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Abnehmen: Sinn und Unsinn von Diäten
UGB-Archiv
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UGB-Archiv entnommen.
Wir weisen darauf hin,
dass die Inhalte durch
neue wissenschaftliche
Erkenntnisse möglicher-
weise neu bewertet
werden müssen.
Dipl. oec. troph. Elisabeth Klumpp
Die Anzahl der Diäten und Abnehmprogramme, mit denen das Körpergewicht reduziert werden soll, ist unüberschaubar groß. Kein Wunder, daß Personen, die eine für sie geeignete Methode suchen, oftmals überfordert und verunsichert sind.Um aus den unterschiedlichen Reduktionsdiäten eine sinnvolle Auswahl treffen zu können, ist es hilfreich, ihre verschiedenen Ansätze zu kennen. Werden z. B. nur Vorschriften zur Lebensmittelauswahlgegeben oder werden auch psychische Aspekte und das Verhalten berücksichtigt?
Unüberschaubares Diätangebot
Eine vollständige Übersicht über alle Diäten, die bisher in Zeitschriften, Büchern oder Broschüren veröffentlicht wurden, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Im folgenden werden vielmehr die wesentlichen Hauptmerkmale von derzeit aktuellen Reduktionsdiäten kritisch betrachtet. So ist zum Beispiel Kalorienzählen zwar noch nicht ganz out, aber zumindest ziemlich unmodern geworden. Offensichtliche Mißerfolge und wissenschaftlich begründete Kritik mögen hier ihre Wirkung gezeigt haben. Lieber werden heutzutage beispielsweise "Fettaugen" gezählt, Streichhölzer als "Joker" für Süigkeiten eingesetzt, oder es wird sauber nach säure- und basenbildenden Lebensmitteln getrennt. Ob sich damit allein zufriedenstellende dauerhafte Erfolge in der Gewichtsreduktion einstellen, mag bezweifelt werden. In der Tabelle auf ist eine Auswahl von verschiedenen Reduktionsdiäten zusammengestellt. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Psyche statt Kalorien
Die geplagten Abnehmwilligen, die es satt haben, sich ständig neuen Diätvorschriften zu unterwerfen, können heute auch ein anderes Angebot wählen: Abnehmprogramme, die psycho-mentale Aspekte des Übergewichts in den Vordergrund rücken. Sie haben zum Ziel, durch die eigene Vorstellungskraft und geistiges Training das Gehirn auf ein geringeres Körpergewicht "umzupolen" und somit Einfluß auf das Unterbewußtsein zu nehmen. Denn das Unterbewußtsein, nicht das Bewußtsein, steuert den Mechanismus von Hunger und Sättigung. Und man hat erkannt, daß kontrolliertes Eßverhalten auf Dauer fatale Auswirkungen haben kann, nämlich den sogenannten Jo-Jo-Effekt: Dem Körper werden durch die Einschränkung der Nahrungszufuhr "Hungersnöte" signalisiert, die ihn zu einer sparsamen "Haushaltsführung" veranlassen. Im Hungerzustand wird also möglichst wenig Energie verbraucht. Sobald aber dem Organismus wieder mehr Nahrung zugestanden wird, versucht er sie besonders gut auszunutzen, um sein ursprüngliches Körpergewicht wieder zu erreichen - die Hungersnot soll schlielich überwunden werden. Durch psychologisch und mental orientierte Abnehmprogramme werden Diätrezepte und -vorschriften überflüssig, Diätfrust kann vermieden werden.
Geschäfte mit den Pfunden
Auch Kommunikationssysteme, die auf der elektronischen Datenverarbeitung basieren, erobern zunehmend den Markt der Diätangebote. Die Teilnehmer werden zu Hause "individuell" betreut vom zentral gesteuerten Computerprogramm, das Ernährungsprotokolle auswertet, daraus Empfehlungen ableitet und Verhaltenstips zum besten gibt. Ein gutes Geschäft! - Denn nachdem der Computer einmal mit den entsprechenden Daten gefüttert ist, können ohne großen Aufwand massenhaft Abnehmwillige "beraten" werden. In der Tat scheint bei den computerunterstützten Diätprogrammen das vorrangige Ziel die Bekanntheit bei der "großen Bevölkerungsmasse" zu sein und nicht der dauerhafte Erfolg der Gewichtsreduktion.
