Glaubt man der Werbung beleben sie Körper und Seele, schützen vor Krankheiten, machen uns aktiver, fitter und gesünder. Grassäfte mit Chlorophyll sollen uns verjüngen, Q10-Kapseln versprechen ein längeres Leben und Carnitindrinks verhelfen uns angeblich zu einer schlanken Figur. Doch die Präparate, die auf so genannte Pseudovitamine setzen, nutzen meist nur dem Profit der Hersteller.

Unternehmen aus dem pharmakologischen und biotechnologischen Bereich verdienen mit der Vermarktung von Pseudovitaminen viel Geld. Die Substanzen gibt es in isolierter Form als Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel oder als natürlichen Bestandteil von Lebensmitteln, zum Beispiel Laeötril (Vitamin B17) in bitteren Aprikosenkernen. Auch funktionelle Lebensmittel wie Grassaft, der Chlorophyll enthält, sind auf dem Markt. Durch ihre besondere Funktion im Stoffwechsel sollen Pseudovitamine eine gesundheitsfördernde Wirkung ausüben, zum Beispiel die Abwehrkräfte stärken oder die Leistungsfähigkeit steigern. Wegen ihrer vermeintlich arzneimittelähnlichen Eigenschaften wird inzwischen auch schon der Begriff Nutraceuticals verwendet, der von Nutrition (Ernährung) und Pharmaceuticals (Arzneimittel) abgeleitet ist. Einen wissenschaftlichen Nachweis, dass die versprochenen Wirkungen tatsächlich vorhanden sind, brauchen die Anbieter allerdings nicht zu liefern. Ebenso gibt es bisher keine gesicherten Studien dazu, ob Nebenwirkungen von solchen Nutraceuticals ausgehen können. Die Empfehlungen, mit Pseudovitaminen die normale Ernährung zu ergänzen, folgt also eher marketingtechnischen Überlegungen als wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen.
Ein Sonderfall unter den Vitaminoiden (siehe Kasten) ist die Gruppe der Flavonoide. Sie wurden früher auch als Vitamin P bezeichnet, wobei das P für Permeabilität steht. Denn bei ihrer Entdeckung war zunächst nur die Wirkung auf die Durchlässigkeit der Gefäßwände bekannt. Heutewird die Bezeichnung Vitamin P nicht mehr verwendet und die Flavonoide den sekundären Pflanzenstoffen zugeordnet. Auch Chlorophyll ist kein Vitamin, sondern den sekundären Pflanzenstoffen zuzurechnen. Es kann wie alle sekundären Pflanzenstoffe nicht vom Körper selbst gebildet werden. Auf dem Markt wird es in Form von Weizengrassäften, Pulvern oder Tabletten als "Vitamin zur Reinigung und Entschlackung" angeboten. Tatsächlich ist aber nur eine Tumor hemmende Wirkung im Tierversuch nachgewiesen. Genau genommen ist Chlorophyll auch kein Vitaminoid, da es an keiner lebenswichtigen Stoffwechselfunktion im menschlichen Körper beteiligt ist. Über eine Portion Spinat nehmen wir den grünen Pflanzenfarbstoff etwa in ähnlichen Mengen auf wie über die angebotenen Präparate. Da Chlorophyll bei Pflanzen für die grüne Farbe sorgt, sind auch alle anderen grünen Gemüse gute Quellen für den Pflanzenstoff.
Was sind das eigentlich für Stoffe in den Wundermitteln, denen solch herausragende Wirkungen nachgesagt werden? Oft werden die Substanzen von den Herstellern fälschlicherweise als Vitamine bezeichnet. Verbindungen wie Coenzym Q10, Carnitin, Inositol oder Cholin gehören aber vielmehr zur Gruppe der vitaminähnlichen Substanzen. Populärwissenschaftlich werden sie als Pseudovitamine bezeichnet, während Wissenschaftler eher den Begriff Vitaminoideverwenden. Im Unterschied zu echten Vitaminen bildet der Organismus Vitaminoide in ausreichender Menge selbst. Viele Pseudovitamine werden auch deshalb mit echten Vitaminen verwechselt, weil sie bei ihrer Entdeckung zunächst als zufuhrnotwendig eingestuft wurden und Forscher erst später erkannten, dass sie vom menschlichen Körper in ausreichender Menge selbst gebildet werden können. Andere in der Werbung als Vitamine bezeichnete Stoffe wie Chlorophyll oder Laetril besitzen keine Funktion im menschlichen Stoffwechsel und sind daher auch nicht als Vitaminoide einzustufen
Eine zu hohe Aufnahme von Coenzym Q10 durch entsprechende Kapöseln, kann negative Folgen haben. Denn das Coenzym fördert die Entstehung freier Radikale durch Autoxidation, was das Risiko für atherosklerotische Erkrankungen und Krebs erhöht. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist eine zusätzliche Aufnahme von Q10 über Nahrungsergänzungsmittel von maximal 30 Milligramm (mg) täglich als unbedenklich einzustufen. Viele Präparate überschreiten diese Dosis jedoch um mehr als das Dreifache. Zudem scheint ihr Nutzen fraglich, denn biochemisch sind weder die positiven Effekte belegt noch mögliche Risiken klar abzuschätzen.
