tee. Für diese Ausfuhrerzeugnisse werden in den armen Ländern die besten Böden und die meiste Arbeitszeit verwendet, weil die Landwirte hierfür höhere Preise erzielen als für Produkte, die für den Bedarf der eigenen Bevölkerung benötigt werden.
Besonders kritisiert werden die Importe billiger Futtermittel. Weltweit werden 38 Prozent der gesamten Getreideernte in der Tierproduktion verfüttert. Um eine Kilokalorie aus tierischen Lebensmitteln zu erzeugen, werden durchschnittlich sieben Kilokalorien aus pflanzlichen Futtermitteln gebraucht. Dabei gehen 65-90 Prozent der Nahrungsenergie aus den Futterpflanzen als sogenannte Veredelungsverluste verloren. Nach Expertenangaben könnte der Hunger in der ganzen Welt ausgerottet werden, wenn in den reichen Ländern der Fleischkonsum um nur 10 Prozent gesenkt würde.
Infolge der schlechten wirtschaftlichen Situation in Entwicklungsländern ist ein großer Teil der Landbevölkerung in die Städte geflüchtet. Viele haben ihre Selbstversorgerwirtschaft aufgegeben, weil aus Industriestaaten importierte, hoch subventionierte Lebensmittel billiger sind als solche aus einheimischer Produktion. In den schnell wachsenden Städten weiten sich die Elendsviertel aus, wodurch sich die Hygiene- und Ernährungssituation zunehmend verschlechtert. Auch in Europa zeigt der Welthandel seine Auswirkungen durch das fortschreitende Bauernhofsterben. Allein in Deutschland verschwanden in den letzten 50 Jahren über eine Million der ursprünglich 1,65 Millionen landwirtschaftlichen Betriebe. Durch Umstellung der Produktionsweise auf ökologische Landwirtschaft und die damit verbundenen höheren Verkaufserlöse konnten manche Landwirte in Europa ihre Existenz sichern.
Um Entwicklungsländern gerechte Erzeugerpreise und langfristige Abnahmeverträge zu sichern, entstand der faire Handel beispielsweise mit Kaffee, Tee oder Kakao. Der faire Handel und die ökologische Landwirtschaft können sich allerdings nur behaupten, wenn diese teureren Produkte auch gekauft werden. Jeder Kauf von ökologisch erzeugten und fair gehandelten Lebensmitteln ist zugleich eine sozialpolitische Handlung, die zu einer sozial nachhaltigen Entwicklung beiträgt.
Die heutige Gesundheitssituation - bzw. treffender Krankheitssituation - ist in Deutschland und anderen Industrieländern alarmierend, obwohl die Chancen für ein langes und gesundes Leben noch nie so gut waren wie heute. Die ernährungsabhängigen Krankheiten sind in den reichen Industrieländern bekanntlich stark verbreitet. So stieg der Anteil von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krankheiten der Verdauungsorgane und Diabetes mellitus an allen Todesfällen in Deutschland von 16 Prozent im Jahre 1925 auf 56 Prozent im Jahre 1995. Fehlernährung und ihre Folgekrankheiten verursachen in Deutschland Kosten von über 100 Milliarden Mark pro Jahr, bei Gesamtausgaben im Gesundheitswesen von etwa 276 Milliarden Mark. Als Ursachen der ernährungsabhängigen Krankheiten gelten die allseits bekannten Attribute: zu viel, zu fett, zu süß und zu salzig. Hinzu kommt ein Zuwenig an manchen Inhaltsstoffen, wie bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen sowie Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen.
Hieraus lassen sich zwei Kardinalfehler ableiten: Die Deutschen essen durchschnittlich zu viele tierische Lebensmittel, besonders Fleisch, Wurst und Eier und zu viele stark verarbeitete bzw. konzentrierte Produkte, wie Erzeugnisse aus Auszugsmehl, Süßigkeiten, Konserven, Fertigprodukte usw.
