Algen sind außerordentlich nährstoffreich und übertreffen in punkto Vitamin- und Mineral- stoffgehalt viele pflanzliche Landbewohner. Ist es sinnvoll, die Wasserpflanzen verstärkt als Lebensmittel auf den Tisch zu bringen?
Vom Gartenteich bis zum Ozean, vom Schneefeld bis zur Baumrinde - die Lebensräume der Algen sind ebenso vielfältig wie die Pflanzengruppe selbst. Botaniker unterscheiden 120. 000 Arten, vom einzelligen Winzling bis zum meterlangen Gebilde.Von der Nahrungsmittelindustrie werden Rot- und Braunalgen schon lange genutzt. Aus den Zellwänden dieser im Meer lebenden Makroalgen lassen sich gelbildende Polysaccharide gewinnen. Zu ihnen gehören die Zusatzstoffe Agar-Agar, Carrageen und Alginsäure, die als Binde- und Verdickungs-mittel oder als Stabilisator verwendet werden. 1996 wurden fast neun Millionen Tonnen Makroalgen für wirtschaftliche Zwecke geerntet. Die überwiegend künstlich angelegten Meereskulturen werden hauptsächlich in China, Japan, Korea, Chile und auf den Philippinen erzeugt.
Besonders der hohe Jodgehalt einiger Algen macht das Meeresgemüse für das Jodmangelgebiet Deutschland interessant. Nur ein Gramm frische Kombu kann die von der DGE für Erwachsene empfohlene Jodzufuhr von 200 Mikrogramm pro Tag decken. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden aus diesem Grund riesige Mengen Braunalgen an europäischen Küsten gesammelt. Als andere Jodquellen wie z. B. Chilesalpeter erschlossen wurden, verlor die Jodgewinnung aus Algen jedoch rasch an Bedeutung. Wie alle Pflanzen haben Algen auch bioaktive Substanzen vorzuweisen. Dazu zählen z. B. die Algenfarbstoffe Chlorophyll und Carotinoide. Nachgewiesen wurde, daß die Algenstoffe auf das Immunsystem wirken und antivirale, antibiotische und krebsvorbeugende Effekte haben. Einige Wissenschaftler führen die geringe Brustkrebsrate der Japanerinnen auf deren hohen Algenverzehr zurück.
Der Jodgehalt von Algen ist ebenfalls keine verläßliche Größe. Nicht selten variieren die Werte von 5 bis 4600 Mikrogramm pro Gramm Trockensubstanz. Zudem sind innerhalb einer Art extreme Schwankungen zu beobachten. So wird der durchschnittliche Jodgehalt der Kombu mit 300 bis 1100 Mikrogramm pro 100 Gramm Trockensubstanz angegeben. Bei derartigen Schwankungen ist die empfohlene Jodzufuhr schnell um ein Vielfaches überschritten. Bereits die tägliche Aufnahme von einem Milligramm Jod kann zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Daher dürfen Meeresalgen mit mehr als 20 Milligramm Jod pro Kilogramm in Deutschland nur mit einem Warnhinweis vermarktet werden.
Süßwasseralgen als Pillen
Während Algen in asiatischen Ländern zur Eßkultur gehören, will das Meeresgemüse den Europäern nicht so recht schmecken. Der fremdartige, fischige Geschmack und die ungewohnte Konsistenz finden hierzulande bislang nur wenige Liebhaber. Kein Wunder, daß die Hersteller von Algenpräparaten einen großen Markt wittern. Sie werben damit, daß sie die Vorteile der Algen nutzen, ihre Nachteile aber ausschalten. Als Rohstoff für die Produkte werden in der Regel die im Süßwasser lebenden Mikroalgen genutzt. Die im Handel erhältlichen Tees, Dragees, Kapseln und Pulver sind laut Hersteller frei von Schadstoffen, schmecken nicht nach Meer und enthalten definierte Jodwerte. In den USA zählen getrocknete Süßwasseralgen mittlerweile zu den meistverkauften Nahrungsergänzungsmitteln. Problematisch dabei ist, daß viele Menschen mit solchen Produkten versuchen, falsche Eßgewohnheiten auszugleichen. Schnell verlagert sich so die Verantwortung für die eigene Gesundheit auf den einfachen Griff zu Pille und Pulver - mit der Gefahr, einzelne Nährstoffe überzudosieren. Eine gezielte und abwechslungsreiche Zusammenstellung der Lebensmittel deckt den Bedarf aller notwendigen Nährstoffe auch ohne Präparate.
Wer jodiertes Salz einsetzt und regelmäßig Fisch verzehrt, nimmt auch ausreichend Jod auf. Als Frischgemüse oder Trockenware können Algen zwar eine interessante Abwechslung und ernährungsphysiologisch sinnvolle Ergänzung auf dem Speiseplan sein. Lange Transportwege lassen den Konsum jedoch wenig ökologisch erscheinen: Nur ein geringer Teil der auf dem Markt angebotenen Algen kommt aus der Bretagne, das meiste Meeresgemüse - getrocknet oder in Pulverform - wird aus Übersee importiert. Global betrachtet können Algen aber dazu beitragen, als wertvolle und nahezu unerschöpfliche Nahrungsquelle die Ernährung der ständig wachsenden Weltbevölkerung zu sichern.
Quelle: Nardmann, B.: UGB-Forum 4/99, S. 236-237
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