Ernährungsbericht 2004
Lob und Tadel für deutsche Esser

Auf fast 500 Seiten durchleuchtet der Ernährungsbericht 2004 die Essgewohnheiten der Bundesbürger. Danach lassen sich die Deutschen Gemüse- und Obstprodukte immer häufiger schmecken. Gleichzeitig ernähren sie sich aber weiterhin zu fett und naschen zu viel Süßes.

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Mit einem Anteil von zwei Dritteln der Nahrungsenergie aus pflanzlicher Herkunft geht die Lebensmittelauswahl in die richtige Richtung. Zugleich ist ein Trend zu mehr Joghurt und Frischmilcherzeugnissen zu beobachten, und beim Fleisch greifen die Deutschen häufiger zu Geflügel und Fisch. Die Fettaufnahme ist allerdings insgesamt zu hoch, auch wenn zunehmend günstige pflanzliche Fette auf den Tisch kommen.

Leider essen auch immer mehr Kinder und Jugendliche zu fett. Dem Zuviel an Fett steht ein Minus bei komplexen Kohlenhydraten und Ballaststoffen gegenüber. Die empfohlene tägliche Ration von 30 Gramm Ballaststoffen am Tag erreichen am ehesten noch die über 65-Jährigen. Der Gesamtdurchschnitt liegt bei nur 23 Gramm. Dagegen werden Einfachzucker zu viel gegessen. Sie machen über zwölf Prozent der Energieaufnahme aus.

Im kritischen Bereich: Folsäure und Vitamin D

Zwar essen die Deutschen mit rund 300 Gramm täglich mehr Obst und Gemüseprodukte als früher. Trotzdem erreichen sie die DGE-Empfehlungen von täglich 650 Gramm noch lange nicht. Die Aufnahme an Vitaminen und Mineralstoffen hat sich im Vergleich zum vorhergehenden Ernährungsbericht kaum verändert. Kritisch beurteilen die Verfasser die Versorgung mit Folsäure bei bestimmten Altersgruppen. So liegt bei Personen unter 25 Jahren die mittlere Folatzufuhr mit maximal 200 Mikrogramm (?g) deutlich unter den Empfehlungen von 400 ?g. Auch ältere Personen sind mit dem empfindlichen Vitamin nicht zufriedenstellend versorgt (210-290 ?g). Bei Kindern und Jugendlichen bleibt die Versorgung mit Vitamin D deutlich hinter den Empfehlungen zurück. Nicht viel besser sieht es mit der Calciumzufuhr aus, besonders in den neuen Bundesländern. Aber auch Erwachsene nehmen zu wenig des wichtigen Knochenbausteins auf. Ferner ist bei Mädchen und Frauen unter 25 Jahren die Eisenversorgung nicht ausreichend. Vermutlich liegt dies an der häufig vegetarischen Ernährungsweise bzw. fleischarmen Ernährung bei Frauen in diesem Alter.

Der Klassiker

Alle vier Jahre erarbeitet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) im Auftrag des Verbraucherministeriums einen Ernährungsbericht. Neben der allgemeinen Versorgungslage und Gesundheitsrisiken versucht der Report Trends in den Ernährungsgewohnheiten der Bürger aufzuspüren. Die Ergebnisse beruhen hauptsächlich auf den Daten der Agrarstatistik und der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS). Zwar liefert dieses Zahlenmaterial repräsentative Daten, allerdings liegen die Untersuchungen zum Teil mehrere Jahre zurück. So beziehen sich die Angaben zum Lebensmittelverbrauch etwa auf die EVS von 1998. Bei den Angaben zur Nährstoffaufnahme wird nach Alter, Geschlecht und neuen bzw. alten Bundesländern unterschieden. Einzelne Personen mit Unter- oder Überversorgung verschwinden hinter diesen Durchschnittswerten. Dennoch lassen sich aus den Angaben Rückschlüsse zur allgemeinen Versorgungslage und Entwicklungen im Ernährungsverhalten der Bundesbürger ziehen.