Aus den dargestellten ökologischen, ökonomischen, sozialen und gesundheitlichen Aspekten lassen sich sieben Grundsätze für einen zukunftsfähigen Ernährungsstil ableiten:
Wer den Anteil tierischer Lebensmittel, besonders von Fleisch, reduziert, kann am meisten für die Umwelt tun: Mit einem deutlich geringeren Fleischverzehr ließe sich der Ausstoß an CO2-Äquivalenten schätzungsweise um 100 Mio. Tonnen pro Jahr vermindern. Das entspricht knapp 40 Prozent der gesamten Treibhausgas-Emissionen des Ernährungssystems. Bei einer Ernährung mit überwiegend pflanzlichen Erzeugnissen und Milchprodukten sind die Veredelungsverluste weitgehend eingeschränkt. Diese treten auf, wenn pflanzliche Lebensmittel an Tiere verfüttert werden, die auch von Menschen verzehrt werden könnten. Dagegen stellt eine naturnahe, extensive Rinder- und Schafhaltung auf Grünflächen keine Nahrungskonkurrenz für den Menschen dar. Da bei geringerem Verzehr tierischer Lebensmittel weniger Futterpflanzen mittels Intensiv-landwirtschaft erzeugt werden müssen, sinkt der Eintrag von Nitraten und Pestiziden in die Umwelt. Wer pflanzliche Lebensmittel bevorzugt, trägt auch zu einer gerechteren Verteilung der weltweiten Nahrungsressourcen bei, weil dann die Futtermittelimporte aus Entwicklungsländern für die Produktion von Fleisch entfallen können. Auch aus gesundheitlicher Sicht ist es empfehlenswert, weniger tierische Lebensmittel zu essen, insbesondere Fleisch, Wurst und Eier. Durch einen größeren Anteil pflanzlicher Nahrung sinkt der Fettanteil der Kost und die Zufuhr komplexer Kohlenhydrate steigt. Auch gesundheitsfördernde Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe finden sich ausschließlich in pflanzlichen Lebensmitteln. Studien mit Vegetariern zeigen, daß diese eine gute Nährstoffversorgung sowie einen besseren Gesundheitszustand haben.
Lebensmittel aus ökologischem Landbau belasten die Umwelt weniger als konventionelle Erzeugnisse. Bei ihrer Produktion werden zwei Drittel weniger Energie verbraucht; der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase ist geringer, und es werden weniger Rohstoffe benötigt. Zudem fördert der Öko-Landbau natürliche Kreisläufe und verzichtet auf umstrittene Technologien wie Gentechnik und Bestrahlung. Weil der ökologische Landbau den Erzeugern infolge höherer Erlöse eine bessere Existenzsicherung ermöglicht, sind auch sozialverträgliche Aspekte stärker berücksichtigt. Schließlich sprechen für ökologisch erzeugte Lebensmittel auch gesundheitliche Vorteile wie geringere Rückstände und vielfach ein intensiverer Geschmack.
Lebensmittel, die regional erzeugt und verarbeitet werden, sorgen für einen verminderten Energie- und Rohstoffverbrauch. Kürzere Transportwege senken sowohl die Schadstoffemissionen als auch die Transitkosten. Da die Erzeugnisse keine langen Transporte überstehen müssen, können sie ausgereift geerntet werden und sind daher in der Regel schmackhafter und reicher an essentiellen und gesundheitsfördernden Substanzen. Ebenso lassen sich durch einen saisongerechten Anbau, das heißt beispielsweise ohne beheizte Treibhäuser im Winter, Energie und CO2-Emissionen einsparen. Ferner enthalten Freilanderzeugnisse durchschnittlich weniger Rückstände, z. B. an Nitrat und Pestiziden.
Durch weniger intensive Verarbeitungsverfahren wird der Primär-energieverbrauch und damit der Schadstoffausstoß gesenkt. Gering verarbeitete, das heißt möglichst naturbelassene Lebensmittel enthalten zudem in der Regel mehr essentielle Inhaltsstoffe und gesundheitsfördernde Substanzen. Denn bei den meisten Verfahren der Lebensmittelverarbeitung, z. B. bei Erhitzungsprozessen oder der Herstellung von Auszugsmehlen, werden wertvolle Inhaltsstoffe vermindert oder abgetrennt. Die Bevorzugung gering bzw. mäßig verarbeiteter Lebensmittel bedeutet nicht, daß alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse roh gegessen werden sollten. Erhitzte Lebensmittel sind als "mäßig verarbeitet" einzuordnen und sollten etwa die Hälfte unserer Nahrung ausmachen.
Die Verpackungen von Lebensmitteln tragen erheblich zu unseren wachsenden Müllbergen bei. Durch den Einkauf von Lebensmitteln, die gar nicht bzw. umweltverträglich verpackt sind, lassen sich die Abfallmengen erheblich reduzieren. Dadurch vermindern sich zudem der Rohstoff- und Energieverbrauch sowie die Emissionen.