Bei der Bewertung von Reduktionsdiäten müssen wir uns einmal klar vor Augen halten: Es geht hier auch um ein lukratives Geschäft - leider nicht zugunsten des körperlichen und seelischen Wohlbefindens vieler Menschen. Auf der einen Seite wird in unserer Gesellschaft über die Medien ein übertriebenes Schlankheitsideal geschürt. Auf der anderen Seite produziert die Ernährungsindustrie eine Vielzahl von Produkten, die genau diesem Schlankheitsideal entgegenwirken. Auch "Light"-Produkte dienen letztlich diesem Geschäft, denn sie stellen ebenfalls keine Lösung von Gewichtsproblemen dar - oftmals bleiben Nährstoffdichte und Gesundheitswert der Lebensmittel auf der Strecke. Fazit: Das wirtschaftliche Geschäft blüht, das Heer von Übergewichtigen und damit potentiell Abnehmwilligen wächst. Hinzu kommt nun das Kurieren an den Symptomen des Übergewichts. Das Schlankheitsideal und die Angst vor gesundheitlichen Schäden durch den "Risikofaktor Übergewicht" motivieren die Betroffenen dazu, endlose Abnehm-Versuche durchzuführen, teure Diät-Produkte und unzählige Zeitschriften oder Ratgeber mit den neuesten Diätversprechungen zu kaufen. Diese allerdings beleben in erster Linie wieder die Wirtschaft. Die Hauptursache - nämlich ein umfassendes Ernährungsfehlverhalten - wird so nicht aus dem Weg geschafft. Durch diesen Mechanismus ist der Weg zur eigentlichen Problemlösung gründlich verbaut. Echte Hilfe kann letztlich nur dem angeboten werden, der seinen Gesundungsprozeß selbst in die Hand nimmt.
Voraussetzung ist die Eigeninitiative
Wer dem Übergewicht ursächlich zu Leibe rücken will, steht vor dem Problem, daß er es meist mit mehreren Ursachen gleichzeitig zu tun hat. Welche Faktoren wieviel Einfluß haben, darüber streiten sich die Experten noch immer. Stehen Erbanlagen am Anfang der Ursachenkette? Prägt die im Kindesalter angelegte Anzahl von Fettzellen die Gewichtsentwicklung während des ganzen weiteren Lebens? Welche Bedeutung haben einschneidende Lebensereignisse? Verfügt das Gehirn über eine Art "Gravistat", der - wie ein Thermostat die Raumtemperatur - das Körpergewicht reguliert? Die Fragensammlung ließe sich ohne weiteres noch fortsetzen. Die Erfahrungen bei der Reduktion von Übergewicht zeigen jedenfalls, daß meist eine ganze Kette von Ursachen und Wirkungen zusammenspielt, die sich aus Veranlagung kombiniert mit physiologischen, psychologischen und situativen Aspekten zusammensetzt. Dies macht sowohl Patentrezepte unmöglich, als auch eine Hilfestellung im konkreten Einzelfall schwierig. Hierin liegt auch der Grund, daß eine echte Chance zur dauerhaften Änderung des Körpergewichts nur dann gegeben ist, wenn der Betroffene selbst - unter fachkundiger und liebevoller Begleitung - auf die Suche nach dem für ihn richtigen Weg geht und sich langfristig auf eine Änderung seines Verhaltens und seiner Lebensweise einläßt.
Abnehmprogramme, bei denen z. B. ein strenger Ernährungsplan im Vordergrund steht, sind zu einseitig ausgerichtet. Sie versäumen, den Abnehmwilligen dafür zu sensibilisieren, da zwar jedes Rädchen in einem Getriebe wichtig und unersetzlich ist, da aber erst das Zusammenspiel aller Rädchen Wert und Funktion des Getriebes ausmacht.
Unumgänglich: Das Verhalten ändern
Da grundlegende Veränderungen im Ernährungsverhalten nur mühsam und über lange Zeit zu erreichen sind, haben sich manche Angebote zur Gewichtsreduktion darauf spezialisiert, an bestehenden Gewohnheiten und Vorlieben anzuknüpfen (z. B. Weißbrot zum Frühstück). Das Bestreben, möglichst wenig Ernährungsgewohnheiten über Bord zu werfen, ist grundsätzlich begrüßenswert. Wenn allerdings qualitative Aspekte der Ernährung nahezu auer acht bleiben und lediglich am Energiegehalt und Fettgehalt des Ist-Zustands manipuliert wird, hat der Betroffene - wie so oft - bestenfalls Aussicht auf einen kurzfristigen Erfolg.
Ein weiterer Schwachpunkt ist die Überbewertung des kognitiven Bereichs. Dabei ist hinlänglich bekannt, daß Verhaltensänderungen sich nicht allein über "Kopfarbeit" und "Sich-Bewußt-Machen" einstellen, sondern hauptsächlich durch "Erleben" fest verankert werden, das heißt im gefühlsbetonten und psychomotorischen Erfahrungsbereich. So gesehen können manche Checklisten und Beobachtungen des Eßverhaltens nicht das leisten, was von ihnen erwartet wird. Sinnvoll erscheinen zusätzlich Übungen und Sinneswahrnehmungen, die positive Erfahrungswerte vermitteln.
