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Rotwein: Zum Wohl?
Dipl. oec. troph. Wiebke Franz
"Rotwein ist gut fürs Herz." Unter Verbrauchern gilt dies inzwischen als anerkannte Tatsache. Doch Alkohol birgt auch Gefahren für die Gesundheit.
Im Süden Frankreichs, wo die meisten Bewohner regelmäßig Wein trinken, sterben die Menschen seltener an Herz-Kreislauferkrankungen. Diese Beobachtung veranlasste Wissenschaftler, die gesundheitlichen Wirkungen von Wein genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Forscher fanden heraus, dass das Risiko, an koronaren Herzerkrankungen zu sterben, in Südfrankreich deutlich niedriger liegt als in anderen industrialisierten Ländern. Überraschenderweise kommen jedoch wesentliche Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen wie erhöhte Cholesterinwerte, Bluthochdruck, Übergewicht oder Rauchen bei den Franzosen nicht seltener vor als bei vergleichbaren Völkern. Dieser scheinbare Widerspruch wird als "französisches Paradoxon" bezeichnet.
Phenole im Wein als Schutzfaktor vermutet
Auf der Suche nach einer möglichen Erklärung, warum gerade Wein präventiv wirkt, fielen den Forschern die zahlreichen phenolischen Verbindungen ins Auge. Zu dieser Gruppe sekundärer Pflanzenstoffe zählen zum Beispiel phenolische Säuren, Catechine und Resveratrol. Sie vermindern unter anderem das Verklumpen der Blutplättchen, was die Gefahr von Blutgerinnseln verringert. Durch ihre antioxidative Wirkung können einige Polyphenole wie Anthozyane zudem das LDL-Cholesterin im Blutplasma vor Oxidation schützen. Diese Oxidation ist die Ursache dafür, dass die Gefäße "verkalken"; Mediziner sprechen von Arteriosklerose. Sie stellt einen bedeutenden Risikofaktor der koronaren Herzkrankheit dar. Rotwein weist dabei eine stärkere antioxidative Wirkung auf als Weißwein. Vermutlich liegt das an der höheren Konzentration von Anthozyanen in roten Trauben. Zudem ist nur der Rotwein in der Lage, das LDL-Cholesterin im lebenden Organismus vor Oxidation zu schützen.
Weitere Untersuchungen der epidemiologischen Studien in Frankreich förderten jedoch Zweifel zutage, ob einzig der Wein für die kardioprotektiven Wirkungen verantwortlich ist. So konnte der günstige Einfluss von Rotwein bzw. seiner Phenole auf die Blutfette und die Verklumpung der Blutplättchen am Menschen nicht eindeutig belegt werden. Außerdem wurden wichtige Einflussfaktoren wie die Erkrankungsrate, der allgemeine Lebensstil und das Gesundheitsverhalten der Nichttrinker außer Acht gelassen. In mehreren Fall-Kontroll-Studien und Untersuchungen an ausgewählten Patientengruppen zeigten zudem Wein bzw. seine Phenole keinen stärkeren Schutz als andere alkoholische Getränke. Möglicherweise kommen diese gegenteiligen Studienergebnisse aber auch dadurch zustande, dass verschiedene Rotweinsorten unterschiedliche Phenole in variierenden Konzentrationen enthalten.
Alkohol: Eine Frage der Dosis
Inzwischen belegen zahlreiche Studien, dass mäßiger Alkoholkonsum das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen senkt. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Wein, Bier oder Schnaps handelt. Allein die Menge bestimmt die Wirkung. Wissenschaftler führen den positiven Einfluss des Alkohols darauf zurück, dass er das "gute" HDL-Cholesterin im Blut erhöht und die Thrombosegefahr mindert, indem er die Verklumpung der Blutplättchen hemmt und die Konzentration des an der Blutgerinnung beteiligten Fibrinogens reduziert. Unklar ist jedoch, welche Menge Alkohol erforderlich ist, um diese Wirkung zu erzielen. Je nach Studie schwanken die Angaben zwischen 10 und 40 Gramm pro Tag. Ein großes Glas Rotwein (200 ml) enthält bereits 20 Gramm Alkohol.

Doch Vorsicht: Nicht nur Abstinenzler, sondern auch Vieltrinker, die mehr als 600 ml Wein am Tag konsumieren, haben ein höheres Infarktrisiko (siehe Tabelle oben). Diese Tatsache und die Schwankungen in den bisher vorliegenden Studien erschweren es, Alkohol als gesundheitsfördernd zu empfehlen. Zudem sinkt das Herz-Kreislauf-Risiko durch Alkohol nur bei über 50-Jährigen. Bei Jüngeren überwiegen die Risiken von Alkoholgenuss wie Bluthochdruck oder Unfallgefahr. Ferner ist der Einfluss des Alkohols im Vergleich zu anderen Risikofaktoren wie Rauchen oder erhöhte Blutfettwerte nur gering. Dass heißt, wenn jemand aufhört zu rauchen oder durch eine Ernährungsumstellung seine Blutfettwerte senkt, schützt er sich effektiver vor Herz-Kreislauferkrankungen als wenn er lediglich zusätzlich Alkohol trinkt. Der Konsum von Alkohol kann also einen gesunden Lebensstil nicht ersetzen. Das zeigt auch die "Scottish Heart Health Study". In dieser Untersuchung ließ sich der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Herzerkrankungen nicht mehr nachweisen, nachdem die Patienten wesentliche Lebensstilfaktoren verbesserten, sich zum Beispiel gesünder ernährten und mehr körperlich bewegten.