Um dem Ziel der Chancengleichheit für alle Menschen auf der Erde näherzukommen, ist eine sozialverträgliche Nahrungsversorgung unverzichtbar. Dazu gehören angemessene, faire Lebensmittelpreise für Erzeuger, Verarbeiter und Händler, um deren Existenz zu sichern. Gegenüber den Entwicklungsländern sollten die Kriterien des fairen Handels erfüllt sein.
Bei aller Verantwortung gegenüber der Umwelt und der eigenen Gesundheit sowie der Solidarität mit anderen Menschen sollte der Genuß beim Essen keinesfalls zu kurz kommen. Spaß und Lebensfreude sind bei der Ernährung unverzichtbar. Sie stehen nicht im Widerspruch zu den ökologischen, ökonomischen, sozialen und gesundheitlichen Erfordernissen. Durch bisher nicht verwendete Gemüse- und Getreidearten, Hülsenfrüchte, Gewürze und Kräuter gibt es sogar neue Geschmackserlebnisse zu entdecken.
Für genußvolle "Ausnahmen" hat sich ein Motto von Prof. Claus Leitzmann bewährt: "Es ist nicht so wichtig, was Sie zwischen Weihnachten und Neujahr essen, aber es ist wichtig, was Sie zwischen Neujahr und Weihnachten essen."
Langsamer!
Zur Zeit findet eine Beschleunigung und Entrhythmisierung der Lebens- und Arbeitswelt statt, mit zunehmender Hektik und Zeitverdichtung. Ressourcen wie Wasser oder Energie werden schneller verbraucht, als sie sich wieder regenerieren können. Auch unsere Ernährungsweise beschleunigt sich, wie der Trend zu Fast Food und Convenience-Produkten zeigt. Natürliche Rhythmen verschwinden, was beispielsweise am ganzjährigen Angebot fast aller Gemüse- und Obstsorten deutlich wird.
Fazit: Entschleunigung, Entwicklung einer neuen Zeitkultur.
Näher!
Die Deutschen essen mehr ausländisches Gemüse und Obst als heimische Ware. Die Transporte kosten ökonomisch nicht das, was sie ökologisch und sozial an Kosten verursachen. Ein sozialer Vorteil der Regionalisierung ist, daß die Nähe zwischen Erzeuger und Verbraucher Raum für Sensibilität und Verantwortung schafft.
Fazit: Entglobalisierung, Wiederentdeckung der Nähe.
Weniger!
Die fragwürdige Vielfalt an Lebensmitteln nimmt ständig zu. Der enorme Verzehr an Nahrungsmitteln führt zu Übergewicht und seinen Folgeerscheinungen. Eine psychologische Folge kann ein "Überdruß am Überfluß" sein; ein quantitatives Weniger kann ein qualitatives Mehr bedeuten, sowohl aus ökologischer als auch aus ethischer Sicht.
Fazit: Entrümpelung, Entdeckung der Eleganz der Einfachheit.
Schöner!
Der Wohlstand hat auch eine ästhetische und sinnliche Dimension. Wässrig schmeckendes Obst und Gemüse, maschinengerechte Felder der industriellen Landwirtschaft und die Monokulturen im Städtebau regen kaum unsere Sinne an. Weitaus ästhetischer empfinden wir dagegen die durch bäuerliche, weitgehend umweltverträgliche Landwirtschaft erzeugten Lebensmittel und Kulturlandschaften. Schönheit ist eine Art Nahrung, ohne die wir auf Dauer emotional unterernährt bleiben.
Fazit: Enthässlichung, Entwicklung von Ästhetik als knappe Ressource.
LITERATUR:
BUND & MISEREOR (HRSG.): Zukunftsfähiges Deutschland - ein Beitrag zu einer global nachhaltigen Entwicklung. 4. Aufl., Birkhäuser Verlag, Berlin 1997
KOERBER, K. v.; MÄNNLE, T.; LEITZMANN, C.: Vollwert-Ernährung - Konzeption einer zeitgemäßen Ernährungsweise. 9. Aufl., Haug Verlag, Heidelberg 1999
Onlineversion von: von Koerber, K.; Kretschmer, J.: UGB-Forum 4/99, S. 224-227
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