Kontrollen können blockieren
Übernimmt während einer Reduktionsdiät jemand von außen die Kontrolle - z. B. der/die Kursleiter/in - werden leicht psychische Blockaden aufgebaut, wodurch der Prozeß der Verhaltensänderung behindert werden kann. Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen: Auch mit Elementen der Selbstkontrolle - z. B. Vorsätzen zur Bewältigung von Risikosituationen - sollte behutsam umgegangen werden. Sie können vergleichbare Auswirkungen haben, wenn sie etwa ein zwingender Bestandteil des Programms und nicht ein freiwilliges Angebot sind. Denn wie soll ich lernen, mich anzunehmen, wenn ich mich selbst auf Schritt und Tritt bei Überschreitungen ertappe? Es handelt sich hier um ein sehr zentrales und heikles Problem. Das Sich-Bewußt-Werden über Zusammenhänge ist die entscheidende Voraussetzung für eine neue Zielsetzung und für die Motivation, das Ziel anzustreben. Gleichzeitig wird jedoch häufig Aussichtslosigkeit und Überforderung empfunden - "Wie soll ich das jemals schaffen?". Der Grat dazwischen ist schmal. Liebevolle Begleitung, die gegenseitige Unterstützung in einer Gruppe von Gleichgesinnten und Erfolgserlebnisse auch bei kleinen Schritten sind hier wesentliche Aspekte für einen dauerhaften Erfolg.
Das Gewicht dauerhaft regulieren
Welche Merkmale müßte nun ein "ideales" Abnehmprogramm aufweisen:
Ganzheitlicher Ansatz: Ernährung, Bewegung, Psyche und Verhalten sind Themen eines ganzheitlichen Programms. Auch wenn in einem Abnehmprogramm nicht alle Aspekte gleichermaen behandelt werden können, mu es über ihre Bedeutung angemessen informieren und den Betroffenen dazu motivieren, alle seine Problembereiche "in Angriff zu nehmen".
Ernährungsform: Anstelle der Nahrungsquantität sollte auf die Nahrungsqualität Einfluß genommen werden. Die Qualität des Essens ist bei groen Teilen der deutschen Bevölkerung heutzutage leider so schlecht, daß eine qualitative Verbesserung der Lebensmittelauswahl unumgänglich ist. Die Vollwert-Ernährung - nicht als kurzzeitige Diät, sondern als Dauerkostform - kann die ernährungsbedingten Ursachen von Übergewicht beseitigen und gewährleistet aus folgenden Gründen eine echte Lösung dieses Problems:
- Vollwert-Ernährung ist einfach durchzuführen, da weder Kalorientabellen noch Lebensmittel-Waagen nötig sind.
- Sie sättigt sehr gut, da Frischkost und Vollkornprodukte im Mittelpunkt stehen, die einen sehr hohen Ballaststoffgehalt besitzen. Heißhungerattacken treten daher nicht auf.
- Sie garantiert eine hohe Dichte essentieller Inhaltsstoffe. Das heißt, das Verhältnis von lebensnotwendigen Inhaltsstoffen - wie Vitaminen oder Mineralstoffen - zu energieliefernden Nährstoffen wie z. B. Fett ist besonders günstig.
- Sie wirkt wegen ihrer geringen Energiedichte einer Überernährung entgegen. So liefert z. B. ein Salatteller viele Vitamine und Mineralstoffe, aber wenig Energie.
Kompetenz des Betroffenen: Die Gewichtsabnahme ist zunächst nicht das primäre Ziel. Der Abnehmwillige sollte vielmehr neues Wissen über die Ursachen von Übergewicht erlernen, Einsicht in seine Fehlernährung gewinnen und zur langfristigen Änderung seiner Ernährungsgewohnheiten motiviert werden. Ziel ist ein Genuß ohne Reue.
Positive Erfahrungswerte: Auch wenn neue Einsichten gewonnen werden, lassen sich alte Gewohnheiten nicht einfach über Bord werfen. Die Vorteile des neuen Ernährungsverhaltens werden nicht auf einen Schlag offenbar, sondern erst nach und nach entdeckt. Daher sollten Theorie und Praxis einer veränderten Kost miteinander verbunden werden, damit positive Erfahrungen auch über die Sinne möglich werden. Auch psychische Aspekte sowie Verhaltensweisen sollten mehr über das Erleben und weniger über das Denken bearbeitet werden.
Geeignete Begleitung: Gruppenprogramme sind wirksamer als Einzelberatung. Die Teilnehmer lernen voneinander und geben einander Halt. Wesentlich ist auch die Person des/der Gruppenleiters/in: Er bzw. sie sollte fachkundig, verständnisvoll und liebevoll sein, den Teilnehmern eine positive Grundeinstellung weitergeben können und Erfolgserlebnisse angemessen würdigen. Ziel sollte es sein, die Eigenverantwortlichkeit der Betroffenen zu stärken, damit sie ihre gesundheitliche Unabhängigkeit selbst in die Hand nehmen und ihre Lebensqualität verbessern können.
Quelle: Klumpp, E.: UGB-Forum 1/95, S. 22-25
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