In Deutschland liegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs nach wie vor an der Spitze der krankheitsbedingten Todesursachen. Bei 68 Prozent aller Todesfälle spielt die Ernährung eine Rolle. So erhöht massives Übergewicht das Risiko, an einer ernährungsbedingten Erkrankung zu sterben, während körperliche Aktivität die Gefahr senkt. Obwohl die komplexen Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Lebensmittelgruppen konkrete Empfehlungen erschweren, ist sicher, dass reichlich Obst und Gemüse vor Krebs schützen. Menschen, die viel davon essen, können ihr Erkrankungsrisiko im Vergleich zu Menschen mit geringem Konsum um bis zu 30 Prozent senken. Das gilt insbesondere für Speiseröhren-, Lungen-, Magen- und Darmkrebs. Zuckerreiche Produkte scheinen das Risiko für Dickdarm- und Brustkrebs zu erhöhen. Durch hohen Fleisch- und Alkoholkonsum steigt wahrscheinlich die Gefahr für Darmkrebs. Nicht zuletzt wirken sich Übergewicht und körperliche Inaktivität negativ auf bestimmte Krebsarten aus. Die Effekte von Milch- und Milchprodukten auf Krebserkrankungen sieht der Ernährungsbericht uneinheitlich. Einerseits werden sie mit einem geringeren Risiko für Brust- und Darmkrebs in Verbindung gebracht. Andererseits kann es eventuell zu einer erhöhten Anfälligkeit für Prostatakrebs kommen. Pro- und präbiotische Milchprodukte lindern vermutlich die Nebenwirkungen einer Bestrahlung oder Chemotherapie.

Biogemüse oft nährstoffreicher

Die Nährstoffkonzentration in pflanzlichen Lebensmitteln hat in den letzten 50 Jahren weder eindeutig zu- noch abgenommen. Aktuelle Studien sprechen aber für eine höhere Nährstoffdichte von ökologisch angebautem Obst und Gemüse. Unter anderem weisen sie eine größere Trockenmasse und mehr sekundäre Pflanzenstoffe auf als konventionell angebaute Pflanzen. Obwohl der Vitamingehalt vor allem von Transport und Lagerung abhängt, liegen bei den ökologisch angebauten Erzeugnissen die Gehalte an Vitamin C sowie Eisen und anderen Mineralstoffen teilweise höher. Bei Getreide und Kartoffeln bestimmen eher Sorte, Klima und Standort den Nährstoffgehalt und weniger die Anbaumethode.

In toxikologischer Hinsicht stuft der Ernährungsbericht unser Essen als sicher ein. Allerdings sind Obst und Gemüse aus dem Ausland recht häufig durch Pflanzen- und Vorratsschutzmittel belastet. Paprika überschritten mit 5,6 Prozent der Proben am häufigsten die zulässigen Höchstmengen, gefolgt von Salaten (5,1 %), Karotten (3,5 %) und Tomaten (3,3%). Beim Obst führen Tafeltrauben (8,1 %) die Spitze an vor Erdbeeren (4,4 %) und Papaya (3,5 %).

Lebensmittel mitgezieltem Mehrwert

Das Angebot von ACE-Drinks, Vita-Flakes und anderen nährstoffangereicherten Produkten steigt kontinuierlich. Rund 38 Prozent der im Ernährungsbericht untersuchten Produkte sind Vitamine zugesetzt, 19 Prozent enthalten zusätzlich Mengenelemente und 9 Prozent Spurenelemente. Neben Vitaminen und Mineralstoffen peppen die Hersteller ihre Produkte auch mit Aminosäuren, Taurin, Carnitin oder Cholin auf. Milchprodukte, Fruchtsaft- und Erfrischungsgetränke sind besonders häufig mit Nährstoffen angereichert. Auch Süßwaren werden mit Vitaminen, Mineralstoffen und anderen Substanzen "aufgewertet".