Cholin, das in gebundener Form auch als Lecithin bekannt ist, gilt als wichtiger Baustein für die Zellmembran. Nennenswerte Mengen kommen in Lebensmitteln wie Eiern, Rinderleber, Milch und Erdnüssen vor. Tatsächlich wiesen Forscher inzwischen nach, dass sich Cholingaben während sportlicher Aktivität positiv auf die Leistungsfähigkeit auswirken. Allerdings kann Cholin vom Körper mit Hilfe der essenziellen Nährstoffe Methionin, Folsäure und Cobalamin (Vitamin B12) in ausreichender Menge selbst gebildet werden und gilt deshalb nicht als Vitamin. Forscher in den USA dachten eine Zeit lang darüber nach, Cholin in die Zufuhrempfehlungen für Nährstoffe aufzunehmen. Aufgrund fehlender Beweise, ob es tatsächlich unentbehrlich ist, entscheid sich das US-amerikanische Institut of Medicine (IOM) allerdings dagegen. Gesundheitsrisiken durch eine zusätzliche Einnahme sind bisher nicht bekannt.
Die Reihe von Präparaten und Verbindungen, die als "Vitamine" angepriesen werden, ließe sich mit Substanzen wie Vitamin B10 (p-Aminobenzoesäure), Orotsäure (Vitamin B13), oder Inositol noch weiter fortsetzen (siehe Tabelle). Allen gemeinsam ist, dass sie keine echten Vitamine sind, sondern als Vitaminoide vom Körper selbst gebildet werden beziehungsweise an keinen lebenswichtigen Stoffwechselfunktionen beteiligt sind. Zudem gibt es für fast alle Pseudovitamine natürliche Quellen, die eine Ergänzung durch Präparate überflüssig machen. In einer pflanzenbetonten Ernährung wie der Vollwert-Ernährung sind die meisten Vitaminoide natürlicherweise enthalten. Zusammen mit der körpereigenen Produktion ist ein Mangel nicht zu befürchten. In Einzelfällen, wie bei Erkrankungen, können bestimmte Stoffe therapeutisch wirken. Da aber für fast alle Substanzen keine sicheren Erkenntnisse über die Risiken einer erhöhten Aufnahme vorliegen, sollten gesunde Menschen besser die Finger von den teuren Produkten lassen. Letztlich profitieren vom Kauf der Präparate nur die Hersteller.
| Name | Wissenschaftl. Bezeichnung | Natürliches Vorkommen | Wirkungen laut Herstellerangaben | Therapeutischer Einsatz |
|---|---|---|---|---|
| Coenzym Q10,PQQ | Ubichinon | Geflügel, Hülsenfrüchte, Nüsse, Soja, bestimmte pflanzliche Öle | senkt den Cholesterinspiegel, schützt vor Krebs und Herzerkrankungen, steigert die sportliche Leistung | als Arzneimittel nicht zugelassen |
| Taurin | Aminoethylsulfonsäure | Fleisch, Meeresfrüchte | steigert die sportliche Leistung, verbessert die Herzfunktion, reguliert den Blutzucker, wirkt antioxidativ | Strahlenbehandlung bei Krebs, epileptische Anfälle, Herzerkrankungen |
| Carnitin | L-Carnitin | Fleisch | steigert die Fettverbrennung, erhöht die Ausdauerleistung | Carnitinmangel bei Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz und Morbus Alzheimer, Risikoschwangerschaften |
| Vitamin P | Flavonoide | pflanzliche Lebensmittel | senkt Bluthochdruck, vermindert die Histaminausschüttung bei Allergien | Durchblutungsstörungen, Venenerkrankungen, diuretisch und krampflösend |
| Chlorophyll | Chlorophyll | grüne Pflanzen, Grassaft | Verjüngung, Reinigung, Entschlackung | — |
| Cholin | (Bestandteil von Lecithin) | Sojabohnen, Nüsse, Eier, Weizenkeime | Erhöhung der sportlichen Leistungsfähigkeit und der Gedächtnisleistung | — |
| Vitamin B | 10 p-Aminobenzoesäure (Bestandteil der Folsäure) | Hülsenfrüchte, grüne Blattgemüse, Nüsse, Vollkornprodukte | für glatte, gesunde Haut und Haare, hält die Darmflora gesund | — |
| Vitamin B 13 | Orotsäure | Molke | senkt den Cholesterinspiegel, verbessert das Konzentrations- und Erinnerungsvermögen | senkt den Harnsäurespiegel bei Gicht, Therapeutikum bei Herzerkrankungen, Glucose- und Fettstoffwechselstörungen |
| Vitamin B 15 | Pangamsäure | Reiskleie, Erbsen, Hafer, Hefe | verzögert Alterungsprozesse | in Russland zur Behandlung zahlreicher Leiden eingesetzt (z. B. Alkoholismus, Schizophrenie) |
| Vitamin B 17 | Laetril, Amygdalin | Obstkerne, Nüsse | zerstört Krebszellen; als Präparat in Deutschland nicht zugelassen | Krebstherapeutikum; nicht mehr zugelassen |
| Inositol | auch Inosit oder Myo-Inositol | Getreide, Fleisch, Milch | positive Wirkung auf den Cholesterinspiegel, beugt Haarausfall vor, regt Darmfunktion an, gegen Durchblutungsstörungen | — |
Onlineversion von:
Steinbach, A.: UGB-Forum 4/06, S. 193-196| Zum Ausdrucken und/oder Abspeichern können Sie sich den Artikel hier auch herunterladen: Um das PDF aufzurufen, benötigen
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