Weintrinker leben insgesamt gesünder
Inzwischen gibt es weitere Erklärungsversuche für das französische Paradoxon. Die neuen Hypothesen gehen davon aus, dass eher der günstigere Lebensstil der Weintrinker als der Alkoholkonsum für den schützenden Effekt verantwortlich ist. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass der typische Weintrinker einen höheren sozioökonomischen Status hat als der typische Biertrinker. So gehen höherer Bildungsgrad und berufliche Stellung oder größeres Einkommen mit einem insgesamt gesünderen Lebensstil und gemäßigten Trinkverhalten einher. Weintrinker ernähren sich gesünder, sind aktiver und rauchen weniger.
In der Diskussion um die Vorteile des Alkohols sind auch die gesundheitlichen Risiken zu berücksichtigen. Mit alkoholischen Getränken werden in der Regel keine oder nur wenige essenzielle Nährstoffe aufgenommen, dafür aber reichlich Energie. Zusätzlich wirkt sich Alkohol negativ auf das Ernährungsverhalten, die Resorption und den Stoffwechsel verschiedener Nährstoffe aus. Wer ständig und viel Alkohol trinkt, schädigt nicht nur seine Leber. Auch andere Organe sowie Nerven-, Immun- und Hormonsystem werden beeinträchtigt. Ferner erhöht Alkohol das Risiko für bestimmte Krebsarten wie Mundhöhlen-, Rachen- oder Kehlkopfkrebs und steigert nicht zuletzt die Zahl der Unfalltoten und Gewaltopfer.
Wie Alkohol auf die Gesundheit wirkt, hängt nicht nur von der Menge ab. Auch Gesundheitszustand und Lebensstil des Einzelnen spielen eine Rolle. Bestehen bereits Krankheitsrisiken, die durch Alkoholkonsum verstärkt werden (z. B. Rauchen), ist auch ein geringer Alkoholgenuss nicht ohne Risiko. Ein exakter, allgemeingültiger Grenzwert, bei dem die gesundheitsförderlichen bzw. -schädlichen Effekte überwiegen, kann daher nicht angegeben werden.
Keine Empfehlung zum Alkoholkonsum
Experten raten trotz der möglicherweise kardioprotektiven Wirkung nicht dazu, Alkohol zu trinken. Denn Alkohol fördert nicht die Gesundheit. Ein geringer Konsum kann allenfalls das Risiko für einige wenige Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall vermindern. Wissenschaftler haben sich deshalb auf einen Richtwert zur maximalen gesundheitlich verträglichen Alkoholzufuhr geeinigt. Er liegt für Männer bei maximal 20 Gramm und für Frauen bei maximal 10 Gramm pro Tag. Umgerechnet entspricht dies für Männer 500 ml Bier, 200 ml Wein oder 50 ml Spirituosen, für Frauen jeweils die Hälfte. Die Richtwerte entsprechen den Mengen, für die der Forschungsbericht des Bundesgesundheitsministeriums die geringste Sterblichkeit ermittelt hat.Es gibt jedoch auch Situationen, in denen bereits der Richtwert zu viel ist. Vollständig auf Alkohol verzichten sollten zum Beispiel Kinder, Jugendliche und Schwangere ebenso wie Menschen, in deren Familie (Eltern, Geschwister, Großeltern) Alkoholsucht und bestimmte Krebserkrankungen bereits aufgetreten sind.
Rotwein ist kein Medikament
Dass regelmäßiger Rotweinkonsum besser vor Herz-Kreislauf-erkrankungen schützt als das mäßige Trinken anderer alkoholischer Getränke, konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Zur Klärung dieser Frage sind Langzeitstudien erforderlich, bei denen Personen mit regelmäßigem Rotweinkonsum über Jahrzehnte hinweg auf Herz-Kreislauferkrankungen untersucht werden. Risikofaktoren wie erhöhte Cholesterin- und Homocysteinspiegel, Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes mellitus müssen zusätzlich erfasst und bei der Auswertung berücksichtigt werden. Das gilt auch für Stress, von dem man weiß, dass er zur Entstehung von Herz-Kreislauferkrankungen beiträgt. Vermutlich ist es nicht der Rotwein allein. Vielmehr scheint es die mediterrane Kost in Kombination mit einem aktiven und zugleich gelasseneren Lebensstil in den Mittelmeerländern zu sein, der die Menschen gesund alt werden lässt.
Quelle: Franz, W.: UGB-Forum 1/2003, S. 16-18
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"Im Fokus:
Functional Food, Alkohol und Kaffee, Bioqualität, Vegetarismus", 24.- 26. September 2010 in Edertal
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