Wachsend ist auch der Markt für Nahrungsergänzungsmittel, besonders mit Folsäure, Vitamin E und C. Unter den Mineralstoffen dominieren Magnesium, Calcium, Zink und Selen. Was die Verbraucher schlucken, folgt offenbar weniger ernährungsphysiologischen Überlegungen. Vielmehr scheinen Werbung und der Preis den Ausschlag für die Einnahme zu geben. Viele Hersteller setzen ihren Produkten sogar größere Mengen Vitamine zu, als sie angeben. So können sie die deklarierten Mengen innerhalb der angegebenen Mindesthaltbarkeit garantieren, obgleich sich ein Teil der Vitamine während der Lagerung abbaut. Durch das unübersichtliche und steigende Angebot an Nahrungsergänzungen und angereicherten Lebensmitteln lässt sich die Gefahr von Überdosierungen kaum abschätzen. Allerdings halten die Autoren die vorliegenden Daten nicht für ausreichend, um sinnvolle Regeln für Höchstmengen festzusetzen. Ob sich die Nährstoffversorgung durch angereicherte Lebensmittel und Nahrungsergänzungen tatsächlich verbessert, lässt sich aus den Daten ebenso wenig ablesen wie eine mögliche Überdosierung.

Wissen und Ernährungsverhalten

Ob besseres Ernährungswissen tatsächlich zu einem gesünderen Ernähungsverhalten beiträgt, untersuchten Wissenschaftler in Bayern. Dabei zeigte sich, dass Frauen in Sachen Ernährung informierter sind als Männer. Je besser sich die Verbraucher mit Ernährungsfragen auskennen, desto mehr Gemüse, Obst, Milch und Milchprodukte essen sie und desto mehr Tee trinken sie. Der Verzehr anderer Lebensmittel wie Fleisch, Eier oder Alkohol bleibt davon aber unbeeinflusst. Unter dem Strich ist Cholesterin der einzige unerwünschte Inhaltsstoff, dessen Zufuhr mit steigendem Wissensniveau sinkt. Alle anderen Inhaltsstoffe, die nur in begrenzten Mengen aufgenommen werden sollten, wie Fett, gesättigte Fettsäuren, Alkohol oder Purine, zeigen nur geringe nicht signifikante Beziehungen zum Ernährungswissen.

Männer kümmern sich weniger ums Essen

Der Ernährungsbericht befasst sich diesmal auch mit soziokulturellen Dimensionen des Essens. Dabei zeigt sich, dass die Deutschen trotz zunehmender zeitlicher Belastung im Berufsleben immerhin 20 Prozent mehr Zeit mit dem täglichen Essen verbringen als noch Anfang der 90er Jahre. Die durchschnittlichen 103 Minuten umfassen allerdings auch das Einkaufen und Zubereiten, womit nach wie vor überwiegend Frauen beschäftigt sind. Gegenläufig ist der Trend bei Jugendlichen. Sie helfen heute viel seltener bei Zubereitung, Tisch decken und Abwasch als noch vor zehn Jahren. An den anfallenden Arbeiten rund ums Essen beteiligen sich täglich nur 26 Prozent der Jungen; bei den Mädchen sind es immerhin 42 Prozent.

Zur Vermittlung von Ernährungswissen sieht der Ernährungsbericht das Potenzial des Fernsehens noch viel zu wenig genutzt. Statt dessen animieren Werbespots vor allem zum Kauf von Süßigkeiten und fetten Snacks, die gefolgt von Alkohol an der Spitze der Werbezeit liegen. Die Verfasser empfehlen, dass Institutionen wie die DGE das Medium in ihre Öffentlichkeitsarbeit einbeziehen sollten, etwa durch unterhaltsame und spannende Informationen oder Aufklärungsspots.

Gegen das zu fette und süße Essen der Deutschen empfiehlt der Ernährungsbericht drei Gegenmittel: Aufklärung, aktive Bewegung plus eine obst- und gemüsereiche Vollwertkost. In diesem Sinne: Vollwertigen Appetit!

Der Ernährungsbericht 2004 kann im Buchhandel oder direkt beim DGE-Medienshop bestellt werden: DGE-Medien Service, Bornheimer Str. 33b, D-5311 Bonn.
Das Buch bzw. die CD-Rom kostet 24,- Euro (Buch und CD-Rom zusammen 36,- Euro).

Quelle: Pabel, B.: UGB-Forum 2/05 S.90-92
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Fettverzehr Bio-Lebensmittel Nahrungsergänzungen Lebensmittelanreicherung Nährstoffversorgung



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