Ab etwa Ende dreißig erreichen wir unsere Lebensmitte. Statt uns Falten und Midlife-Crisis hinzugeben, sollten wir diese Lebensphase nutzen, um unseren wirklichen Bedürfnissen nachzugehen.

Die meisten von uns dümpeln in der ersten Lebenshälfte eher unbewusst durchs Leben. Doch dann beginnt eine Phase, in der sich die Werte wandeln. Haben wir uns bislang gefragt, was aus uns wird, was wir im Leben erreicht haben und welche Ziele wir haben, so fragen wir uns nun: Wer bin ich überhaupt? Jetzt geht es uns eher darum, in uns hineinzuschauen und unsere innere Stimme wahrzunehmen, nachzuforschen, welche Werte uns wichtig sind und ob wir sie leben können. Kann sich unsere Persönlichkeit entfalten, kommt unsere Individualität zu ihrem Recht?
Bisweilen treten erschütternde Bilanzen zutage. Mancher stellt fest, dass er in der ersten Lebenshälfte ziemlich fremdbestimmt funktioniert hat, ohne seine Bedürfnisse zu beachten. Einige Menschen richten sich immer noch nach den Vorstellungen der Eltern; sie haben sich nie gefragt, ob der Weg auch der eigene ist. Andere haben sich gesellschaftlichen Normen angepasst, ohne zu prüfen, ob sie mit den eigenen Bedürfnissen und Werten übereinstimmen. In dieser Lebensphase besteht nun die Chance, die Weichen neu zu stellen.
Etwa ab Ende 30 bemerken einige Frauen, dass sie weniger "pflegeleicht" sind als früher. Sie lassen sich nicht mehr so viel gefallen und können auch einmal "Nein" sagen. Rein hormonell gesehen hat das mit der Abnahme des Östrogens und dem dadurch größer werdenden Einfluss des Gestagens zu tun. Die typisch weibliche Seite, sich anpassen, es allen recht machen, nicht zornig und aufbrausend reagieren, verschiebt sich zugunsten der männlichen. Plötzlich gelingt es Frauen, sich besser durchzusetzen: Sie geben Widerworte und fangen an zu disputieren.
C. G. Jung, der wohl herausragendste Psychologe, der sich mit der zweiten Lebenshälfte intensiv beschäftigte, sagte über die Lebensmitte: "Dann, in der geheimen Stunde am Mittag des Lebens ... wird der Tod geboren." Vielen Menschen wird jetzt plötzlich bewusst, dass sie endlich sind und nicht ewig leben werden. Haben sie bis dahin keinen Gedanken daran verschwendet, so verändert die Gewissheit des Todes ihre ganze bisherige Sichtweise. Alle Pläne werden nun unter diesem Gesichtspunkt gesehen. Hatten wir bis dahin alle Zeit der Welt, so wird nun sortiert. Wir fangen an zu fragen, was ist mir ganz persönlich wichtig? Soll ich meine Zeit damit vertrödeln, Dinge zu tun, die ich nicht mag? Die Antwort lautet immer öfter: "Nein, dazu ist meine Zeit zu wertvoll."
Konkret heißt das: Soll ich tatsächlich in einem Beruf weitermavchen, den im Grunde meine Eltern für mich ausgesucht haben? Soll ich mit einem Partner zusammenbleiben, der mir nicht gut tut? Muss ich es anderen Recht machen? Muss ich mir im Beruf so viel gefallen lassen? Die Lebensmitte ist der Höhepunkt unseres Daseins. Jetzt findet ein Wechsel, eine Veränderung statt. Und wir fangen an, vieles zu lassen, was uns überholt und unwichtig erscheint. "Entdecken, was wirklich zählt", heißt der zentrale Satz in diesem Lebensabschnitt.
Karrieremenschen halten plötzlich inne und fragen sich, ob das alles gewesen sein soll. Wofür habe ich mich so abgestrampelt? Gibt mein Erfolg mir Lebenssinn? Manche Frauen kommen zu dem Ergebnis, dass sie vielleicht doch noch ein Kind bekommen und eine Familie gründen wollen. Andere, die ihren Schwerpunkt zu Hause in der Familie sahen, bekommen ein starkes Gefühl von Leere, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Sie fragen sich: Finde ich bei der derzeitigen Arbeitslage überhaupt noch Anschluss an den Beruf? Empty-Nest-Syndrom nennen Fachleute diese Phase.
Bei Frauen, die sich sehr über ihr Aussehen definieren, lösen die ersten Falten Panik aus. In einer Gesellschaft, die dem Jugendkult frönt und in der es schon als Verdienst gilt, jung und makellos zu sein, ist das kein Wunder. Frauen flüchten sich plötzlich ins Fitnessstudio, fangen an zu joggen oder ziehen sogar in Erwägung, sich unters Messer eines Schönheitschirurgen zu legen. Viele verfallen in einen regelrechten Jugendwahn, die Röcke werden kürzer, die Blusen durchsichtig. Doch nach einiger Zeit merken sie, dass ein solcher Aktionismus in dieser Situation nicht hilft.
Mit manchen Frauen geht in dieser Phase eine bemerkenswerte Wandlung vor sich. Plötzlich wird aus dem hässlichen braven Entlein ein selbstbewusster Schwan. Viele fangen an, aus ihrem Leben endlich das zu machen, was in der ersten Lebenshälfte nicht möglich war. Sie machen sich unabhängig, steigen in den Beruf ein oder aus, treten kürzer oder legen erst jetzt richtig los, machen sich selbstständig oder binden sich bewusst an einen neuen Partner. Sie wachsen und reifen.Männer dagegen verlieren ihre Macht. Wurde in der ersten Lebenshälfte der gutsituierte Versorger gesucht, der, mit dem man gemeinsam die Existenz aufbauen und sichern konnte, so ist die zweite Lebenshälfte geprägt von ganz anderen Bedürfnissen. Frauen, die materiell unabhängig sind, wollen nun einen Mann, mit dem sie reden können, der sensibel und einfühlsam ist. Ob er eine Familie ernähren kann, wird zweitrangig. In der zweiten Lebenshälfte finden sich dann oft die Staatsanwältin und der Seemann, die Ärztin und der Elektriker, die Unternehmerin und der Künstler. Oder aber reife Frauen tun sich mit einem viel jüngeren Mann zusammen, Hauptsache der Seele bekommt´s.
Parallel dazu entdecken viele, wie gut und wichtig es ist, gewisse Phasen allein und ohne Ablenkung zu verbringen. Manche Frau lebt zum ersten Mal in ihrem Leben allein und stellt fest, welche Qualitäten das haben kann. Manche sagen sogar, ihnen komme nie wieder ein Mann ins Haus: Partnerschaft nur noch in getrennten Wohnungen. Ich denke nicht daran, noch einmal jemandem die Sachen nachzuräumen, den Dreck wegzumachen und das Essen zu kochen. Die klassische Frauenrolle wird verweigert.
Moderne Frauen haben heute zahlreiche Möglichkeiten und Chancen. Und viele wissen, dass in der Krise immer auch die Chance für einen Neubeginn steckt. Oft kommt dann die Idee, sich endlich als Person verwirklichen zu wollen. Ihnen reicht es nicht, der gesellschaftlichen Funktion zu genügen, neues Leben hervorzubringen und gesellschaftsfähig zu machen. Frauen merken, dass sie selbst lernen müssen, erfüllt zu leben.
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